Angelo Barletta von Kickers Offenbach

Die Offenbacher Kickers kommen nicht wirklich zur Ruhe. Trainer Angelo Barletta spricht im großen Interview über die Probleme seines Teams, zu hohe Erwartungen und seine persönliche Suche nach "der Ratte".

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Barletta: "Alle haben sich hier etwas anderes vorgestellt"

Angelo Barletta Kickers Offenbach
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Es sind turbulente Tage beim Regionalligisten Kickers Offenbach. Der Verein steckt weiter im Mittelmaß der Tabelle fest, auch der Klassenverbleib ist noch nicht gesichert. Dazu kam vor einer Woche ein schwerer Trainingsvorfall, bei dem Nejmeddin Daghfous seinem Teamkollegen Luigi Campagna die Nase brach.

All das führte dazu, dass OFC-Coach Angelo Barletta, selbst erst seit drei Monaten im Amt, vor einer Woche eine bemerkenswerte Pressekonferenz gab, in der er den Zustand bei den Kickers als "Pulverfass" beschrieb, von einer "nicht top-intakten" Mannschaft sprach und wegen immer wieder nach außen dringenden Interna auf die Suche nach einer "Ratte" im Team gehen wollte. Eine Menge Themen, auf die der Trainer im Interview mit hessenschau.de näher eingeht.

hessenschau.de: Vor einer guten Woche haben sie in einer Pressekonferenz gesagt, der OFC sei ein Pulverfass. Woran krankt es denn momentan bei den Kickers?

Angelo Barletta: Der OFC ist ein fanatischer Verein. Da gibt es viel Leidenschaft und eine Menge Leute, die alles rund um den Club mit Argusaugen betrachten. Dazu kommt, dass die Kickers ein Verein sind, der so aufgestellt ist, dass er in den Profibereich gehört. Jetzt ist es aber so, dass der OFC schon länger in der Regionalliga – salopp gesagt – rumdümpelt und nach mehr lechzt. Dazu kommt, dass in dieser Liga für viele Gegner die Partie gegen uns das Spiel des Jahres ist. Der Verein tut sich eben schwer, aus der Regionalliga herauszukommen. Daher ist die Verärgerung bei allen groß – aber auch nachvollziehbar.

Und wie sieht es nun mit dem Pulverfass aus? Sie erwähnten auch, dass nur ein Funke alles zur Explosion bringen könnte.

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„Man weiß hier, dass die Saison komplett aus den Fugen geraten ist.“ Zitat von Angelo Barletta
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Ich weiß eben um die Situation, in der wir stecken. Deswegen bin ich ja auch in Offenbach, weil bereits der Trainer gewechselt wurde. Man weiß hier, dass die Saison komplett aus den Fugen geraten ist. Alle haben sich hier etwas anderes vorgestellt. Die Erwartungshaltung war sehr groß. Jetzt sind wir aber nahe an den Abstiegsplätzen. Über den Aufstieg braucht hier sowieso niemand mehr zu reden. Das ist der Grund dafür, wieso die Situation eskalieren kann.

Auf der Pressekonferenz sprudelte es förmlich so heraus. War das geplant? Oder spontan?

Das war absolut spontan. Wir hatten vorher ja den Vorfall im Training, der im Vorgang überhaupt nicht zu erkennen war. Nichts deutete darauf hin, dass es so eskaliert. Vorher war es ein sehr gutes Miteinander. Diese Auseinandersetzung war auch der Grund für meine deutlichen Worte. Oft erkennt man solche Sachen ja vorher. Hier war das nicht der Fall. Da merkt man aber, dass bei dem einen oder anderen eben nur ein Funke reicht, um zu explodieren. Das, was vorgefallen war, war ja sehr extrem.

Haben Sie eine derartige Situation denn schon einmal miterlebt?

Nein. Dennoch muss ich sagen: Die Aufgabe hier in Offenbach wollte ich haben. Ich bin hier nicht blauäugig reingegangen. Das war mir vollkommen bewusst. Wenn wir jetzt die richtigen Hebel ansetzen, bin ich mir sicher, dass wir auf die richtige Bahn kommen.

Nejmeddin Daghfous Kickers Offenbach

Was sind Sie denn momentan am meisten? Psychologe, Mediator, Kindergärtner, oder Trainer?

Also Kindergärtner bin ich nicht. Die sind alle alt genug. Vom Rest aber alles ein bisschen. Dennoch muss man viel reden und erklären. Denn klar ist: Wir kämpfen hier um den Ligaverbleib. Und das muss man auch den Spielern klar mitteilen.

Stichwort Ligaverbleib: Haben Sie selbst die Situation auch so eingeschätzt? Oder doch vielleicht unterschätzt?

Nein, ich wusste seit meinem Amtsantritt um die Schwere der Aufgabe. Wir sind jetzt dabei, uns als Mannschaft zu finden. Ich denke aber, dass wir auf einem guten Weg sind. Wir können alles aber realistisch einschätzen.

Ist denn der Kader, den Sie beim Dienstantritt vorgefunden haben, falsch zusammengestellt?

Klar ist: Ich habe diesen Kader nicht zusammengestellt. Ich möchte aber nicht in die Vergangenheit schauen. Meine Arbeit kann man wirklich ab dem Sommer messen, wenn noch der eine oder andere Spieler hinzugekommen ist. Aber fest steht auch, dass man hier in Offenbach mit diesem Kader vor der Saison eine andere Erwartungshaltung hatte. Klar ist jetzt schon, dass dieser Kader nicht für das Ziel gereicht hat.

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Gut, dann lassen Sie uns doch in die Zukunft schauen. Wenn der OFC die Klasse hält: Wie groß muss die Veränderung im Kader sein?

Das steht und fällt damit, wie wir uns aktuell präsentieren. Am liebsten hätte ich eine eingespielte Mannschaft. Wir haben ja noch ein paar Spiele vor uns und da schauen wir gerade, wer unseren Weg mitgehen möchte.

Die Situation bleibt ja dennoch angespannt. Wie viel der Arbeit nehmen Sie nach dem Ende eines Arbeitstags noch mit ins Privatleben?

Aktuell habe ich nur den OFC im Kopf. Es fällt mir sehr schwer abzuschalten. Dennoch beklage ich mich nicht.

Zum Abschluss noch eine Frage: Haben Sie denn die "Ratte" in ihrem Team gefunden?

(lacht) Das ist schwierig. Da muss ich dazu sagen: Der Vorfall im Training war am Mittwoch und die Pressekonferenz, wo ich das erwähnt hatte, war am Donnerstag. An diesem Tag kamen wieder ein paar Interna raus, was mich aufgeregt hat. Ich habe mit der Mannschaft gesprochen, dass sie aufpassen sollen, was sie ihrem Umfeld sagt. Hier kommt alles sehr schnell nach außen – und das ist für niemanden beim OFC förderlich. Ich hoffe jedenfalls, dass das so nicht mehr vorkommt.

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Das Gespräch führte Nico Herold.