Stefan Aigner bejubelt seinen Treffer im Heimspiel im Europapokal gegen Porto 2014.

Stefan Aigner hat als Fußballprofi in Hessen viele Spuren hinterlassen. Nun blickt er zurück auf Europapokal-Nächte, Frotzeleien mit Alex Meier und tückische Verletzungen.

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Normalerweise würde Stefan Aigner jetzt mitten in der Saisonvorbereitung stecken: Trainingslager, schier endlose Einheiten, Testspiele mit teils neuen Kollegen. Doch nach seinem Karriereende nach 15 Jahren als Fußballprofi ist zum ersten Mal alles anders. "Ich habe Zeit für die Familie, ich kann den Kleinen zum Kindergarten fahren und wieder abholen. Ich bin eigentlich 24 Stunden daheim, aber es ist nicht so, dass mir langweilig ist", sagt er im Gespräch mit hessenschau.de. "Im Gegenteil: Es ist einiges zu tun - mit zwei Kindern sowieso."

Verletzungen machen noch immer Probleme

Nach knapp 400 Spielen im Profibereich hat der gebürtige Münchner seine Fußballschuhe in diesem Sommer an den berühmten Nagel gehängt. Vorausgegangen war eine bittere Saison, in der Aigner genau ein Spiel für den SV Wehen Wiesbaden bestritten und sich anschließend eine gefühlte Ewigkeit in der Reha gequält hatte. Schuld war eine tückische Verletzung am Schambein. "Es hat sich lange aufgebaut und ist immer schlechter geworden", berichtet Aigner, bei dem irgendwann der Entschluss reifte, aufzuhören – im gehobenen Fußballeralter von 33 Jahren.

Die Schambein-Verletzung spürt er noch immer, wenn er mit Söhnchen Felix kickt – nicht die einzige Blessur, von der er Nachwirkungen davon getragen hat. Der schmerzhafte Zusammenprall mit Mannschaftskollege Marcel Titsch-Rivero im Spiel des SV Wehen Wiesbaden gegen Heidenheim 2019 hat ebenfalls Spuren hinterlassen. "Ich kann nur noch mit Nasentropfen schlafen und kriege auf der einen Seite fast keine Luft." Ein unschönes Andenken an sein Gastspiel beim SVWW, den er als "familiären Verein mit gutem Mannschaftsklima" beschreibt.

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In der Europa League wurde ein Traum wahr

Trotz seiner zwei Jahre in der Landeshauptstadt ist Aigner den hessischen Fußballfans natürlich vor allem durch seine Zeit bei Eintracht Frankfurt (136 Pflichtspiele) in Erinnerung. Auch er selbst gerät sofort ins Schwärmen, wenn er an die Jahre 2012 bis 2016 zurückdenkt. "Für viele Spieler in der Bundesliga ist Frankfurt eines der geilsten Stadien, es war einfach ein Traum, da zu spielen."

Sein größter Moment? Aigner muss nicht lange überlegen und nennt das Heimspiel gegen den FC Porto in der K.o.-Phase der Europa League 2013/2014. "Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie wir ins Stadion eingelaufen sind. Und dann die Choreografie, das war irre. Die Hymne - sowas erträumt man sich als Jugendspieler immer." Zumal Aigner mit seinem Treffer zum 1:0 den wilden Torreigen eröffnete, an dessen Ende ein 3:3 und das denkbar unglückliche Ausscheiden der Frankfurter stand.

Abschied von der Eintracht "falsche Entscheidung"

Die Aufmerksamkeit zog in dieser Zeit vor allem Torjäger Alex Meier auf sich, was den bescheidenen Aigner zwar keineswegs störte, aber für einige Frotzeleien zwischen den beiden sorgte. "Ich habe mal zu ihm gesagt: 'Wenn du meine Vorlagen nicht hättest, dann wärst du hinter mir'", so Aigner mit Blick auf die Scorer-Tabelle, in der beide mannschaftsintern stets vorne zu finden waren. "Aber er hat über meine Vorlagen immer gesagt: 'Ich mache aus Scheiße Gold.'"

Den überraschenden Wechsel 2016 – Aigner ging als Bundesliga-Stammspieler bei der Eintracht zurück in die zweite Liga zu 1860 München – bezeichnet er mittlerweile als "sportlich die falsche Entscheidung". Der Mittelfeldmann wollte sich den Traum, mit seinem Heimatverein in die Bundesliga aufzusteigen, erfüllen. Das Ganze ging schief und endete gar im Abstieg. "Ich hatte lange Zeit keine Lust mehr auf Fußball", beschreibt er seine anschließende Gemütslage.

Neues Leben, neue Ziele

Die Lust kam langsam zurück, als er für einige Zeit in Colorado in der MLS spielte. Über Uerdingen ging es 2019 wieder nach Hessen zum SV Wegen Wiesbaden, der Aigner die Gelegenheit bot, noch mal in der zweiten Liga zu spielen. "Wir sind ja viel umgezogen und viel rumgekommen, aber die Zeit in Hessen war mit die schönste", sagt er rückblickend über seine Zeit in Frankfurt und Wiesbaden.

Während die ehemaligen Kollegen sich also durch die Vorbereitung zur Saison 2021/2022 quälen, hat sich Aigner neue Ziele gesetzt. Er bietet jungen Nachwuchskickern Individualtraining an und steht bei Jugendmannschaften unterstützend an der Seitenlinie. "Die Mannschaften freuen sich und ich lerne auch was dazu", so beschreibt er seine Motivation, die ihn irgendwann auch zum Trainerschein führen soll. Er will aber alles langsam angehen – und seine neu gewonnene Ruhe genießen. "Ich muss nicht mit aller Gewalt in den Jugendleistungsbereich oder so schnell wie möglich im Profigeschäft Trainer werden. Die Zeit zuhause ist auch mal schön."