Gelson Fernandes (li.) und Filip Kostic
Wer noch an der Entschlossenheit der Eintracht zweifelt, sollte sich dieses Bild von Gelson Fernandes (li.) anschauen. Bild © picture-alliance/dpa

Eintracht Frankfurt erlebt in Lissabon lange einen Albtraum und ist nah dran am vorzeitigen Knockout. Dank unbändigem Willen und einem Joker könnte das Europa-Abenteuer trotzdem weitergehen. Die vogelwilde Analyse in fünf Punkten.

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Eintracht Frankfurt verliert bei Benfica Lissabon zum ersten Mal im Jahr 2019 und durchlebt bei der turbulenten 2:4-Pleite ein Wellental der Gefühle. Nach einem frühen Platzverweis gegen Evan N’Dicka und einer Zaubershow vom portugiesischen Jahrhunderttalent Joao Felix droht der große Traum vom Europa-League-Halbfinale vorzeitig zu platzen. Das böse Erwachen bleibt dank Goncalo Pacencia aber aus.

Siegesserie reißt mit einem lauten Knall

Kurz vor der Partie richteten sich die Augen der knapp 54.000 Zuschauer im Estadio da Luz gen Himmel: Lissabons Maskottchen Vitoria, ein imposanter Weißkopfseeadler, dreht dort traditionell seine Runden und fungiert nebenbei als Orakel. Landet er bereits nach einer Stadionumdrehung im Mittelkreis, so lautet der Aberglaube, gewinnt der Gegner. Fliegt er etwas länger, triumphiert Lissabon. An diesem Donnerstagabend verfolgte Vitoria jedoch offenbar andere Pläne und benahm sich zur Abwechslung wie ein Ottonormal-Vogel: Er flog davon. Über die Tribüne hinweg, in Richtung Atlantik. Auf Wiedersehen. Der vogelwilde Beginn eines verrückten Abends.

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Sondersendung online und im TV

Das hr-fernsehen und hessenschau.de zeigen am Freitag eine Sondersendung zum Spiel. "Die Rückkehr der Adler" beginnt um 18.25 Uhr.

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Denn kaum war Attilas portugiesisches Pendant verschwunden, erlebte auch die Eintracht Ungewöhnliches. Nach zuvor 15 ungeschlagenen Pflichtspielen in diesem Kalenderjahr und 14 ungeschlagenen Europa-League-Spielen in Serie setzte es tatsächlich wieder mal eine richtige, krachende Niederlage. Vier Gegentore, vor allem zu Beginn des zweiten Durchgangs weitgehend chancenlos. Das gab es lange nicht in Frankfurt. "Das Ergebnis tut natürlich weh", gab Eintracht-Trainer Adi Hütter zu. Nichts war es mit europäischem Rekord und guter Ausgangslage.

Eintracht macht zu viele Fehler

Zu einem großen Teil hatte sich die Eintracht das jähe Ende der fast schon unheimlichen Erfolgsserie jedoch selbst zuzuschreiben. Nach gutem Beginn mit starkem Pressing und einigen erfolgsversprechenden Angriffen wurde Youngster N’Dicka zum Stimmungskiller. Der junge und hin und wieder etwas ungestüme Franzose stoppte Gegenspieler Gedson (nicht Gelson!) Fernandes kurz vor dem Tor mit einer Notbremse. Folge: eine berechtigte Rote Karte, Elfmeter und die frühe Führung für Benfica (21. Minute). Ein Bärendienst in reinster Form. Denn leichter wurde es für die Eintracht mit einem Mann weniger definitiv nicht.

Luka Jovic gelang nach schönem Ballgewinn von Sebastian Rode und exzellenter Vorarbeit von Ante Rebic zwar der Ausgleich (40.), dann sah aber Keeper Kevin Trapp gleich zweimal nicht besonders gut aus. Den Distanzschuss von Felix zum 2:1 (43.) "kann man auch mal halten", wie Sportvorstand Fredi Bobic treffend analysierte. Gegentor Nummer vier rutschte Trapp durch die Hosenträger (54.). "Mein Anspruch ist es, solche Bälle zu halten. Gefühlt war jeder Schuss drin", zeigte sich Trapp selbstkritisch. "Es gibt so Tage, das muss man abhaken."

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 Wunderknabe Joao Felix

Der zweite Teil der Wahrheit ist aber auch, dass Benfica bis Mitte der zweiten Hälfte ein unfassbares Feuerwerk auf den Rasen brannte. Vor allem die tempo- und trickreiche Offensive um Rafa Silva, Cervi und allen voran Felix zeigte der Eintracht ihre Grenzen auf und stellte die Hessen vor unlösbare Probleme. Überfallartige Konter, gefährliche Standards und hohe individuelle Klasse. Ein Gegner solchen Kalibers gab es in dieser Europacup-Saison bislang nicht.

Der (junge) Mann des Abends, da waren sich alle Zeugen dieses Auftritts einig, war der 19 Jahre alte Zahnspangenträger Felix. Von Frankfurts Trainer Hütter bereits am Mittwoch zum Jahrhunderttalent erkoren, bewies der Ausnahmestürmer, warum er schon jetzt als legitimer Nachfolger von Cristiano Ronaldo gehandelt wird. Felix brillierte nicht nur durch Übersicht und Spielwitz, er zerlegte die Eintracht mit einem Dreierpack und einer Vorlage quasi im Alleingang. "Portugal kann stolz sein, so einen Spieler zu haben. Der wird nicht mehr lange bei Benfica spielen", prophezeite Hütter. Ähnlich wie bei Frankfurts Jovic sollen die prominenten Interessenten bereits Schlange stehen.

Die Frankfurter Auferstehung

Dass nach Abpfiff trotzdem nicht ausschließlich über Felix und seine Wundertaten geredet wurde, ist der bemerkenswerten Auferstehung der Frankfurter Berufsfußballer zu verdanken: Die nach knapp einer Stunde mausetot wirkende Eintracht, die mit hängenden Köpfen bereits Abschied vom Europa-League-Abenteuer zu nehmen schien, schüttelte sich plötzlich einmal kräftig und versuchte dann noch einmal alles. Ohne die ausgewechselte Doppelspitze Rebic-Jovic sprang vor allem Joker Goncalo Paciencia in die Rolle des Antreibers und drehte die Gefühlslage mit einem sehenswerten Kopfballtor (72.) einmal komplett auf links.

In den letzten 20 Minuten wirkte die Eintracht trotz numerischer Unterlegenheit und vorheriger Chancenlosigkeit frischer und spritziger als Lissabon. Ein weiterer Treffer wäre durchaus möglich gewesen. "Man hat kaum gesehen, dass wir in Unterzahl gespielt haben", lobte Sportdirektor Bruno Hübner. "Die Mannschaft hat eine tolle Moral und viel Leidenschaft gezeigt." Dem ist nichts hinzuzufügen.

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Der Halbfinal-Traum lebt

Und so klangen die Frankfurter Spieler und Verantwortlichen nach Abpfiff eher wie Sieger als Verlierer. Die Hoffnung auf den Einzug ins Halbfinale ist greifbar, aufgeben will und wird dieses Team noch lange nicht. "Ich habe den Jungs gesagt: Die hauen wir weg im Rückspiel", posaunte Bobic. "Die werden sehen, was ein echter Hexenkessel ist", ergänzte Vorstand Axel Hellmann. "Wir haben eine geile Mannschaft und werden die schlagen", war sich auch Sebastian Rode sicher.

Ein 2:0-Sieg würde am kommenden Donnerstag (21 Uhr) schon für die nächste große Überraschung und den Sprung ins Semifinale reichen. Dort wartet aller Voraussicht nach der FC Chelsea. Ein großer Name, der große Sehnsüchte weckt. "Wir haben einen Traum, und dieser Traum lebt", fasste Coach Hütter den grenzenlosen Frankfurter Optimismus zusammen. Und während er das sagte, saß irgendwo in Lissabon ein Weißkopfseeadler auf einem Baum und begann ein neues Leben.

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