Sam Lammers im Spiel gegen Hertha BSC.

Die grausige Vorstellung von Eintracht Frankfurt gegen Hertha BSC wirft Fragen auf: Haben die Hessen falsch eingekauft? Die Neuzugänge für die Offensive stehen in der Kritik - und damit auch erstmals Vorstand Markus Krösche.

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EIntracht Frankfurt - Hertha BSC Berlin
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Nach dem Sieg gegen die Bayern schien die Eintracht-Welt wieder heil, doch gerade nach der katastrophalen ersten Halbzeit gegen Hertha BSC ist eine Grundsatzdebatte ausgebrochen - und sie nimmt erstmals auch den neuen Vorstand Markus Krösche ins Visier: Hat die Eintracht falsch eingekauft?

Der kicker schreibt am Montag: "Es wirft kein gutes Licht auf die Arbeit des neuen Sportvorstands Markus Krösche, wenn Goncalo Paciencia im Sturm plötzlich der neue Hoffnungsträger ist." Die Neuzugänge Sam Lammers, Jesper Lindström oder Jens Petter Hauge seien bislang keine Verstärkung. Nach Informationen der Bild soll Trainer Oliver Glasner ihnen in einer Kabinenansprache deutlich gemacht haben, dass er mehr von ihnen erwarte. Die FR schreibt in einem Kommentar: "Alle drei sind in dieser Verfassung auf diesem Niveau nicht konkurrenzfähig (...) Die Sportführung hat bei ihrem Personalroulette in diesem Sommer, bei aller Vorsicht, auf die Falschen gesetzt."

Die Lücke durch Silva war lange bekannt - und ist immer noch da

Im Sommer musste Frankfurt seinen Topstürmer Andre Silva zum Konkurrenten Leipzig ziehen lassen. Der Grund war eine Ausstiegsklausel im Vertrag des Portugiesen - auf einen Wechsel hätte der Klub also lange vorbereitet sein können. Ein Ersatz als Zielstürmer kam in Person von Sam Lammers allerdings erst am letzten Tag der Transferperiode; der Transfer von Benficas Carlos Vinicus soll an den Portugiesen gescheitert sein. Zuvor waren bereits der Kolumbianer Rafael Borre sowie die beiden Youngster Hauge und Lindström verpflichtet worden. Gerade Letztere sind variable, flinke und technisch versierte Offensivakteure - und passten zum Plan von Trainer Oliver Glasner.

Im Idealfall sollen seine Angreifer nach dem Gegenpressing schnell umschalten und im Rudel ausschwärmen. Auch Lammers passt von seinen Fähigkeiten als "mitspielender Stürmer" grundsätzlich zu diesem Vorhaben. So versammelt die Eintracht ähnlich wie die deutsche Nationalmannschaft viele fluide, "schwimmende" Offensivspieler - doch vermisst auch eine echte Nummer neun.

Den Jungen fehlen Timing und Durchsetzungsfähigkeit

Lammers zeigt sich bisher nicht als der Wandspieler, nach dem die Eintracht nach Silvas Abgang eigentlich gefahndet hat. Er lässt sich zurückfallen, arbeitet mit nach hinten, fehlt aber dann im letzten Drittel als Anspielstation. Lindström mangelt es an Timing, wann er zu seinen Dribblings ansetzt, und auch an der physischen Widerstandsfähigkeit. Hauge trifft zu oft die falschen Entscheidungen, gerade bei seinen Laufwegen. Dieser Zusammenschnitt aus der katastrophalen ersten Halbzeit verdeutlicht die Probleme:

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Jens Petter Hauge im Spiel der Eintracht gegen Hertha.
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In der ersten Szene lässt sich Hauge abkochen - und die Eintracht wird aus der Vorwärtsbewegung heraus kalt erwischt. In der zweiten fehlt die Staffelung, als sich Lammers und Lindström gegenseitig den Platz für ein Anspiel nehmen. In der dritten Szene führt ein Loch im Zentrum dazu, dass die Eintracht schlampig mit ungenauen, hohen Bällen aufbaut. Danach wählt Lindström mehrmals den falschen Weg oder steht schlecht zum Ball.

Transfers: Warum holte die Eintracht keinen Routinier?

Und doch muss man bei allen Unzulänglichkeiten auch einwenden: Lammers hatte lange keine Spielpraxis, Lindström und Hauge müssen sich erst einmal an die Liga gewöhnen. Diese Punkte nehmen die Spieler in Schutz, bieten aber auch Angriffsfläche bei den Verantwortlichen: Hätten sie routinierte, bundesligaerprobte Kräfte holen sollen? Denn eine solche traf immerhin zuletzt: Goncalo Paciencia sollte eigentlich verkauft werden - jetzt ruhen die Hoffnungen ausgerechnet auf ihm.

Während Vorstand Krösche diese Fragen beantworten muss, stellt sich eine andere an den Cheftrainer Glasner: Warum hat die Mannschaft so wenig Struktur in der Offensive? Der Coach verweist auf die vielen "englischen Wochen" und Länderspielabstellungen, um die fehlenden Automatismen zu erklären. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Personal- und Systemwechsel die Spieler augenscheinlich verunsichert haben. Sie laufen derzeit weniger im Rudel, sondern einzeln aneinander vorbei.

Glasner und die Eintracht wollten sich emanzipieren von der Abhängigkeit von Filip Kostic' Geniestreichen - das betonte Glasner auch nach dem Spiel gegen Hertha noch einmal. Doch derzeit sind sie im Spiel nach vorne von Kostic noch abhängiger als je zuvor.