Nur selten schaffen es Dorfvereine auf die große Fußballbühne. Der SV Asbach legte einst einen fulminanten Aufstieg hin – der Mauerfall vor 30 Jahren und ein Lebensmittel-Unternehmen machten es möglich.

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zum Video So besiegte der kleine SV Asbach den SV Darmstadt 98 mit 2:1

Jubelnde Spieler des SV Asbach
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Sie leben noch in Asbach, die Erinnerungen an die großen Fußball-Festtage in den 1990er Jahren. Jene Tage, an denen der SV Asbach den Namen des Dorfes in die hessische Fußballwelt hinaustrug. Prominente Vereine wie der SV Darmstadt 98, Viktoria Aschaffenburg, die Amateure von Eintracht Frankfurt oder Kickers Offenbach waren im heute 1.500 Einwohner zählenden Dorf bei Bad Hersfeld zu Ligaspielen zu Gast. Der Dorfclub hatte es bis in die damals viertklassige Oberliga Hessen geschafft. Ungewöhnlich für einen so kleinen Ort.

Die politische Wende und der Mauerfall vor 30 Jahren hatten einen großen Anteil an dieser Entwicklung. Im Kader der Asbacher Mannschaft fanden sich zeitweise drei gestandene Profis aus der ehemaligen DDR. "Ohne sie hätten wir sicher nicht so einen fulminanten Erfolg gehabt", erinnert sich der damalige Vereinsvorsitzende Dirk Bodes. Er selbst war es, der nach dem Mauerfall ins angrenzende Thüringen fuhr, um dort die Spieler für den SVA zu gewinnen.

Auf der Suche nach Vollblut-Fußballern

Es ist Anfang 1990, als Bodes in Mustang-Jeans und West-Auto über die gerade geöffnete Grenze fährt. Sein Ziel: das grenznahe Tiefenort im Kalirevier an der Werra. Sein Auftrag: Profispieler von der anderen Seite der löchrigen Grenze in den Westen holen und den eigenen Feierabend-Verein mit Vollblut-Fußballern verstärken. "Ich wusste, dass dort kurz hinter dem Eisernen Vorhang hervorragend ausgebildete Fußballer spielten", erinnert sich der Bau-Ingenieur heute. Was Reiner Calmund mit den Ost-West-Transfers von Andreas Thom und Ulf Kirsten im Großen macht, das versucht Bodes im Kleinen.

In der Gemeine Tiefenort ist das Kalibergbau-Unternehmen VEB Kali Merkers seinerzeit die wirtschaftliche Triebfeder der Region, zudem unterhält es eine Mannschaft namens BSG Aktivist Kali Werra Tiefenort. Die Kali-Spieler sind, das ist zu dieser Zeit üblich, im Bergbau angestellt – werden aber meist Vollzeit für die Betriebssportgemeinschaft abgestellt. Profis eben. Die Wende sowie die Abwicklung ihres völlig maroden Betriebes über die Treuhandgesellschaft kosten sie allerdings ihre Arbeitsplätze, der Kalibergbau in Merkers wird nur kurz nach dem Zusammenbruch der DDR eingestellt.

Wie in einem Agententhriller

Schwierige Zeiten im Osten, Goldgräber-Stimmung hingegen im angrenzenden Hessen. Dass die innerdeutsche Grenze immer durchlässiger wird, nutzen Vereinsbosse wie Bodes für sich. Bei der BSG Aktivist Kali Werra Tiefenort wird er schnell fündig. "Ich habe mir damals zwei, drei Spiele dort angeguckt. Und dann wusste ich: Dieser Heiko Adler und dieser Udo Ratz, das sind die Besten. Die wollen wir." Erstgenannter hat die berühmte Fußballschule von Carl Zeiss Jena durchlaufen, ist also technisch und taktisch bestens ausgebildet.

Nach den Spielen wanzt sich Bodes an die Spieler seiner Wahl heran. "Wir haben nach Abpfiff konspirative Gespräche geführt. Das war wie in einem Agententhriller." Das Kribbeln kommt bei Bodes vor allem daher, dass man es auf den ostdeutschen Plätzen zu dieser Zeit nicht gerne sieht, wenn sich "Besser-Wessis" an die eigenen Spieler ranmachen. "Bei einem Spiel wurden uns sogar Schläge angedroht. Da mussten wir dann galant ins Auto steigen und abfahren."

Arbeitsverträge und Hof pflastern

Doch nur mit Anklopfen und Nachfragen lässt sich kein Profi der Welt für einen Amateurverein begeistern. Bodes zieht deshalb sein Ass aus dem Ärmel: Arbeitsverträge bei einem örtlichen Lebensmittel-Unternehmen. "Wir haben den beiden Spielern gesagt: 'Hört mal, die paar Mark im Fußball werden euch nicht mehr weiterhelfen. Ihr braucht einen Job.'" Doch Adler und Ratz bleiben zunächst standhaft, sagen nicht zu. Erst zwei Spiele und einen Kneipenbesuch später ist es so weit.

Neben der beruflichen Perspektive kann Bodes mit Naturalien überzeugen. "Die hatten alle so halb fertige Häuser. Das kannte ich von zu Hause gar nicht. Da habe ich als Bau-Ingenieur dem Udo Ratz gesagt: 'Ich pflaster' dir den Hof.' Da war es um den Einen geschehen. Und weil Ratz und Adler Freunde waren, haben wir sie dann im Verbund bekommen."

Freude hier, Ernüchterung da

Während im kleinen Asbach Freude über die Transfer-Coups herrscht, setzt in Tiefenort schnell Ernüchterung ein. Da die DDR-Kicker bestens geschult sind, bekommen hessische Vereine wie Borussia Fulda, der Hünfelder SV oder eben der SV Asbach fertige Fußballer zum Nulltarif. Adler, heute im im Vorstand von Kali Werra Tiefenort tätig, sagt rückblickend: "Das Geld hätte Kali Werra dringend gebraucht. Der DFB reagierte damals nicht schnell genug. Es hätte Ablöse-Regelungen und Ausbildungs-Entschädigungen gebraucht."

In Asbach hingegen stehen die Dinge damals schnell zum Besten. "Wir konnten vor allem mit unserer taktischen Ausbildung unseren neuen Mitspielern einiges beibringen", sagt Adler über die sportliche Entwicklung des SVA, der mit seiner neuen, schlagkräftigen Truppe – und neben Adler/Ratz weiteren Ost-Importen – über die Region hinwegfegt. Mit den Stars aus der ehemaligen DDR eilt Asbach, der kleine Dorfverein, von Sieg zu Sieg und von Aufstieg zu Aufstieg. Bodes grinsend: "Wenn wir mit unseren Jungs gekommen sind, dann hatten alle Muffe."

Fußball-Festtage in der Oberliga

Der Aufstieg in die damalige Oberliga Hessen im Jahr 1998 ist der Höhepunkt der Vereinsgeschichte. "Jedes Spiel wurde ein Fest", blickt Adler zurück, "der ganze Ort stand hinter uns." Festtage waren allen voran die Partien gegen Darmstadt 98: in der Hinrunde ein 2:1 vor der heimischen Rekordkulisse von rund 4.000 Zuschauern, in der Rückrunde ein 1:1 am Böllenfalltor. Nach nur einem Jahr stieg der SVA allerdings schon wieder in die Landesliga ab.

Heute, im Jahr 2019 und damit 30 Jahre nach der Wende, ist die Glanzzeit des SV Asbach lange vorbei. Zwischen damals und heute liegt eine lange Phase des sportlichen Niedergangs. 2018 wagte der SVA die Fusion mit dem zweiten Bad Hersfelder Traditionsverein SG Hessen, zusammen spielen beide als SG Festspielstadt in der Kreisoberliga Fulda-Nord.

"Hätte es die Wende nicht gegeben..."

Der Glanz der Oberliga ist zwar weit entfernt, lebt aber in der Erinnerung weiter – gerade rund um das Mauerfall-Jubiläum. "Hätte es die Wende nicht gegeben, hätten wir Spieler wie Heiko Adler nicht verpflichten können, dann hätten wir es damals niemals in die Oberliga geschafft", ist sich Dirk Bodes sicher. "Das kann man so deutlich sagen."