Adi Hütter

Adi Hütter hätte bei Eintracht Frankfurt in die Geschichte eingehen können. Er hat sich anders entschieden – und sein Denkmal höchstselbst abgerissen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Rode: "Ist nicht mehr von der Hand zu weisen"

Der gegen Union Berlin eingewechselte Sebastian Rode von Eintracht Frankfurt
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Es war 2015, frühmorgens auf der Tanzfläche eines Dortmunder Clubs, als Jürgen Klopp sehr kluge Worte fand. Gerade war eine schlimme Seuchensaison für Klopp und den BVB zu Ende gegangen, die gleichbedeutend mit seinem Abschied war, und Klopp sagte: "Es ist nicht wichtig, was die Leute über dich denken, wenn du kommst. Es ist wichtig, was die Leute von dir denken, wenn du gehst."

Klopp hatte den BVB als finanziell angeschlagenen Mittelfeldklub übernommen und zum zweimaligen Meister gemacht. Und ohne die Aufbauarbeit von Klopp vor knapp einem Jahrzehnt, so viel ist klar, wäre Borussia Dortmund in den vergangenen Wochen nicht an Eintracht Frankfurt vorbei- und in die Champions League eingezogen. Sein Werk in Dortmund ist nachhaltig, es wirkt bis heute nach.

Ob diese Chance je wiederkommt, weiß kein Mensch

Gut möglich, dass Klopp für Eintracht-Coach Adi Hütter in sportlicher Hinsicht ein Vorbild ist, an seinen Worten von damals hat sich Hütter jedoch nicht orientiert. In Frankfurt war Hütter auf dem besten Wege, sich ein Denkmal zu bauen und etwas ähnlich Nachhaltiges zu schaffen wie einst Klopp. Keine Meisterschaft, natürlich nicht, aber den erstmaligen Einzug in die Champions League. Das war vor vier Wochen. Nun ist die Realität: ein Scherbenhaufen. Eine Chance, die von allen Beteiligten zurecht als "historisch" bezeichnet wurde, wurde leichthin aus der Hand gegeben. Ob sie je wiederkommt, weiß kein Mensch.

Man darf nicht vergessen: Die Entwicklung der Eintracht ist nach wie vor erstaunlich, kein Verein in Deutschland wächst so rasant. Das Historische in der nun verpassten Chance liegt darin, dass mit dem Erreichen der Champions League dieser eine, entscheidende und schwierigste Entwicklungsschritt einhergehen kann, den die Europa League – bei aller Liebe – nicht bietet. Die finanziellen Möglichkeiten durch die Königsklasse sind so außergewöhnlich, dass sie einem Klub ermöglichen, sich im erweiterten Kreis der nationalen Ligaspitze zu etablieren. Die Qualifikation ist ein Flaschenhals, durch den einmal hindurchmuss, wer oben mitspielen will. Siehe Borussia Mönchengladbach.

Man will nicht auch noch verarscht werden

Apropos: Dass ausgerechnet Hütters neuer Arbeitgeber Gladbach den Europacup verpassen könnte, wäre ein gelungener Treppenwitz, wäre das Frankfurter Umfeld noch zu Humor in der Lage. Aber die Stimmung schwankt irgendwo zwischen bleiern und aggressiv, die Fans wissen ganz genau, welch Chance da verpasst wurde; manche sagen, die größte seit 1992. Und auch, was dazu geführt hat. Auch deswegen ist es gut, dass endlich auch Spieler und Verantwortliche den Zusammenhang zwischen Trainerwechsel und Leistungseinbruch öffentlich herstellen: Man will nicht auch noch verarscht werden.

So sagte Sebastian Rode nach dem Tiefpunkt auf Schalke: "Dass uns der Abgang von Adi Hütter beeinflusst, ist nicht mehr von der Hand zu weisen." Auch Hütter sagte: "Es war nicht mehr so, wie es vorher war. Natürlich ist etwas passiert." Auch wenn alle Beteiligten sich große Mühe gaben, den Trainerwechsel als nur einen von vielen Faktoren darzustellen.

Nichts ist wie vorher, keine Leidenschaft, keine Gier

Vielleicht stimmt das sogar, aber die Zahlen sind eindeutig: vier Punkte aus seither fünf Spielen. Nur braucht es in diesem Falle gar keine Zahlen, jedes der letzten Spiele ist Beleg genug. Nichts ist wie vorher, keine Leidenschaft, keine Gier, keine Aggressivität. Alles, was diese Mannschaft ausgezeichnet hat, ist ihr mit Hütters Wechsel abhandengekommen.

Wer diese Kausalität negiert, hat den Fußball nicht verstanden. Fußballmannschaften sind eigenwillige Gebilde, in ihnen kann sehr viel sehr schnell sehr kaputt gehen, vor allem dann, wenn jemand den Teamgedanken verletzt. Zumal derjenige, der ihn eigentlich vorleben sollte. Dabei ist ein Wechsel freilich legitim, die Art und Weise aber war unterirdisch. Der Journalist Peter Hess brachte es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf den Punkt: "Welcher Profi wird […] zuhören, wenn Bobic oder Hütter ihnen erklären, dass kein Individuum größer als der Klub ist, und Unterordnung ins Kollektiv fordern?"

Hätte man früher ein Machtwort sprechen müssen?

Die Antwort ist: nicht mehr viele. Und natürlich hätte man gerade von den Führungsspielern der Eintracht erwartet, auch ohne Trainer sieben Punkte Vorsprung (sieben Punkte, jesses!) ins Ziel zu retten. Und möglicherweise hätte auch jemand aus der Führungsriege früher auf den Tisch hauen müssen, schon nach Hütters desolatem Field-Interview in Gladbach ("Schönes Stadion, die Farben ändern sich") hätte dem Klub ein Machtwort gutgetan.

Vorstandssprecher Axel Hellmann sagte nach der Schalke-Pleite: "Wenn du aus den Spielen gegen Mainz und Schalke nur einen Punkt holst, hast du sportlich versagt. Die Leistung auf Schalke war blamabel. Das ist nicht der Zeitpunkt, sich über den fünften Platz zu freuen oder als Erfolg zu verkaufen. Diese Schönrederei ist das falsche Signal." Da kann man ihm nur zustimmen, aber vielleicht hätte es ähnlich deutliche Worte schon früher gebraucht.

Die kollosalste Enttäuschung seit Jahren

Der neue Sportvorstand Markus Krösche befindet sich nun in einer eigenartigen Situation. Er übernimmt einen im positiven Sinne hochemotionalen Verein, der finanziell und sportlich wächst, als eines der interessantesten Projekte im deutschen Fußball gelten kann, die beste Saison seit langem gespielt hat und nächstes Jahr in der Europa League vertreten ist.

Zugleich übernimmt er einen im negativen Sinne hochemotionalen Verein, dessen ohnehin zum Fatalismus neigende Fans Zeit brauchen werden, um sich die kolossalste Enttäuschung der letzten Jahre aus den Kleidern zu schütteln. Krösche mag ahnen: Mitunter ist das Leben mit Eintracht Frankfurt eben leicht schizoid.

Es gibt sie, die guten Nachrichten

Die Vorzeichen, auch das darf man nicht vergessen, stehen nach wie vor gut. Eintracht Frankfurt ist immer noch spannend, ist so viel professioneller als noch vor ein paar Jahren, Dinge bewegen sich, die noch vor kurzem undenkbar waren. Gerade unterschrieb das größte spanische Talent seiner Altersklasse, Fabio Blanco, einen Vertrag. Die Bedeutung Ben Mangas wird immer deutlicher, dass er dem Verein erhalten bleibt, dürfte langfristig wichtiger sein als das Weiterziehen von Bobic oder Hütter. Das sind gute Nachrichten, auch wenn die verpasste Chance Champions League aktuell viel überlagert. Aber es gibt sie, die good news.

Und Hütter? Ein Spiel hat er noch, es geht um nichts mehr. Viel wird nicht von ihm bleiben. Als er kam, hochdekoriert und als spannende Personalie, dachten viele rund um die Eintracht gut über ihn. Jetzt wo er geht, hat sich das geändert, er ist, sozusagen, der invertierte Jürgen Klopp. Das dürfte auch ihm dämmern, spätestens beim ersten Spiel mit Borussia Mönchengladbach in Frankfurt, wenn wieder vor Fans gespielt wird.