Rebic Pokalfinale

Ante Rebic geht, wie er bei Eintracht Frankfurt spielte: gallig, explosiv, teils chaotisch. Selten hat ein Spieler so zu den Hessen gepasst wie der eigenwillige Kroate.

Videobeitrag

Video

zum hr-fernsehen.de Video Das Pokalwunder der Eintracht

Die Eintracht posiert für das berühmte Siegerfoto.
Ende des Videobeitrags

Es ist eine Millisekunde, in der es dutzende Möglichkeiten gibt, aber Ante Rebic trifft die richtige Entscheidung. Mats Hummels hat er bereits abgeschüttelt, aber der Ball wird lang und länger, und dann ist da ja noch Bayern-Keeper Sven Ulreich, der sich vor ihm aufbaut. Rebic, der ganze  Körper ein einziger Muskel, das Gesicht mit einer Entschlossenheit, als müsse er in den Krieg ziehen, springt ab und streichelt den Ball mit der Pieke ins Tor. Und das Pokalfinale 2018 kippt zehn Minuten vor Schluss zugunsten von Eintracht Frankfurt.

Für jeden, der es mit den Hessen hält, ist dieser Moment zu einem ikonischen Bild geronnen. Es gibt Poster von diesem Tor, Fans haben es sich als Tätowierung stechen lassen, dahin, wo die Erinnerung an diesen Moment ja sowieso schon ist: unter die Haut. Knapp ein Jahr später ist Rebic in Frankfurt nun eben dies: Erinnerung. Nach wochenlangem Wechseltheater verlässt der Kroate die Hessen und geht zum AC Mailand.

Beständig zwischen Genie und Wahnsinn

Bildergalerie

Bildergalerie

zur Bildergalerie Der verrückte Eintracht-Transfersommer in Bildern

Ende der Bildergalerie

Rebic spielte nur drei Jahre bei den Hessen, und doch fühlt es sich an, als kehre da eine Vereinslegende seinem Klub den Rücken. Das mag zu Teilen daran liegen, dass der Klub genau in diesen drei Jahren eine kaum für möglich gehaltene Entwicklung genommen hat, die eben auch eng mit dem Namen Rebic verbunden ist. Vor allem aber lieg es auch daran, dass Rebic wie kaum ein Spieler in den letzten Jahren zu Eintracht Frankfurt gepasst hat.

Videobeitrag

Video

zum Video Das Pokalfinale - alle Tore

pokal
Ende des Videobeitrags

Beständig zwischen Genie und Wahnsinn wandelnd, wusste man bei Rebic nie sicher, ob man eine Weltklasse-Performance erwarten konnte oder doch ein lustloses Abwinken, ein Traumtor oder eine Tätlichkeit. Selten füllte ein Spieler der Hessen das klubeigene Klischee der launischen Diva so mit Leben wie Rebic. "Manchmal hat er Sachen gemacht, die waren der Wahnsinn. Aber dann hat er mich auch in den Wahnsinn getrieben", sagte sein Ex-Trainer und Förderer Niko Kovac einst über seinen Landsmann.

Das Voll-Durchziehen als Lebenseinstellung

Kovac schien Rebic die gröbsten Flausen ausgetrieben zu haben, dennoch wirkte der 25-Jährige bis zuletzt wie einer, der für Höchstleistungen einen extra Tritt in den Hintern benötigte. Was ihm die Fans indes nie übel nahmen, mehr noch: Sie liebten ihn. Die Tore, klar, aber auch seine Wucht, die Energie und teils anarchisch wirkende Spielweise. Die kalte Wut, mit der Rebic in seine Gegner rannte und jeden verlorenen Ball, jeden zweifelhaft abgepfiffenen Zweikampf als Zumutung verstehen zu schien.

In seinen besten Momenten war Rebic im Stadtwald eine Naturgewalt, seine Unberechenbarkeit ein Ass im Frankfurter Ärmel. "Du ziehst jetzt voll durch", habe Rebic vor seinem Treffer in Berlin zu sich gesagt – und getan. Das aber nicht nur in Berlin: Das Voll-Durchziehen war genau jene Eigenschaft, die ihn von anderen absetzte und die die Fans von ihren Sitzen riss. Fast wirkte es wie Rebics Lebenseinstellung. Hinzu kam seine unprätentiöse Art im Privaten, mit der er wie selbstverständlich mit Bier und Billig-Baguette beim Grillen im Innenhof seines Friseurs posierte. "Hier habe ich mich selbst gefunden", sagte Rebic im Vorjahr der Frankfurter Rundschau. Man kann davon ausgehen, dass in diesem Satz eine Tiefe steckt, die über seine sportliche Entwicklung hinausgeht.

Passender Schlussakkord

Zitat
„In diesem Sinne ist es wunderbar folgerichtig, wie Rebics Wechsel ablief, schließlich ging er, wie er stets spielte: wütend, ohne Rücksicht auf Verluste, mit heraufbeschworenem Chaos als gangbarem Weg.“
Zitat Ende

Es ist die sachte Tragik dieses Transfers, dass Rebic zuletzt gar nicht sonderlich bewusst schien, wie gut er zu diesem Verein gepasst hat und andersherum. Pokalheld, Starstürmer, Publikumsliebling – die Verbindung Rebic – Eintracht hatte ein Potential wie wenige andere Konstellationen aus Spieler, Klub und Fans, die ja ohnehin immer unverbindlicher und überhaupt seltener werden. Ob er beim AC Mailand ebenso gefeiert werden wird? Ob der Wechsel tatsächlich einen sportlichen Schritt nach vorne bedeutet? Wird man in der Modestadt ebenfalls gefeiert, wenn man im schrammeligen Innenhof ein Ein-Euro-Baguette auf den Grill legt, weil das nun mal genau das ist, was man mit seinen Kumpels eben macht?

Externer Inhalt

Externen Inhalt von Youtube (Video) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Youtube (Video). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Er habe Rebic zum Abschied "einen Tritt in den Hintern" verpasst, schmunzelte Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic anlässlich des nicht eben geräuschlosen Transfers am Sonntag nach dem Spiel gegen Düsseldorf. In diesem Sinne ist es wunderbar folgerichtig, wie Rebics Wechsel ablief, schließlich ging er, wie er stets spielte: wütend, ohne Rücksicht auf Verluste, mit heraufbeschworenem Chaos als gangbarem Weg. Seit Wochen schon schien Rebic gewillt, die Situation eskalieren zu lassen. Im Europacup-Hinspiel gegen Racing Straßburg verweigerte er das Fußballspielen, im Rückspiel dann ging er plötzlich wieder wie ein Wilder in die Zweikämpfe – und sah noch vor der Pause Rot. Aber mal ehrlich: Ist dieser Schlussakkord nicht viel passender, viel mehr Ante Rebic, als eine Ehrenrunde mit Blumenstrauß?