Helmut Sonneberg im Eintracht-Museum.
Helmut Sonneberg sprach im Eintracht-Museum ausführlich über sein Leben. Bild © Eintracht_Museum

Eintracht Frankfurt blickt zurück auf das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Und das mit einem Zeitzeugen, der alles erlebt hat und eine klare Botschaft an die jüngere Generation hat.

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Sonny Sonneberg

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Sonneberg: "Das ist Geschichte, die man nicht vergessen sollte"

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"Babbeln konnte ich schon immer", sagt Helmut Sonneberg. Eigentlich. Denn ein Thema in seinem Leben hat der langjährige Eintracht-Fan immer verschwiegen. "Sonny", wie der 87-Jährige von allen genannt wird, hat das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte hautnah selbst erlebt. Als kleiner Junge wurde er als "Volljude" ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Es dauerte mehr als 70 Jahre, bis er sein Schweigen brach. Am Dienstagabend erzählt er im Eintracht-Museum mit ruhiger Stimme von seinem Leben – ausführlich, eindringlich und mit einer klaren Botschaft.

Der Anlass dazu: die neue Veranstaltungsreihe "Frankfurt. Theresienstadt. Eine Spurensuche" des Bundesligisten, die zwei Tage nach dem Holocaust-Gedenktag startet. Die Fanbetreuung des Vereins und das Eintracht-Museum blicken zurück in die Zeit des Nationalsozialismus - die auch vor dem Verein nicht Halt gemacht hat. Dazu wollen sich die Förderer des Projekts bis zum Oktober dieses Jahres in mehreren Stationen auf "Spurensuche" begeben. An Orten in Frankfurt und darüber hinaus. Den Abschluss bildet eine Fahrt ins ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt.

Sonneberg: "Ich habe es die ganzen Jahre verdrängt"

"Sonny", langjähriger Eintracht-Kult-Fan und Mitglied des Vereins, ist der Mittelpunkt – des Projektes und des Auftaktabends. Randvoll ist es im Eintracht-Museum, als er über seine Zeit im Konzentrationslager spricht. Manche Zuhörer haben keinen Sitzplatz mehr bekommen, müssen den gesamten Vortrag über stehen. Sonneberg wurde als 13-Jähriger Anfang 1945 von Frankfurt nach Theresienstadt deportiert.

Warum er diese Erfahrungen lange verschwiegen hat? "Es war unmöglich. Ich habe es die ganzen Jahre verdrängt", erzählt er offen. Für die Veranstaltungsreihe bricht er jedoch sein Schweigen und erzählt seine Geschichte. Überzeugt wurde er von seiner Tochter, die ihm Mut machte. Und einmal angefangen, merkt man schnell, dass Sonneberg wirklich "babbeln" kann – und seine Geschichte noch im Detail präsent hat.

Theresienstadt sollte "Vorzeigelager" sein

Helmut Sonneberg und Familie.
Helmut Sonneberg (links) mit seiner Familie. Bild © Eintracht_Museum

Es ist eine Geschichte voller Erniedrigungen und nicht beantworteter Fragen. "Wieso ich? Woher nehmen sich diese Menschen das Recht? Warum bin ich anders?" Mit sieben Jahren darf er nicht mehr in die Schule gehen, später muss er einen Judenstern tragen. Und irgendwann steht ein kleiner Mann mit einem Zettel in der Hand vor der Tür, der nur kurz und knapp verkündet, wann und wo er und seine Mutter sich einzufinden hätten, um zum Arbeits-Einsatz abgeholt zu werden. Das Ziel: Theresienstadt.

Im Gegensatz zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau war Theresienstadt ein Arbeitslager, von den Nationalsozialisten als "Vorzeigelager" konzipiert - falls Inspekteure vorbeikamen. Tatsächlich war es eine Kulisse, in der sich viele Inhaftierte zu Tode schufteten. "Es war die Illusion des Lebens - und der Tod für viele", beschreibt es Axel Hoffmann, der das Gespräch mit Sonneberg führt.

14. Geburtstag im Konzentrationslager gefeiert

Nach fünf Tagen im Viehwaggon treffen "Sonny" und seine Mutter an diesem Ort ein.  Die ersten Eindrücke: Dunkelheit, Hundegebell, Trillerpfeifen, Männer in Uniform und Stiefeln. Der Alltag hier: wenig zu essen, viel Arbeit. "Es war eine schreckliche Zeit. Und diese Zeit wird immer in meinem Gedächtnis bleiben als das Bedrückendste, was ich in meinem Leben erlebt habe", so Sonneberg.

Eintracht-Fan Helmut Sonneberg 1959.
Eintracht-Fan Sonny 1959. Bild © Eintracht_Museum

Im Mai 1945 wird das Konzentrationslager  befreit. "Sonny", der in Theresienstadt seinen 14. Geburtstag gefeiert hat, macht sich mit seiner Mutter auf den beschwerlichen Weg zurück nach Frankfurt. "Ich wollte heim", erklärt er heute. Zuhause spricht er nicht über die Zeit im Lager. Nicht mal mit seinen Freunden. Er lebt weiter in Frankfurt, feiert mit seiner Eintracht 1959 die Deutsche Meisterschaft, bleibt weiter Vereins-Mitglied.

Sonneberg hat eine klare Botschaft

Seit Dienstag ist sein Leben in Frankfurt und im Lager nun aber der große Teil der Veranstaltungsreihe "Frankfurt. Theresienstadt. Eine Spurensuche". "Aus dieser Geschichte ist die Projektidee entstanden", berichtet Julian Schneider von der Fanbetreuung: "Wir freuen uns sehr, dass er uns dabei begleitet, und dass er jetzt darüber spricht."

Denn Sonneberg selbst erzählt nicht nur von sich und seinem Leben im Lager, sondern möchte damit und mit der Veranstaltungsreihe auch etwas bewirken. Seine Botschaft an die jüngere Generation: "Das Wesentliche, was ich möchte, ist: nicht zu vergessen! Ich möchte dazu beitragen, dass so etwas nicht mehr passiert. Diese Geschichte - auch wenn sie noch so schwer zu ertragen ist - darf nicht vergessen werden!" Die "Spurensuche" wird dazu sicher ihren Teil beitragen. Und da Sonneberg auch bei den nächsten Terminen dabei sein will, wird er auch dort wieder "babbeln" – und seine Geschichte erzählen.

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julian schneider

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Julian Schneider: "Das gehört zur Identität der Eintracht"

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Hier geht es zu den Terminen der Veranstaltungsreihe.