Rose Hütter

Ganz Frankfurt schwärmt, doch Fredi Bobic und Adi Hütter haben keinen Sinn für Romantik. Das hängt auch mit ihren persönlichen Geschichten zusammen. Die Frankfurter Lage wird zum Sinnbild der Bundesliga.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hütter und Eberl vor dem Spiel Gladbach-Frankfurt

Adi Hütter
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Die Wut und Enttäuschung der Frankfurter bekommt Adi Hütter in diesen Tagen erst einmal nicht direkt zu spüren. Die Mannschaft und der scheidende Trainer bereiten sich in ihrer eigenen Blase auf das Spiel gegen Mönchengladbach vor. In diesem Fall kann der Abstand für die Beteiligten wohltuend sein. Ein Stimmungsbild von außen bekam Hütter nach seinem feststehenden Weggang allerdings unumwunden bei der Medienrunde am Donnerstag präsentiert.

"Wir haben Sie alle für sympathisch gehalten, wir haben Sie gemocht, wir haben Sie geschätzt, nun haben Sie uns geschockt", lauteten die bitteren Worte des zugeschalteten Medienvertreters. Hütter hatte sich in den vergangenen Wochen einen Panzer aus Worthülsen angelegt, aber in diesem Moment rang er doch einen Moment um die richtige Replik. Er pochte darauf, zwischen Mensch und Job zu trennen, dann fügte er an: "Wenn man als Trainer rausgeschmissen wird, dann fragt hinterher auch keiner mehr danach, ob man sympathisch war oder nicht."

Die Fans denken an magische Nächte, Hütter ans Scheitern

Allein diese kurze Sequenz offenbarte die Gegensätze in Frankfurt: Fans, Mannschaft und eigentlich das komplette Umfeld in der Mainmetropole sind allein von der Vorstellung beseelt, im kommenden Jahr die Champions-League-Hymne im Stadion zu hören, flankiert von beeindruckenden Choreografien und gefolgt von Kostic' beeindruckenden Flanken. Gegen Größen wie Real, Barcelona oder Paris. Trainer Adi Hütter und Vorstand Fredi Bobic allerdings bedenken schon das Scheitern nach der Schönheit, inklusive Entlassung. In ihren Augen markiert diese schon jetzt historische Saison keine Wegmarke zum Gipfel, sondern den Gipfel selbst. Das mag nur schwer nachvollziehbar sein, aber der vergangene Trennungsschmerz hat beiden die Romantik ausgetrieben.

Hütter war seinem Heimatverein SCR Altach so verbunden, wie Außenstehende es nun in Frankfurt vermutet hätten. Als er dort aber drei Mal in Folge den Aufstieg verpasste, wurde Hütter 2012 entlassen. "Das hat mir sehr, sehr weh getan. Da bin ich wirklich am Boden gelegen", sagte Hütter im Interview mit dem Magazin 11 Freunde. "Ich war fertig. Aber ich wusste auch, dass ich schnell wieder aufstehen muss, weil die Leute sonst anfangen, auf mir herum zu trampeln."

Trennungen haben Bobic und Hütter die Romantik ausgetrieben

Bei Fredi Bobic verhielt es sich ähnlich in Stuttgart. Bei seinem Heimatverein war er im September 2014 als Manager entlassen worden, nur kurz nachdem die Offiziellen ihm eigentlich ihr Vertrauen ausgesprochen hatten. Von seinem Rauswurf erfuhr Bobic unmittelbar vor dem Spiel in Dortmund per Telefon und setzte sich direkt wutentbrannt ins Auto, um nach Hause gen Stuttgart zu fahren. Bobic und Hütter haben sich nach jenen Erfahrungen ein sachliches und distanziertes Verhältnis zu ihrem Arbeitgeber angeeignet.

Selbst nach seiner Vertragsverlängerung 2018 um fünf Jahre machte Bobic intern wie öffentlich deutlich, dass ihm ein Jahr auch genügt hätte. Von Euphorie und Schwärmereien war da schon keine Rede. "Der Chef des Aufsichtsrat weiß, dass mich auch andere Aufgaben, beispielsweise im Ausland, reizen", sagte Bobic noch vor zwei Jahren im Podcast Phrasenmäher.

Hütter verließ nur einmal seinen Panzer - und bereut es nun

Diese Mentalität passt nur schwer zum ohnehin emotionsgeladenen Klub - und sie verstört gerade in der aktuell sportlich wie finanziell verbesserten Situation. Doch die Flucht aus Frankfurt steht symptomatisch für eine neue Generation auf den Trainer- und Funktionärsposten, die mithilfe von Beratern Karrierepläne und Ausstiegsklauseln entwickelt - als doppelten Boden gegen Enttäuschungen und Entlassungen. Marco Rose in Mönchengladbach, Hansi Flick in München oder vielleicht bald Julian Nagelsmann in Leipzig: Sie fühlen sich im Zweifel eher sich selbst verpflichtet als dem Verein.

Seine nüchterne Sachlichkeit hat Adi Hütter zuletzt nur ein einziges Mal verlassen, als er Ende Februar bei Sky sagte: "Ich bleibe." In jener Fernsehshow schob er sogleich nach, dass es im Fußball keine Garantien gebe. Doch da hörte schon niemand mehr hin. Wahrscheinlich war Hütter zu jenem Zeitpunkt tatsächlich noch davon überzeugt zu bleiben, weswegen er sich nun entschlossen gegen das Stigma eines Lügners wehrt. In der Rückschau hätte er sich wohl gewünscht, ein Kovac'sches "Stand jetzt" angefügt zu haben.

Wolfsburgs Trainer kontert: "So wie Adi Hütter?"

So wird nicht nur Hütter, sondern werden viele andere Trainer in der Zukunft nicht die große Romantik offenbaren, sondern die durchdachte Rhetorik: "Stand jetzt", "Derzeit", "Ich habe bislang keinen Grund, etwas anderes anzunehmen" oder "Nach Lage der Dinge". Wolfsburgs Trainer Oliver Glasner sagte in dieser Woche auf die Frage, warum er sich nicht klar zum Klub bekenne: "So wie Adi Hütter?!" Fans und Medienvertreter werden wohl in Zukunft klare Bekenntnisse noch seltener zu hören bekommen als ohnehin schon - oder sie sprechen ausschließlich mit Christian Streich.