Gelson Fernandes

Eintracht Frankfurts Gelson Fernandes beendet nach der Saison seine Karriere. Sportlich wird sein Abgang aufzufangen sein. Menschlich aber ist das für die Hessen ein großer Verlust.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Fernandes sagt "Adieu"

Gelson Fernandes
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Als Gelson Fernandes vor drei Jahren zur Eintracht kam, war die Frankfurter Fußballwelt noch eine andere. Ein Jahr zuvor waren die Hessen dem Abstieg in der Relegation von der Schippe gesprungen, unter Niko Kovac hatten sie sich im Folgejahr stabilisiert und waren bis ins Pokalfinale eingezogen. Die Zeichen standen auf Mittelfeld, und so war auch die Verpflichtung von Fernandes zu verstehen. Ein erfahrener Sechser für die Breite, der seine Knochen schon in sämtlichen großen Ligen Europas hingehalten hatte, und der bei der Eintracht irgendwo zwischen Stammelf und Reservebank für Entlastung sorge sollte. Allein: Es kam anders.

Denn drei Jahre später beendet Gelson Fernandes seine Karriere bei den Hessen und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass da ein Spieler die Eintracht verlässt, dessen Bedeutung größer ist, als die 79 Pflichtspiele, die er absolvierte, erahnen lassen. Dass die Wichtigkeit Fernandes' für die Frankfurter eben nicht nur im Sportlichen lag, sondern vor allem auch im Menschlichen.

"In Frankfurt kann ich den jungen Spielern helfen"

Entsprechend ist davon auszugehen, dass bei Fernandes' Verpflichtung 2017 Faktoren eine Rolle spielten, die der Laie samstags in der Sportschau schwer erkennen kann, die man als Trainer aber unbedingt im Blick haben sollte. Integrität, Menschlichkeit, die Fähigkeit, ein Anführer und Vorbild zu sein, auch wenn andere vielleicht besser mit dem Ball umgehen können. Fernandes war in der Eintracht-Kabine von Beginn an eine gewichtige Stimme, einer, an dem sich die jüngeren Spieler aufrichten und orientieren, an dem sie wachsen konnten. "In Frankfurt kann ich den jungen Spielern helfen. Sie sollen den Spaß haben, Fußball zu spielen, den ich auch habe", sagte Fernandes zu seinem Einstand 2017. 2020 kann man sagen: Das ist ihm gelungen.

Denn Spaß am Fußball hat seit Fernandes erster Saison in Frankfurt 2017/18 eigentlich jeder, der es mit der Eintracht hält. Der Pokalsieg, die Festspiele in Europa – für solche Triumphe werden immer erst die Rebics und Boatengs aus der ersten Reihe aufs Podest gehoben, und das ja auch nicht zu Unrecht. Aber es braucht eben auch heimliche Kapitäne wie Fernandes, die nicht jedes Spiel machen, deren Einfluss aber genau deswegen über das Spielfeld hinausgeht.

Giftig und unbarmherzig auf dem Platz, verbindend und fürsorglich daneben

Schließlich ist es ein Irrglaube, ein Spiel dauere lediglich 90 Minuten. Ein Spiel beinhaltet die Trainingseinheiten davor und danach, die Gespräche in der Kabine, die Konflikte und Probleme, die in einer Mannschaft entstehen können. In den 90 Minuten sieht man, ob es im Team stimmt, wie es so schön heißt. Und dafür braucht es Typen wie Fernandes.

In diesem Sinne war der Schweizer bei der Eintracht stets ein perfekter 50/50-Spieler. Wurde er auf dem Platz gebraucht, hielt er die Knochen hin und gab alles, ein Arbeitsethos, das vor allem in der Pokalsieger-Saison fast eine Art Markenzeichen der gesamten Mannschaft wurde. Spielte Fernandes nicht, blieb er stets Teamplayer und Vorbild, Ansprechpartner und Problemlöser. Ein "grundpositiver Mensch", so Trainer Adi Hütter, dessen Wesen stets auf die Mannschaft abstrahlte. Giftig und unbarmherzig auf dem Platz, verbindend und fürsorglich daneben. Der Erfolg einer Mannschaft spricht auch für Fernandes, und das unabhänigig, ob er jedes Spiel machte oder nicht.

"Es ist der richtige Zeitpunkt. Die Eintracht hat mir viel gegeben"

Dabei ist es kein Zufall, dass der Wandervogel Fernandes, der in den zehn Jahren zuvor für zehn verschiedene Vereine spielte, ausgerechnet in Frankfurt heimisch wurde. In Frankfurt und bei der Eintracht traf der Weltbürger Fernandes auf eine Stadt und einen Verein, in denen gelebte Internationalität integraler Bestandteil des Selbstverständnisses ist. In der Eintracht-Kabine sammelten sich zu Fernandes' Ankunft 17 Nationen, der Schweizer, der sieben Sprachen fließend spricht, konnte so zum Kitt zwischen den Kollegen werden. Und in dieser Rolle aufblühen.

Ob diese Saison auch ohne Corona und seine hartnäckige Verletzung seine letzte geworden wäre, weiß nur er selbst. Aber auch in dieser Hinsicht war Fernandes stets gerade und reflektiert. "Das war ein Signal von Gott. Ich glaube an so was. Vielleicht braucht man manchmal so einen Hinweis", sagte er nach seiner Verletzung der Frankfurter Rundschau. Entsprechend ließ er nun zu seinem Abschied wissen: "Ich wollte den Zeitpunkt und die Umstände immer selbst bestimmen und nicht aufhören, weil es nicht mehr anders ging. Ich bin glücklich, das hier tun zu können. Es ist der richtige Zeitpunkt. Die Eintracht hat mir viel gegeben." Wie viel Fernandes der Eintracht gegeben hat, wird man in Gänze wahrscheinlich erst sehen, wenn er nicht mehr da ist.