FSV-Trainer Thomas Brendel gibt die Richtung am Bornheimer Hang vor.

Der FSV Frankfurt kämpft in der Fußball-Regionalliga Südwest um das sportliche Überleben. Trainer Thomas Brendel blickt auf die vergangenen Wochen zurück - und gibt Einblicke zum Thema mögliche Kooperation mit Eintracht Frankfurt.

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Brendel über mögliche Transfers

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Thomas Brendel ist seit Jahren schon in verschiedenen Bereichen beim FSV Frankfurt tätig. Aktuell trainiert er die Bornheimer und kämpft mit dem Team um den Klassenerhalt in der Fußball-Regionalliga. Im Gespräch mit dem hr-sport blickt er auf die Hinserie zurück, gibt einen Einblick in die Planungen - und verrät hochspannende Gedankengänge rund um eine Kooperation mit Eintracht Frankfurt. Konkret wurden diese Ideen allerdings nie.

hessenschau.de: Thomas Brendel, seit dem 10. Spieltag sitzen Sie wieder auf Trainerbank des FSV Frankfurt. In diesen 14 Partien konnten 17 Punkte gesammelt werden. Reicht dieser Punkteschnitt, um am Ende der Saison in der Liga zu bleiben?

Thomas Brendel: Nein, dieser Schnitt wird uns nicht reichen. Wir haben zuletzt zwar viermal zu Null gespielt, nicht verloren und damit sechs von zwölf möglichen Punkten geholt. Das ist okay für uns. Aber wir haben selbst auch nur in einer Partie drei Tore erzielt und dreimal gar nicht getroffen. Daran erkennen wir, woran der Schuh bei uns drückt. Wir müssen mehr Punkte als in der Hinrunde holen, ansonsten haben wir am Ende ein Problem.

hessenschau.de: Was waren die größten Probleme in der Hinserie?

Brendel: Wir haben gegen die direkte Konkurrenz aus Walldorf oder Primasens nicht gewonnen. Das sind aber die Mannschaften, für die es auch um den Klassenerhalt geht. Gegen diese Teams müssen wir unsere Spiele gewinnen. Das haben wir in der Hinrunde leider nicht getan. Immerhin konnten wir unsere Abwehr stabilisieren. Dadurch haben wir gut verteidigt und wenig zugelassen. Aber auf den offensiven Außenbahnen und im Sturmzentrum sind wir zu wenig konstant und zu torungefährlich. Da müssen wir den Hebel ansetzen.

hessenschau.de: Können Sie aber noch einmal aufzeigen, wie genau sich die Defizite in der Offensive darstellen?

Brendel: Wir hätten gegen Ulm, Koblenz oder Kassel die Partien sicherlich auch gewinnen können. Doch die Torchancen gingen vor allem auf die Kappe der Innenverteidiger, die bei Standardsituationen nach vorne gerückt sind. Wir sind auf der Außenbahn zu ungefährlich gewesen. Andu Yobel Kelati und Bahattin Karahan sind zwei junge Spieler, die noch Zeit brauchen. Jannik Sommer war in Quarantäne, Ilhab Darwiche hatte mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Dadurch haben uns Alternativen auf den Außenbahnen gefehlt. Mit den letzten vier Auftritten bin ich insgesamt zwar ganz zufrieden, auch wenn wir tabellarisch noch unter dem Strich stehen. Aber nur eine bessere Quote vor dem gegnerischen Tor bringt Punkte.

hessenschau.de: Sie sprechen in Ihrer Analyse damit die Kaderqualität hat. Braucht es Korrekturen auf dem Transfermarkt?

Brendel: Wir müssen etwas machen auf dem Transfermarkt und uns verstärken. Ein möglicher Abstieg käme uns teurer zu stehen. Wir wollen die Fehler aus dem Sommer korrigieren. Den Kader hatten wir natürlich auch für das System unseres Ex-Trainers Angelo Barletta zusammengestellt. Dazu waren wichtige Spieler wie Thomas Konrad, Denis Mangafic, Ilhab Darwiche oder Ahmed Azaouagh länger nicht dabei. Das waren zu viele Ausfälle, die wir nicht kompensieren konnten.

hessenschau.de: Auf wie vielen Positionen wollen Sie den Kader gerne verstärken?

Brendel: Am liebsten wären uns Verstärkungen auf vier Positionen. Auf beiden offensiven Außenbahnen, im Sturmzentrum und im defensiven Mittelfeld. Aber wir müssen auf die wirtschaftliche Situation schauen. Wir haben noch einen kleinen Spielraum, aber keinen großen. Deshalb müssen wir prüfen, worauf wir den Fokus in diesem Winter legen. Im zentralen Mittelfeld können wir noch basteln und vielleicht geben wir auch Spieler ab. Vornehmlich wollen wir uns aber in der Offensive verstärken.

hessenschau.de: Sie hatten in einem Interview Ex-Trainer Angelo Barletta sehr deutlich kritisiert, seine geforderte Spielweise passe nicht zum Kader, er habe zu viel geändert. Gab es seitdem eine Aussprache?

Brendel: Wir haben seitdem zwei- bis dreimal telefoniert. Angelo wollte nach seiner Entlassung natürlich auch erstmal auf Abstand gehen, danach ist alles noch sehr frisch gewesen. Wir als FSV haben uns in der Phase befunden, in der wir punkten mussten. Da war der Kopf für andere Themen nicht frei. Ich denke aber, dass wir uns im nächsten Jahr zusammensetzen und über das eine oder andere Thema reden werden. Wir haben uns die Entscheidung damals nicht einfach gemacht, doch wir hielten sie für alternativlos.

hessenschau.de: Ab welcher Platzierung fängt für Sie in diesem Frühjahr der Abstiegskampf in der Regionalliga Südwest an?

Brendel: Wir haben natürlich auch die Entwicklung in der 3. Liga im Blick. Der SC Freiburg II hat schon sieben Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz, der SV Wehen Wiesbaden sogar elf Zähler. Das ist gut für uns und deshalb hoffe ich, dass es bei vier Absteigern aus der Regionalliga bleibt. Wir müssen einerseits versuchen, Mannschaften wie Pirmasens, Stuttgart, Hoffenheim, Walldorf und vielleicht auch noch Kassel einzuholen. Andererseits müssen wir die drei Teams aus Gießen, Mainz und Großaspach weiter hinter uns lassen. Wir haben die nötige Qualität für den Klassenerhalt. Aber ich habe der Mannschaft schon gesagt, dass wir unsere Punkte eigentlich in den nächsten zehn Spieltagen holen müssen, weil wir zum Schluss ein relativ straffes Programm mit den Topteams Offenbach, Elversberg und Homburg haben. Wir wissen am Ende nicht, ob es bei diesen Mannschaften noch um den Aufstieg geht. Deshalb erwarte ich aus den kommenden zehn Spielen eine Ausbeute von rund 20 Punkten.

hessenschau.de: Als worst case könnte am Ende aber der Abstieg für den FSV stehen. Könnte der Klub das Abrutschen in die Hessenliga überhaupt schultern?

Brendel: Ein Abstieg wäre schwierig zu verkraften, aber auch dann würde es bei uns weitergehen. Der FSV Frankfurt würde weiterexistieren, wie auch immer, aber natürlich nicht mehr in diesem Umfang. Doch damit befasse ich mich jetzt noch nicht.

hessenschau.de: Eintracht Frankfurt strebt eine Wiedereinführung der U23 an, eine Kooperation mit Hessen Dreieich steht im Raum. Wäre für den FSV eine Kooperation in dieser Art und Weise mit dem großen Nachbarn nicht auch eine attraktive Option gewesen?

Brendel: Ich hatte vor rund zwei Jahren versucht, mit Fredi Bobic (Ex-Sportvorstand Eintracht Frankfurt) bezüglich einer Kooperation Kontakt aufzunehmen. Die Situation bei der Eintracht ist klar. Sie haben Spieler auf dem Zettel, die sie nicht holen können, weil sie nicht wissen, ob sie dem Spieler die richtige Plattform in der Bundesliga bieten können, wenn er sich nicht in der ersten Mannschaft durchsetzt. Dadurch verliert die Eintracht den einen oder anderen Spieler, weil der Unterbau fehlt.

Wir als Nachbarverein haben nicht nur eine gewisse räumliche Nähe zur Eintracht, sondern wir bieten auch ein gutes Trainingsgelände und eine ordentliche Infrastruktur. Daher sind wir als FSV auch an einer Kooperation interessiert. Wir können davon profitieren, wenn die Eintracht Spieler holt, die nicht sofort ganz oben spielen und dann in der Regionalliga Spielpraxis sammeln können. Das wäre daher eine Win-Win-Situation. Andersherum kann die Eintracht Talenten Spielpraxis ermöglichen und die Gespräche ganz anders aufziehen. Doch leider kam es nicht zu einem näheren Austausch über dieses Thema.

hessenschau.de: Können Sie sich erklären, warum man sich nicht genähert hat?

Brendel: Nein. Ich weiß nicht, was da jetzt mit Hessen Dreieich und der Eintracht läuft. Eine U23 kostet pro Saison etwa ein bis zwei Millionen Euro. Wenn du fünf bis sechs deiner Spieler beim FSV platzieren würdest, dann wäre das kostengünstiger, als wenn du ein Gelände und Stadion anmietest und ein Spielrecht abkaufst. Die Eintracht benötigt dafür einen kompletten Kader und ein neues Trainerteam. Das ist das, was wir schon haben und anbieten können. Bei uns könnten sich die Spieler dann für höhere Aufgaben bei der Eintracht empfehlen. Das wäre eine gute Situation gewesen. Ich war hartnäckig, aber die Spur wurde nicht weiterverfolgt. 

hessenschau.de: Ein Thema, das aktuell immer noch die ganze Welt fest im Griff hat, ist natürlich Corona. In der Premier League fallen reihenweise Spiele aus, Lockdowns drohen. Mit welchem Gefühl blickt man da voraus?

Brendel: Wir hatten das Thema Corona auch schon in der vergangenen Saison. Da die Regionalliga den Profistatus eingeräumt bekommen hat, wissen wir immerhin, dass wir die Saison durchspielen werden. Das Thema Geisterspiele kennen wir auch schon. Wenn bei uns 1.000 Zuschauer dabei sind, dann ist alles okay. Wir müssen generell wieder alle Möglichkeiten ausschöpfen, die es gibt, auch an staatlichen Zuwendungen. Fest steht aber, dass wir bis zum Schluss weiterspielen müssen. Das ist unsere Aufgabe und so wird es auch kommen.

hessenschau.de: Immer mehr Fußballclubs bieten an, den Stadionbesuch mit einem Boostertermin zu verknüpfen. Ist das auch beim FSV vorstellbar?

Brendel: Das kann ich mir bei uns nicht vorstellen. Wir haben generell eine 2G-Regelung im Stadion. Fakt ist, dass nur die Geimpften die Vorteile in der Gesellschaft genießen. Ich hol mir meinen Booster auch. Ich bin Impf-Befürworter und nutze diese Möglichkeit aus Eigeninteresse. 

hessenschau.de: Wie sieht die Lage bei Ihnen im Team aus?

Brendel: Die meisten Spieler und Funktionäre bei uns sind doppelt geimpft. Es gibt nur noch ganz wenige, die weder genesen noch geimpft sind.

hessenschau.de: Sie sind als Manager in die Saison gestartet und nun wieder als Trainer tätig in Frankfurt. Bleiben Sie definitiv bis zum Saisonende am Seitenrand stehen?

Brendel: Ja, davon gehe ich aus. Wir wollen das Geld lieber in den Kader statt in ein neues Trainerteam investieren. 

hessenschau.de: Und in Zukunft? Wollen Sie überhaupt den Stuhl am Seitenrand wieder für einen Posten in übergeordneter Funktion tauschen?

Brendel: Letztes Jahr hat es mir als Trainer natürlich Spaß gemacht, weil wir viel Erfolg hatten. Prinzipiell gilt aber, dass ich aus dieser “On-Off-Situation" rauskommen muss. Wir benötigen eine klare Rollenverteilung. Für mich ist es in Zukunft keine Option mehr der Notnagel zu sein, der immer einspringt. Das ist auch für einen neuen Trainer keine gute Situation.

hessenschau.de: Sie sind schon seit Jahren ein echtes Gesicht des Klubs. Was zeichnet den FSV Frankfurt für Sie aus?

Brendel: Ich habe schon als Spieler fünf Jahre lang für den FSV gespielt. Ich weiß, wie die Uhren hier am Bornheimer Hang ticken. Das ist ein Verein, der von vielen Menschen ehrenamtlich unterstützt wird. Jeder, der hier mithilft, der macht aus dem Herzen heraus und nicht für Geld. Für mich ist der FSV nicht nur ein Arbeitgeber, sondern hier haben wir ein gelebtes Miteinander, ein familiäres Arbeiten. Es ist eine Herzensangelegenheit für mich, den Klub wieder nach oben zu bringen. Der finanzielle Kollaps ist erst vier Jahre her. Wir können stolz darauf sein, was wir danach geleistet haben. Natürlich sind auch wir von sportlichen Schwankungen abhängig, aber wir haben dem Verein eine Zukunft gegeben. 

Das Gespräch führte Christopher Michel.