Hessen Kassel U19

Vor der Saison stieg die U19 des KSV Hessen Kassel spektakulär in die Junioren-Bundesliga auf. Dort fängt sich das Team aber Niederlage nach Niederlage. Trotzdem ist Trainer Alfons Noja stolz auf seine Jungs.

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KSV-Trainer Christian Andrecht: Im Zoom-Meeting zum Bundesliga-Aufstieg

Christian Andrecht, Aufstiegstrainer U19 KSV Hessen Kassel
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Es war eines dieser Spiele, die man nicht vergisst, wenn man dabei war. 2020, Aufstiegsrunde zur A-Jugend-Bundesliga, der KSV Hessen Kassel traf auf favorisierte Elversberger. Als der Schiedsrichter schon fast zum Schlusspfiff ansetzte, geschah die Sensation: Die Hessen erzielten den 2:1-Siegtreffer – und stiegen erstmals in der Klubgeschichte in die Junioren-Bundesliga auf.

Von der Euphorie rund um den Aufstieg ist nicht mehr allzu viel geblieben, eher ist der harte Bundesligaalltag eingekehrt. Und der ist für den KSV oft schmerzhaft. 17 Spiele haben die Hessen bislang in der Bundesliga bestritten. Außer einem Sieg gingen alle Spiele verloren, oft sogar sehr deutlich. Mit nur drei Punkten sind die Kasseler klares Schlusslicht der Liga, eine zweite Bundesligasaison in Folge scheint ausgeschlossen. Sieben Mannschaften steigen nach dieser Saison ab, von einem Nicht-Abstiegsplatz sind die Kasseler 19 Punkte entfernt.

"Wollten das Abenteuer mitnehmen"

"Niemand hat erwartet, dass Hessen Kassel durch die Liga marschiert", sagt Kassel-Trainer Alfons Noja im Gespräch mit dem hr-Sport. Christian Andrecht, der Kassels U19 letzte Saison trainierte, sagte schon kurz nach dem Aufstieg, dass es ein weiteres Wunder bräuchte, um die Klasse halten zu können. "Eine ganz realistische Einschätzung", findet Alfons Noja, der den zur U23 aufgerückten Andrecht ersetzte. "Uns war von vornerein klar, dass das eine einmalige Situation ist, die wir als Abenteuer mitnehmen und in der wir Erfahrung sammeln wollen".

Ein Abenteuer, das bereits abenteuerlich anfing. Denn der Weg des KSV in die Bundesliga ist alles andere als gewöhnlich. Als die Hessenliga in der Vorsaison coronabedingt nach sechs Spieltagen abgebrochen wurde, war der KSV Tabellenführer. Alle im Klub erwarteten daher eine weitere Saison auf Landesebene. Doch dann die große Überraschung: Man würde gegen Elversberg um den Aufstieg in die Junioren-Bundesliga spielen.

Training via Zoom

Das Problem dabei: Da die Kasseler kein Nachwuchsleistungszentrum hatten, durfte die Mannschaft während des Corona-Lockdowns nicht gemeinsam trainieren. Andrecht und sein Team mussten daher alternative Wege entwickeln, die Spieler fit zu halten. Über Zoom schalteten sich Trainer und Spieler zusammen und absolvierten Athletiktrainings oder auch Übungen mit dem Ball. "Als uns das nach ein paar Monaten ziemlich auf die Nerven ging, haben wir auch mal Yoga gemacht oder eine Traumreise mit Musik zur Entspannung", so Andrecht. Sieben Monate musste sich die Kasseler U19 insgesamt mit dieser Art Training zufriedenstellen, bis sie wieder zusammen auf dem Platz stehen durften.

Anders die Situation der Elversberger. Die Saarländer verfügten über ein Nachwuchsleistungszentrum und durften den ganzen Lockdown über normal trainieren. Sogar elf Testspiele absolvierten sie in der Vorbereitung auf die Aufstiegsspiele. Aber wie es so ist: Was zählt, ist auf’m Platz. In den zwei Partien um den Aufstieg (0:0, 2:1) zeigten die Kasseler Jungs mehr Biss. "Mit unserer herausragenden Mentalität haben wir dann, ich will nicht von Wunder sprechen, aber wir haben diese unglaubliche Leistung beim Bundesliga-Aufstieg zeigen können", so Andrecht damals.

Fünf Wochen Bundesliga-Vorbereitung

Viel Zeit zum Feiern blieb den Kasselern nach dem Sensationssieg allerdings nicht. "Auf einmal waren wir eine A-Jugend, wie sie es in Kassel noch nie gegeben hat", erklärt er, "wir mussten uns an den Rahmenbedingungen orientieren, unter denen Profimannschaften aufgestellt sind". Folglich verlegte man die Spielstätte in das 18.000 Plätze füllende Auestadion, stellte einen Teammanager und einen Athletiktrainer ein, kümmerte sich zudem um physiotherapeutische Betreuung.

Auch der Kader, der fünf Wochen vor der Saison nur zehn Spielern zählte, musste aufgemöbelt werden. Mit Hilfe von Beratern konnte Kassel mit Jonas Ferl, Erik Seidelmann und Ilija Tilev drei Spieler aus der U17 von Jena für sich gewinnen, vom VFL Wolfsburg kam Linksverteidiger Henry Eckhardt, aus Mainz 05 Mittelfeldspieler Maximilian Agyekum. Zudem stießen zehn Spieler aus der eigenen U17 dazu.

Erster Sieg im zweiten Spiel

Im ersten Saisonspiel stieß man zu Hause im Auestadion gegen Unterhaching an. "Wir hatten etwas mehr als 500 Zuschauer und sind dann wirklich eingelaufen wie die Großen", erinnert sich Alfons Noja, "für uns ist ein Traum in Erfüllung gegangen". Für den Sieg hat es am Ende nicht gereicht, was man sich in Kassel durch die schmale Vorbereitungszeit erklären konnte. Umso erstaunlicher war es, dass das Team schon im zweiten Spiel der Saison den ersten Bundesliga-Sieg einfahren konnte.

Wenn Trainer Alfons Noja über den 3:1-Auswärtssieg gegen Kaiserslautern spricht, schwärmt er von einem magischen Tag. Nach einem 0:1-Rückstand drehten die Kasseler in der zweiten Hälfte auf. Nach dem Ausgleich von Maximilian Agyekum sorgte Malte Suntrup mit einem Doppelpack in (87., 90.) für die Sensation. "Da hat wirklich alles gepasst: Leistung, Spielverlauf und das Quäntchen Glück", erinnert sich Noja. "Alle, die da dabei waren, werden das ihr Leben lang nicht vergessen".

"Wir ziehen uns da immer wieder raus"

Doch in den folgenden Spielen wurden die Nordhessen von der Realität eingeholt. Woche für Woche kassierten sie Niederlage nach Niederlage, und diese wurden immer deutlicher. 0:4, 0:5, 0:7, 1:8, die Mannschaft konnte einem schon fast leidtun. "Die Jungs sind nach solchen Spielen schon echt niedergeschlagen", erzählt Noja, "am Ende des Tages sind wir Fußballer und wollen gewinnen". Diese Enttäuschung halte allerdings nie lange an. "Wir ziehen uns da immer und immer wieder raus, schöpfen Hoffnung und motivieren uns neu", lobt er seine Spieler.

"Würden mein Team und ich das, was wir diese Saison gemacht haben, länger als ein Jahr machen, würden wir irgendwann ausbrennen", erklärt Noja. 40 Stunden die Woche arbeitet er in einem Kasseler Autohaus. Unter der Woche kommt er gegen 18 Uhr nach Hause und fährt um 19 Uhr schon weiter ins Training. Hinzu kommen die Auswärtsspiele in ganz Süddeutschland, Hotelübernachtungen, Videoanalysen sowohl der eigenen als auch der gegnerischen Mannschaft. Auch für die Spieler ist das eine hohe und vor allem neue Belastung. Viele von ihnen bereiten sich nebenbei noch auf ihr Abitur vor.

Einen Wunsch hat Noja noch

Trotz der Niederlagen und der Belastung ist Noja schon jetzt sehr stolz auf sich und seine Jungs. "Alle haben diese Saison eines gelernt: mit Widerständen umzugehen", sagt er. Für einige Spieler soll der Bundesliga-Traum auch kommende Saison noch Realität bleiben. "Einige werden von Vereinen umworben, die in der nächsten Saison wahrscheinlich wieder in der Bundesliga spielen." Doch bevor die Saison vorbei ist, hat der Coach noch einen Wunsch: "Wir wollen uns diese Saison mit einem Punkt oder vielleicht sogar einem Sieg nochmal belohnen".