Eintracht holt als Einheit den Pokal.

Wie konnte Eintracht Frankfurt für den Titelgewinn so über sich hinauswachsen? Eine Spurensuche zu den Visonen von Martin Hinteregger, den Augen von Sebastian Rode und dem Dialekt des Trainers.

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Eintracht Frankfurt: Die Mannschaft präsentiert den Pokal

Kevin Trapp feiert aufm Balkon
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Martin Hinteregger wusste es. Der verletzte Österreicher kam zum Endspiel in Sevilla nicht in zivil, sondern in voller Spielkleidung. Das war kein Zeichen dafür, dass sein lädierter Oberschenkel doch noch geflickt worden wäre, sondern eines des Zusammenhalts. Hinteregger war schon vor dem Anpfiff der Begegnung mit den Rangers klar gewesen, dass die Eintracht den Pokal gewinnen werde: "Ich habe von Anfang an gewusst, dass das unser Abend wird. Diese Geschichte musste zu Ende geschrieben werden und heute wurde sie zu Ende geschrieben."

Sportvorstand Markus Krösche hatte ein ähnliches Gespür bewiesen, als er vor dem Auswärtsspiel beim großen FC Barcelona die zunächst noch illusorisch wirkende Losung ausgab: "Wir fahren da hin und schlagen die." Trainer Oliver Glasner hatte intern schon nach dem Achtelfinalsieg gegen Betis davon gesprochen, dass die Eintracht am 18. Mai im Finale auflaufen werde.

Die Mannschaft wurde größer als die Summe ihrer Teile

Man mag derlei Aussprüche als zur Schau getragenes Selbstbewusstsein interpretieren, als Beitrag zur "selbsterfüllenden Prophezeiung", aber vielleicht hatten Hinteregger, Krösche und Glasner einfach nur einen entscheidenden Vorteil: Sie kannten diese Mannschaft, die im Laufe dieser turbulenten Saison größer wurde als die Summe ihrer Einzelteile. Die zur SG Einheit Frankfurt mutierte.

Beim letzten Uefa-Pokal-Sieg einer deutschen Mannschaft vor genau 25 Jahren, dieser Exkurs sei erlaubt, gab sich Schalkes Manager Rudi Assauer gleichfalls siegesgewiss vor dem Duell mit dem übermächtigen Gegner Inter Mailand: "Ich habe beim Frühstück den Spielern in die Augen geschaut und dann gewusst, dass wir gewinnen." Wenn man also den Nachfahren der Schalker "Eurofighter", den Spielern von Eintracht Frankfurt, in die Augen sah, konnte man den gleichen Schluss ziehen.

Rode denkt mitten im Rampenlicht an einen gestürzten Fan

Kapitän Sebastian Rode berichtete schon Tage vor dem Finale, wie schön es wäre, als Hessebub den Pokal in die Höhe zu recken und dann daheim mit seinen Jungs den Triumph zu feiern. Unmittelbar vor dem Anpfiff, als die Kameras die Spieler abfuhren, fingen sie natürlich auch Rode ein, den von Verletzungen und Rückschlägen Gebeutelten, der eigentlich fast schon als Stand-by-Profi galt, der mitunter selbst nicht mehr glaubte, in dieser Saison noch einmal bei 100 Prozent zu sein. Unmittelbar vor diesem Finale lag in Rodes Gesicht keine Verzagtheit, keine Angst vor einem möglichen Scheitern. Rode lächelte fast. Alles an ihm sagte, was am besten mit einem britischen Spruch beschrieben werden kann: Bring it on.

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"Pokal ist schöner als Sex" - So klingt der Europa-League-Sieger

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Am Abend nach dem gewonnenen Titel, beim Empfang auf dem Frankfurter Römer, leuchteten seine Augen noch mehr als die abgebrannten Bengalos seiner Mitspieler und der Fans. Rode schnappte sich das Mikrofon, die Narbe am Kopf war noch deutlich zu sehen. "Nach dem Gladbach-Spiel habe ich gesagt, wir als Mannschaft wollen uns mit dem Pokal auf dem Römer bei euch bedanken. Und hier ist das Ding!" Er hätte noch mehr Pathos unterbringen können, wer, wenn nicht er, der Comebacker, der Mann mit dem Turban, der Hessebub mit dem Pokal. Doch Rode wünschte in seinem zweiten Teil der Rede einem der Vorsänger der Fans, der beim Finale schlimm gestürzt war, gute Besserung. Im Namen der Mannschaft. Wie viele Spieler denken in einem solchen Moment, mitten im Rampenlicht, an einen gestürzten Fan?!

Chandler, Paciencia, Lenz - der Kitt von der Bank

Doch es war nicht nur Rodes Auftritt auf dem Balkon, der viel über diese Frankfurter Mannschaft erzählte. Sie feierten nicht nur aus Erleichterung, dass der Frankfurter Oberbügermeister Peter Feldmann sie dankenswerterweise auch mit dem Pokal auf den Balkon gelassen hatte. Sie feierten eine Gemeinschaft. Timothy Chandler beispielsweise hatte Rode den Turban neu angelegt und das in der ihm eigenen Art erklärt: "Arzt, Medizin, wir können alles."

Chandler hatte meist draußen gesessen, doch er war der Kitt von der Bank, wie "Feierbiest" Goncalo Paciencia oder der langjährige Frankfurter Danny da Costa. Die ersten beiden Elfmeterschützen im Finale, Christopher Lenz und Ajdin Hrustic, auch sie hatten seit Monaten keine Rolle gespielt. Das hinderte sie nicht daran, ihre Schüsse eiskalt auszuführen und dann die Rangers-Fans mit ihrer Gestik abzukochen. In der Trainingswoche vor dem Finale blieb Stefan Ilsanker meist noch am längsten auf dem Rasen, um Flanken auf seine Mitspieler zu schlagen oder die Torhüter zu prüfen. Der Mann war nicht einmal für die Europa League gemeldet.

17 Nationalitäten im Team - "United Colours of Bembeltown"

Sie alle erfüllten vollends die Erwartung ihres Trainers: "Ich habe den Jungs gesagt, dass ich jeden Fehler verzeihe. Aber nicht, wenn sie schlechte Stimmung verbreiten. Das hat etwas mit Charakter zu tun“, sagt Trainer Oliver Glasner in der hr-Doku "Eine Traumreise durch Europa". Wahrscheinlich greift auch hier der alte Spruch von Bill Shankly: "Eine Fußballmannschaft ist wie ein Klavier. Sie braucht acht Männer, um es zu tragen, und drei, die das verdammte Ding spielen können."

Bei der Eintracht waren das mehr als drei, die Ausnahmespieler hießen Kevin Trapp, Djibril Sow, Daichi Kamada, Filip Kostic oder Rafael Borré. Ein Deutscher, ein Schweizer, ein Japaner, ein Serbe, ein Kolumbianer. 17 verschiedene Nationalitäten tummeln sich im Kader von Eintracht Frankfurt. Beim Training ergaben sich so mitunter lustige Situationen, weil Trainer Glasner in Denglisch sprach oder der spanische Übersetzer quer übers Spielfeld und mitten in die Angriffe lief, um für Borré zu übersetzen. Ihre Internationalität macht den Teamgeist der Eintracht noch besonderer. Da verhält es sich ähnlich wie beim Pokalsieg 2018 – die Mannschaft war wieder zu den "United Colours of Bembeltown" geworden.

Anständige Jungs - mit Punch

Damals beim Pokalsieg versammelte sich eine Mannschaft, der "nicht jeder ohne Zögern seinen Wohnungsschlüssel fürs Wochenende überlassen würde. Aber eine, die jeder bei Kneipenschlägereien liebend gerne um sich hätte". Den Europa-League-Siegern von 2022 würde man in beiden Situationen problemlos vertrauen. Es sind gute, anständige Jungs, doch deshalb nicht weniger mit einem besonderen Punch und Furchtlosigkeit ausgestattet. Welches Team hat zuletzt den FC Barcelona derart im eigenen Stadion, ja, im Rudel überfallen?!

2018 beschrieb ein Satz von Ante Rebic den Erfolg am besten, der später auf T-Shirts gedruckt wurde: Bruda, schlag den Ball lang. 2022 sollten die Worte von Trainer Glasner die gleiche Popularität erfahren. Glasner stand zu später Stunde auf dem Balkon, einen Schal lässig um den Hals gelegt und wartete geduldig mit dem Mikro auf seinen Einsatz, nachdem ihn die Fans mit Sprechchören gefordert hatten.

Glasners Sätze gehören auf T-Shirts

Zum ersten Mal im gesamten Jahr verfiel Glasner in seinen österreichischen Dialekt. So wie es nur Menschen passiert, wenn sie sich richtig wohl fühlen, betrunken oder besonders bewegt sind. Oder alles zusammen. Und deswegen muss man sie formschön in seinem Duktus belassen, die treffendsten Worte zum Europa-League-Sieg der Eintracht:

Zitat
„Man kann Titel gwinnen, indem ma goanz vü Geld oasgibt. Oder ma kann Titel gwinnen, indem ma a ganza große Einheit bildet. A große Einheit in da Mannschaft, a große Einheit im Verein, a große Einheit mit aich. Und nur so hama des gschafft. Danke.“ Trainer Glasner Trainer Glasner
Zitat Ende