Kevin-Prince Boateng, beste 20

In nur einer Saison geht Kevin-Prince Boateng in die Geschichte der Eintracht ein. Sein Triumphzug bis zum Pokalsieg ist fast zu kitschig, um wahr zu sein.

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Schellhorn über Boateng
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Am Abend des 19. Mai 2018 geht für Kevin-Prince Boateng eine lange Reise zu Ende. Boateng steht auf dem Rasen des Olympiastadions in Berlin – natürlich Berlin –, fasst sich mit beiden Händen an den Kopf und weint, wie einer, der weinen nicht gewohnt ist. Es regnet Gold, es ist unglaublich laut, hinter Boateng liegen 96 epochale Minuten, deren Vorlauf für Eintracht Frankfurt 30 Jahre, für Boateng eine ganze Karriere dauerte. Und an deren Ende er einen Pokal in den Nachthimmel seiner Heimatstadt reckt, der viel mehr ist als ein Pokal. "In diesem Moment habe ich Frieden gemacht", so Boateng im Gespräch mit 11Freunde. "Meinen Frieden mit meiner Heimat. Mit Deutschland."

Erst die Flucht, dann die Rückkehr

Da steht er, der Bad Boy, der Troublemaker, der eigentlich keiner ist, und seine Tränen waschen ihn rein von all den Klischees der Jahre zuvor. 2005 stößt Boateng zu den Profis der Hertha, der Ruf eines Wunderkindes eilt ihm voraus. Aber nicht jeder Weg ist gerade, Boatengs schonmal gar nicht.

Der Hochbegabte scheitert zu oft an sich selbst, ist noch öfter schlecht beraten, seine Ecken und Kanten verfestigen sich in der öffentlichen Wahrnehmung zu den Charakterschwächen eines unbelehrbaren Problemkindes. Dass Boateng da noch immer fast ein Junge ist: geschenkt. Und so flieht er aus jenem Land, als dessen größtes Talent seit langem er galt, um zumeist in der Ferne eine Karriere hinzulegen, die solide bis gut verläuft, aber nicht alle Versprechen einlöst.

2017 kommt er zur Eintracht

Als die Verantwortlichen der Eintracht Boateng im Sommer 2017 aus der Versenkung holen, beginnt damit eine Geschichte, wie sie eigentlich nur in den Drehbüchern US-amerikanischer Sportfilme existiert. Tom Berenger in "Die Indianer von Cleveland", Robert Redford in "Der Unbeugsame", nun also Boateng bei Eintracht Frankfurt.

Ein in seiner Heimat Gescheiterter, der es noch einmal allen zeigen will, bei einem Traditionsklub, der seit einer halben Ewigkeit nichts mehr gewonnen hat. Nicht wenige Fans und Experten sind skeptisch. Der? Der Troublemaker? Mit dem Star-Gehabe? Und halten die Knie überhaupt noch?

Eckig, kantig, Anführer

Sie halten, mehr noch: Boateng hält den Laden zusammen. Schnell ist er ein Anführer in der Kabine, wird zum Chef einer Truppe, die mitunter genauso eckig und kantig daherkommt wie er, und genauso gerade heraus. Die jungen Spieler wie Marius Wolf und Sébastien Haller nimmt er unter seine Fittiche, für Trainer Niko Kovac, im gleichen Kiez aufgewachsen, wird er zum Ansprechpartner auf Augenhöhe. Auch abseits des Sportlichen ist aus dem Berliner Problemkind ein Mann von Format geworden, der sich wiederholt (und sehr klug) zu gesellschaftlichen Themen wie Rassismus äußert. Und damit auch auf den Verein zurückstrahlt.

Und jesses, was für ein Spieler. Boateng ist das Herz des Teams, liest das Spiel wie andere Menschen Bücher. Vielleicht ist er nicht mehr der schnellste, aber wenige Fußballer ligaweit haben ein so tiefes, natürliches Verständnis für das Spiel. Die Technik, das Auge, die Cleverness: Sieht man Boateng spielen, auch noch im Alter von 30 Jahren, erkennt man augenblicklich, was für ihn in einer weniger holprigen Karriere möglich gewesen wäre. Und ist das nicht auch eine Art, sein Potenzial doch noch einzulösen?

Der Prinz wird zum König

Er tut es spätestens im Finale, in dem aus dem Prince ein King wird. Sein Pass auf Ante Rebic vor dem 1:0, sein Ballgewinn vor dem 2:1, die vielen kleinen Momente fußballerischer Brillanz und blitzgescheiten Zweikampfverhaltens, das unentwegte Dagegenhalten: Eintracht Frankfurt wäre ohne Kevin-Prince Boateng am 19. Mai 2018 nicht Deutscher Pokalsieger geworden.

Andererseits wäre Boateng ohne diese eine Saison mit Eintracht Frankfurt nicht der geworden, der er jetzt ist. "Ich wurde weggejagt, kam zurück, hatte das Gefühl, das die Menschen nichts Positives mit mir verbanden", so Boateng, der den Pokalsieg "wie eine Taufe" empfand. In Frankfurt, so viel ist sicher, verbindet man heute ausschließlich Positives mit ihm.

Experten-Punkte: 286

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So läuft das Bewertungssystem

Für unsere Serie "Die besten 20 Eintracht-Spieler des Jahrtausends" haben wir 25 Experten nach ihren Top 20 gefragt. Dabei waren Mitglieder der hr-Sportredaktion, Kollegen von Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau, der Bild, dem Kicker und der FAZ sowie Fan-Blogger und prominente SGE-Anhänger wie Henni Nachtsheim. Für Rang eins gab es 20 Punkte, für Rang zwei 19 und so weiter. Am Ende haben wir alle Punkte zusammengezählt und kamen so auf das finale Ranking.

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Ihre Kommentare Wer sind Ihre 20 besten Eintracht-Spieler der letzten 20 Jahre?

184 Kommentare

  • Russ

  • AMFG ist auch meine Nr. 1. Ich war erstaunt, dass das im Heimspiel am Montag nicht immer rüber kam.
    Was ich nie verstanden habe - und auch den Verantwortlichen (z.B. Bobic) übel nehme, dass man ihn im Grunde genommen abserviert hat. Er hätte einfach noch mal eingesetzt werden müssen. Auch im Pokal-Endspiel.
    Noch eine Anmerkung: Charakterlich auch ganz vorne muss Gacinovic stehen. Unvergessen und für immer im Herzen sein Lauf zum 3:1!!!

  • Gute Liste ! Was hier wieder Leute schreiben! Wusste gar nicht, dass Uwe Bein und Bernd Hölzenbein 2000 noch gespielt haben - der letzten 20 Jahre bedeutet 2000-2020! Maaaaaan!!!!

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