Gacinovic Pokalfinale

Mijat Gacinovic verlässt Eintracht Frankfurt nach fünf Jahren. Sportlich ist das nachvollziehbar, aber emotional tut der Wechsel den Fans weh. Denn Gacinovic hat vielen von ihnen den Fußballmoment ihres Lebens beschert.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Spielertausch: Gacinovic geht, Zuber kommt

Torró, Gacinovic und Touré
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Und dann läuft er. Läuft und läuft, sieht sich hektisch, fast ein wenig ängstlich um, läuft, die Wand aus Frankfurter Fans vor sich und Mats Hummels im Nacken, und alle laufen mit ihm, springen, schreien, zuhause vor dem Fernseher, im Stadion, seine Mannschaft an der Seitenlinie. Sechs Sekunden, sieben, acht, neun, dann rollt der Ball über die Linie – und der Rest ist pures, glückseliges Chaos.

Abertausende Spieler haben in den vergangenen Jahrzehnten in der Bundesliga gespielt, den wenigsten wird ein Moment vergönnt gewesen sein, wie Mijat Gacinovic ihn im Mai 2018 im Pokalfinale erlebt hat. Vor allem: Den so viele andere durch ihn erlebt haben. Seit 2015 kickte Gacinovic in Frankfurt, fünf Jahre, das sind 157.680.000 Sekunden. Nur neun davon hat er gebraucht, um zur Legende zu werden.

Neun Sekunden zur Vereinslegende

Dabei ist es ja so: Der moderne Fußball taugt eigentlich nur noch bedingt zur Legendenbildung. Die Wettbewerbe verändern sich, gewonnen werden sie meist von den gleichen Großen, die die Kleinen fressen, unterdessen kommen neue Spieler und ziehen bald weiter, als wären sie nie da gewesen. Wie viele echte Helden gibt ein Fanleben noch her? Ein Club ist eine Durchgangsstation, fair enough, aber für jene, die Tag für Tag ihr Herz an den Club hängen, kann er genau das sein: ein ganzes Leben.

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Verbringt man dieses Leben mit einem Mittelklasseclub wie Eintracht Frankfurt, ist das bei aller Freude oft auch zäh. Man geht die Stadiontreppen hoch und wieder runter, steigt ab, steigt auf, die Funkels und Skibbes wehen an einem vorüber, die Niederlagen und Siege ebenso, was bleibt, ist der Club, und die Gewissheit, dass man auch nächste Woche die Stadiontreppen hoch und dann wieder runter gehen wird. Es war ja schon immer so.

Und dann kam Gacinovic

Wenn man Gacinovics Tor nicht vor diese Schablone hält, kann man seine Bedeutung für die Fans von Eintracht Frankfurt nicht verstehen. Jahre, Jahrzehnte passiert nicht viel, und das ist okay, es geht beim Fußball ja auch um tausend andere Dinge, die sowieso viel wichtiger sind. Freundschaft, Zusammenhalt, Leidenschaft, nicht zuletzt Spaß. Was sind da schon Titel, zumal man ja ohnehin nicht mehr mit ihnen rechnet.

Und dann das. Eine abgewehrte Ecke, ein langes Bein, neun Sekunden, die das Gewicht von 30 Jahren tragen. Ganze – und nicht wenige – Fanleben schnurren auf diesen Moment zusammen, Gacinovic läuft und läuft, läuft den Lauf seines Lebens, tauscht 30 Jahre Leid gegen neun epische Sekunden, es ist ein guter Tausch. Egal was vorher war oder noch kommen wird, tausende Fans werden bis an ihr Lebensende von diesen paar Augenblicken zehren. Was sind schon neun Sekunden, könnte man fragen. Alles, könnte man antworten.

Die Ewigkeit kennt kein Transferfenster

Nun verlässt Gacinovic Eintracht Frankfurt, er hat sich sportlich nie vollends durchsetzen können und versucht es jetzt woanders. Auch das ist der Lauf des Lebens, ist man Fußballprofi, und man kann ihm nur viel Glück wünschen. Dass das Transferfenster irgendwann kommen würde, durch das Gacinovic entschwindet, war ja klar, auch wenn es die Fans schmerzt. Aber die Ewigkeit, schrieb hr-Reporter Frank van Bebber nach Verkündung des Wechsels bei Twitter, kennt ja sowieso keine Transferfenster.

Sendung: hr-iNFO, Nachrichten, 04.08.20, 12 Uhr