Artur Lemm, Trainer Bayern Alzenau

Der angekündigte Neustart der Regionalliga Südwest noch im Dezember stößt längst nicht bei allen Vereinen auf Begeisterung. Bayern Alzenau hadert gleich aus mehreren Gründen mit der Entscheidung und attackiert Befürworter wie die Offenbacher Kickers scharf.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Regionalliga startet wieder im Dezember

Wann die Tore in der Regionalliga wieder geöffnet werden, ist weiterhin unklar.
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Es ist so etwas wie das gallische Dorf der Regionalliga Südwest: Alzenau. Nur wenige Kilometer von der hessischen Landesgrenze entfernt, gehört der heimische Vorzeigeclub Bayern Alzenau wegen der deutlich kürzeren Wege schon seit knapp 30 Jahren dem Hessischen Fußball-Verband an.

Doch während die Grenze normalerweise allenfalls durch ein Straßenschild sichtbar wird, herrschen seit Corona mitunter verschiedene Gesetzeslagen. Gerade in Bayern mit seinem hohen Infektionsgeschehen sind die Maßnahmen seit dem Ausbruch der Pandemie häufig strikter. So auch jetzt: Laut bayerischer Corona-Verordnung ist Amateur-Vereinen der Trainings- und Spielbetrieb nämlich verboten, die Regionalliga Bayern soll erst im Februar wieder starten.

Exil in Walldorf gefunden

Anders als Bayern stuften nun allerdings die Betreiber-Länder der Südwest-Staffel - Hessen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland - die viertklassige Regionalliga als Profi-Spielbetrieb ein oder statteten die betroffenen Vereine mit Sondergenehmigungen aus. Auch die Alzenauer dürfen als Fußball-Hessen beim beschlossenen Neustart ab dem 11. Dezember mitmachen, trainieren müssen sie Stand jetzt aber noch jenseits der bayerischen Grenze.

Auf dem Kunstrasenplatz des zwangspausierenden Hessenligisten RW Walldorf haben die Unterfranken aktuell ein Exil gefunden. Gut 50 Kilometer beträgt die einfache Fahrt zu jeder Übungseinheit in den Kreis Groß-Gerau südlich von Frankfurt. Nun hoffen die Alzenauer, von ihrer Landesregierung zeitnah eine Spiel- und Trainingserlaubnis für die eigene Anlage zu erhalten. "Schließlich gibt es in den ersten drei Profiligen auch genügend bayerische Vereine, die den Sport ausüben dürfen", argumentiert der Club. Eine Entscheidung stehe aber noch aus.

Gespaltene Lage in der Liga

Unabhängig von ihren erschwerten Bedingungen laufen die Alzenauer Verantwortlichen gegen die baldige Fortsetzung der Liga aber weiter Sturm. "Hier wurde ein absolut falsches Signal gesetzt", sagte Trainer Artur Lemm auf der Vereinshomepage. Angesichts von Kontaktbeschränkungen sei es "der gesamten Bevölkerung gegenüber unsolidarisch", den Spielbetrieb wieder aufzunehmen. "Wenn jeder so egoistisch denken würde, wie einige Funktionäre in dieser Spielklasse, dann würden die Infektionszahlen in ganz Deutschland durch die Decke schießen", schimpfte der Coach.

Mit seiner Kritik richtete sich Lemm vor allem an die unter Profibedingungen arbeitenden Konkurrenten wie Kickers Offenbach, die sich auch aus wirtschaftlichen Nöten vehement für eine Wiederaufnahme stark machten. Schon bei der seit Anfang November geltenden Aussetzung der Liga hatte es zwischen beiden Clubs heftig gekracht. Der OFC erwog sogar rechtliche Schritte gegen den Spiel-Stopp.

Neun andere der insgesamt 22 Vereine, neben Alzenau auch die hessischen Vertreter TSV Steinbach, FC Gießen und Eintracht Stadtallendorf, machten sich wiederum in einem offenen Brief für eine Pause bis Ende Januar stark. Hessen Kassel und der FSV Frankfurt stehen der jetzt verkündeten zeitnahen Fortführung offen gegenüber. Die Liga ist gespalten.

Mannschaftsarzt prophezeit Desaster

Vor allem kleinere Amateurclubs haben große Bedenken. "Der Restart ist unverantwortlich. Wir sollen Schüler, Studenten, Auszubildende, Trainer und Betreuer testen, um diese dann in kleinen Gruppen durch Süddeutschland fahren zu lassen", kritisierte der Alzenauer Vorstand Thomas Schielein. Einen Tag vor jedem Spiel sollen alle Spieler und Teammitglieder in Schnelltests auf das Coronavirus geprüft werden. Die Kosten - rund 10 Euro pro Person - sollen von den Vereinen getragen werden.

Deutliche Worte gegen eine Wiederaufnahme fand auch der Alzenauer Mannschaftsarzt Thomas Ambacher: "Hier ist meiner Meinung nach eine egoistische Fehlentscheidung, die durch nichts zu rechtfertigen ist, getroffen worden. Finanziell und epidemiologisch ein Desaster. Das wird noch einigen auf die Füße fallen." Der Ernstfall startet für Alzenau am 12. Dezember im Auswärtsspiel bei Hessen Kassel. Danach warten Heimspiele gegen den SSV Ulm und den FC Homburg. Ob diese auf bayerischen Boden stattfinden werden, ist derzeit noch offen.