Gladbach-Fan Rüdiger Nau schrieb die "Elf vom Niederrhein", die immer wieder auch beim FC Liverpool gespielt wird.
Gladbach-Fan Rüdiger Nau schrieb die "Elf vom Niederrhein", die immer wieder auch beim FC Liverpool gespielt wird. Bild © privat, Imago

Nanu, was war das denn? Als der FC Liverpool in der Champions League Porto empfing, wurden die Fans an der Anfield Road mit einer Gladbach-Hymne beschallt. Klingt absurd, ist für den Marburger Macher hinter dem Song aber ein Stück Normalität in einem "beschissenen Business".

Man rechnet ja mit so einigem, wenn man in die Welt der steril-durchkommerzialisierten Champions League eintaucht: dass der Spielball per Drohne eingeflogen wird zum Beispiel oder dass die Black Eyed Peas wenige Minuten vor Anpfiff noch ein Mini-Konzert mit Feuershow auf den Rasen würgen. Dass während eines Heimspiels des FC Liverpool die Vereinshymne von Borussia Mönchengladbach gespielt wird, das erwartet man allerdings nicht unbedingt.

So geschehen am Dienstag der vergangenen Woche, gegen 21.48 Uhr beim Viertelfinal-Hinspiel der Reds gegen den FC Porto. Die Hauptdarsteller schlurften gerade in die Halbzeit, als das musikalische Rahmenprogramm im Stadion einsetzte. Der auf seiner Couch lümmelnde Fernsehzuschauer musste schon genau hinhören, doch aus den Lautsprechern an der weltberühmten Anfield Road wummerte die "Elf vom Niederrhein" - jenes Lied, mit dem die Bundesliga-Fußballer aus Mönchengladbach zu ihren Heimspielen den Rasen betreten.

Ob Roberto Firmino hier neben seinem Treffer beim 2:0 gegen Porto bejubelt, sondern auch das gelungene Rahmenprogramm?
Ob Roberto Firmino hier neben seinem Treffer beim 2:0 gegen Porto bejubelt, sondern auch das gelungene Rahmenprogramm? Bild © picture-alliance/dpa

"Und was zum Henker hat das nun mit Hessen zu tun", fragen Sie sich? Eine ganze Menge! Denn der kreative Kopf hinter der Fanhymne hat das Sprechen, Singen und Komponieren in Marburg gelernt.

Ein Klassiker aus der Bierlaune heraus

Rüdiger Nau, Jahrgang 1970, mit Hang zu etwas derberer Sprache, hat sein Herz schon früh an die Borussia verloren, die unter Trainer Hennes Weisweiler in den 70ern zum Herrscher der Bundesliga aufstieg. Nau war in seinen wilden Jahren nicht nur Mitglied einiger Marburger Bands, sondern - wie es sich gehört - auch "Allesfahrer". Samstagmittag ging es los, mit ein paar Freunden und einigen Flaschen Bier ins Stadion zum Bökelberg. Auf den Autofahrten, erzählt Nau, "haben wir dann ein bisschen rummusiziert und Bier gesoffen".

In euphorischer Bierlaune entstanden schließlich auch die Strophen zur späteren Fanhymne, doch mit dem Refrain haperte es noch ein oder zwei Jahre. Daheim unter der Dusche, sagt Nau, sei es dann irgendwann aus ihm herausgesprudelt:

Ja wir schwören Stein und Bein
auf die Elf vom Niederrhein,
Borussia unser Dreamteam,
denn Du bist unser Verein!


Nun war auch die Zeit gekommen, das Lied einzuspielen und vor allem, sich an den Verein zu wenden. Denn eins ging dem überzeugten Punkrocker Nau und seinen Freunden im Block so richtig auf den Keks: "Am Bökelberg lief immer so ein Schlager. Ich weiß nicht mehr, wie dieses Scheißlied hieß. Wir haben es gehasst, aber es lief vor jedem Spiel." Und das musste sich ändern.

85 Jahre deutsche Fußballgeschichte: Am Bökelberg bestritt Mönchengladbach bis 2004 seine Heimspiele.
85 Jahre deutsche Fußballgeschichte: Am Bökelberg bestritt Mönchengladbach bis 2004 seine Heimspiele. Bild © picture-alliance/dpa

Die Borussia gibt es nur noch mit der "Elf vom Niederrhein"

Über den damaligen Fanbeauftragten in Gladbach wurde der Kontakt hergestellt, und ein wenig später stand die Marburger Gang mit ihrem Equipment im Stadion, um Fangesänge aufzunehmen, mit denen das Lied aufgepeppt werden sollte. "Wir haben dann im Spielertunnel gestanden und mit einem langen Kabel Strom geholt. Da kam Rolf Rüssmann vorbei und fragte uns, was wir eigentlich machen." Nach einem kurzen Plausch nickte der damalige Manager die Aktion zufrieden ab, und "so kam eins zum anderen".

Die ersten gepressten CDs wurden aus einem VW-Buschen heraus vor dem Stadion verkauft, wie Nau berichtet. Doch so richtig ernst wurde es erst, als der neue Fanbeauftragte Thomas Weinmann mit seiner Borussen-Band B.O. die "Elf vom Niederrhein" neu auflegte. In der Saison 1994/95, erinnert sich Nau zurück, lief das Lied wohl erstmals auch im Stadion. "Irgendwann war es dann ein Sprechchor" – und ist seit vielen Jahren nicht mehr aus Gladbach wegzudenken. Wenn die Fohlen heute in den Borussia-Park einlaufen, dann tun sie das zu ihrer ganz persönlichen "Nationalhymne".

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Hillsborough-Katastrophe schweißt zusammen

Damit wäre allerdings noch nicht geklärt, weshalb man beim FC Liverpool die "Elf vom Niederrhein" besingen lässt. Um das zu verstehen, muss man einige Jahre zurückblicken, auf die so genannte Hillsborough-Katastrophe.

Am 15. April 1989 gab es eine Massenpanik während eines Pokalspiels zwischen Liverpool und Nottingham Forest im Sheffielder Hillsborough-Stadion. 96 Liverpooler Fans wurden zu Tode gedrückt und hunderte verletzt. Es ist das dunkelste Kapitel in der Geschichte des FC Liverpool und eine der schwersten Stunden für den Fußball in Europa.

In der Folge bekundeten Fußballfans aus der ganzen Welt ihr Bedauern, einige spendeten Geld für die Verbliebenen. Zu jenen zählte auch eine Gladbacher Delegation. Der Scheck in Höhe von 21.000 D-Mark stärkte die über Jahre gewachsene Fanfreundschaft beider Clubs. Und während im Borussia-Park als Hommage an die Freunde von Übersee seit ein paar Jahren immer mal wieder "You'll never walk alone" läuft, nahm Liverpool die "Elf vom Niederrhein" in die lose Stadion-Rotation auf.

"Ein Stück Normalität in diesem beschissenen Fußballbusiness"

"Seinen" jüngsten Auftritt an der Anfield Road hat Nau mangels Pay-TV-Zugang nicht live gesehen, aber ein Kumpel machte ihn darauf aufmerksam. Ein wenig absurd sei es schon, wenn sein Song in Liverpool gespielt wird, sagt Nau. Aber für ihn als Fan der alten Schule eben auch "ein Stück Normalität in diesem beschissenen Fußballbusiness".

Besonderen Stolz empfindet Nau übrigens nicht. "Ich sehe es nüchtern: Wenn die Liverpooler das machen, dann ist das okay. Ich find' es aber schon geiler, wenn das Lied in Gladbach läuft."