Hütter lehnt an der Spielerbank.

Um für den Endgegner Bayern München halbwegs gerüstet zu sein, muss Eintracht Frankfurt dringend seine Lehren aus der Niederlage gegen Mönchengladbach ziehen. Baustellen gibt es in fast allen Mannschaftsteilen.

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zum hr-fernsehen.de Video Die Eintracht verpatzt den Re-Start – wie geht es weiter?

Mehrere Eintracht Frankfurt-Spieler sitzen auf einer leeren Tribüne verteilt, mit Masken geschützt.
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1. Mehr Mut im Mittelfeld wagen

Keine Kreativität, keine Spielidee, keine Überraschungsmomente – die Liste der Vorwürfe an das Aufbauspiel der Frankfurter Eintracht ist nach dem 1:3 gegen Borussia Mönchengladbach lang. Der Tabellendritte überzeugte zwar trotz zweimonatiger Corona-Pause mit einer scheinbar nie verlernten Kompaktheit, die Probleme der Frankfurter keimten aber bereits weit vor dem gegnerischen Strafraum: In der eigenen Zentrale schafften es weder Stefan Ilsanker (neun Fehlpässe) noch Djibril Sow (nur 23 Ballkontakte in 45 Minuten) oder der von Trainer Adi Hütter auch gerne als "Achter" gesehene Sebastian Rode, das Spiel bei Ballbesitz in Richtung Borussia-Tor zu verlagern. Der Eindruck, dass den Hessen in dieser Saison ein Kreativspieler fehlt, hat sich am Samstag verfestigt.

Bleibt also zunächst nur der Blick auf die eigene Bank, wo Mijat Gacinovic am vergangenen Wochenende 78 Minuten ausharren musste, ehe er in der Schluss- und gleichzeitig der besten Eintracht-Phase mitwirken durfte. Der junge Serbe steht bei vielen wegen seiner oftmals falschen Entscheidungen beim Abschluss oder dem letzten Pass in der Kritik, zumindest bis zum gegnerischen Sechzehner sind ihm aber Engagement und belebende Elemente nicht abzusprechen. Vielleicht ist ein Mijat Gacinovic in der Startelf genau das Maß an Mut, das Frankfurt im nächsten Spiel wagen sollte.

2. Personelle Möglichkeiten im Sturm ausschöpfen

Endlich vor dem Tor des Gegners angekommen, stellt sich natürlich die Frage: Wer soll ihn reinmachen? Gegen Mönchengladbach hievte Hütter Bas Dost in die Anfangsformation zurück, nach diversen Verletzungen und Krankheiten ist der 30-Jährige fitness- und spieltechnisch aber längst nicht dort, wo er selbst sein möchte. Erst als Dost Unterstützung in Person von André Silva an die Seite gestellt bekam, wurde das Angriffsspiel der Eintracht mit Beginn der zweiten Halbzeit etwas besser. Künftig also mit zwei Spitzen?

Zumindest Kulttrainer Dragoslav Stepanovic (1991-93 und 96 bei den Hessen) findet Gefallen an diesem Gedanken. "Mit Dosts Kopfballstärke und Silvas Technik könnte es klappen", forderte der 71-Jährige in der Bild ein System mit zwei Stürmern. Eine Variante, die die Eintracht in dieser Saison schon mehrfach praktiziert hat. Die aber auch nicht ohne Risiko ist, schließlich fällt mit Gonçalo Paciência eine weitere Alternative verletzungsbedingt vorerst aus. Und ob ausgerechnet der Bayern-Kracher am Samstag (18.30 Uhr) in München geeignet ist, um dieses System wiederzubeleben, darf freilich angezweifelt werden.

3. Zweikämpfe gewinnen

Zugegeben: Wenn virusbedingte Kontaktbeschränkungen Auswirkungen auf klassische Kontaktsportaten wie eben Fußball haben, ist das mit Zweikämpfen so eine Sache. Im Training waren sie wochenlang verboten, im Wettkampf monatelang nicht möglich. Und es ist auch nicht so, als würden die Frankfurter gar keine Zweikämpfe gewinnen: Gegen die Fohlen waren sie in dieser Statistik sogar leicht besser (52 Prozent).

Dass es aber darum geht, die entscheidenden und nicht die meisten Zweikämpfe zu gewinnen, hat vor allem die Anfangsphase des jüngsten Eintracht-Auftritts gezeigt. Beim 0:1 schalteten mit Rode, Martin Hinteregger und Evan N'Dicka entscheidende Spieler wenig bis gar nicht in den Abwehrmodus, beim 0:2 war es Almamy Touré. "So kann man sich in den Zweikämpfen nicht verhalten, auf diesem Niveau wird das einfach bestraft", sagte Hütter hinterher. Und hat damit völlig recht.

4. Die Geister-Atmosphäre annehmen

0:1 nach 36 Sekunden, 0:2 nach nicht einmal sieben Minuten, die erste eigene Chance eine halbe Ewigkeit später – zugespitzt formuliert könnte man meinen, die Profis der Eintracht hätten den Anpfiff der Partie gegen Mönchengladbach gar nicht gehört. Oder um es mit den Worten von Torwart Kevin Trapp zu sagen: "Das war ein schlechter Start von uns. Wir haben die ersten zehn Minuten komplett verschlafen." Ob es auch an der speziellen Atmosphäre eines Geisterspiels lag? Dass sich das Fehlen der Fans unmittelbar auf ein Fußballspiel auswirken kann, darf zwar keine Ausrede sein – von der Hand zu weisen ist der Effekt aber auch nicht. Gladbach kam ganz offensichtlich schneller mit den neuen Umständen zurecht, Frankfurt nicht.

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In Karlsruhe etwa gaben die Zweitliga-Spieler von Darmstadt 98 offen zu, mit der besonderen Stimmung zu fremdeln. Und auch bei den Bildern aus dem Fußball-Tempel in Dortmund drängte sich der Eindruck auf, dass sich mit dem BVB eine der beiden Mannschaften wesentlich schneller aufs Kicken konzentrieren konnte als die andere. Das Gute ist: In der jüngeren Vergangenheit hat Eintracht Frankfurt nun bereits drei Geisterspiele absolviert, das Team weiß mit den Bedingungen prinzipiell umzugehen. In Marseille hatten es die Hessen im September 2018 sogar geschafft, einen Rückstand in Unterzahl in einen Sieg zu drehen. Eine Erinnerung, ein Kraftspender, der in den kommenden Wochen helfen könnte.

5. Safety first: Sicher in der Abwehr stehen

Klingt nach banalem Fußball-Einmaleins, ist aber sicherlich eine der wichtigsten Lehren, die Hütter und Co. aus dem Gladbach- und fürs Bayern-Spiel ziehen sollten. Die frühen Gegentore offenbarten nicht nur Konzentrationsschwierigkeiten, sondern auch Stellungsfehler und Abstimmungsprobleme. So leicht wie gegen die Borussia darf es die Eintracht keinem Gegner mehr machen, will sie in der Schlussphase dieser Corona-Saison nicht noch weiter in den Abstiegsstrudel geraten.

Allerdings: Am kommenden Samstag heißen die Gegenspieler nicht mehr Alassane Pléa, Ramy Bensebaini oder Marcus Thuram – und die haben es Abraham und Co. schon schwer genug gemacht – sondern Serge Gnabry, Thomas Müller und natürlich Robert Lewandowski. Der Ausnahme-Torjäger kommt nach dem 2:0 der Bayern bei Union Berlin am vergangenen Sonntag auf mittlerweile 26 Saisontreffer. Eine stabile Defensive aufseiten der Frankfurter Eintracht ist da unabdingbar.

Sendung: hr-fernsehen, heimspiel!, 18.05.20, 23.35 Uhr