Tobias Damm

Hessen Kassel schließt die Saison auf Rang 12 ab. Der Aufsteiger sorgte speziell zu Saisonbeginn für Überraschungen. Trainer Tobias Damm lobt eine besondere Leistung und erklärt Kassels WM-Boykott.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Damm: "Das haben die Jungs sensationell gemacht"

Tobias Damm Kassel
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Hessen Kassel schlug sich achtbar im ersten Jahr in der Regionalliga Südwest. Besonders unter der engen Spieltaktung und den Corona-Regeln zeigte sich die Mannschaft diszipliniert. Tobias Damm erklärt die Doppelbelastung zwischen Regionalliga und Arbeit - und warum sein Team keinen Spieler zur WM in Katar abstellen wird.

hessenschau.de: Tobias Damm, welches Spiel ist Ihnen aus der vergangenen Saison noch besonders in Erinnerung geblieben?

Tobias Damm: Auf jeden Fall unser Sieg in Ulm und bei der SG Sonnenhof Großasbach. Bei letzterem Spiel lagen wir fast aussichtslos 0:2 zurück und konnten noch vor der Halbzeit ausgleichen. Die Jungs haben unseren Plan weiterverfolgt und sind einfach marschiert. In der zweiten Halbzeit konnten wir sogar noch den Siegtreffer erzielen und wurden insgesamt für unsere Leistung belohnt. Die Partie hat die Mentalität der Jungs herausgestellt.

hessenschau.de: Der damalige Siegtorschütze Ingmar Merle war zwei Mal für das "Tor des Monats" nominiert, einmal gewann er. Ist das für Sie auch eine besondere Geschichte dieser Spielzeit?

Tobias Damm: Die beiden Treffer haben für Aufsehen gesorgt und es war eine tolle Sache für Inge. Aber ich will eher die Mannschaft in den Vordergrund stellen. Denn besonders erfreulich an den beiden Treffern war, dass wir in diesen beiden Spielen jeweils den Dreier geholt haben. Somit wurden seine schönen Treffer für uns noch veredelt.

hessenschau.de: Merle kündigte an, Mannschaft und Trainer zum Essen einzuladen. Ist das schon passiert?

Tobias Damm: Bisher noch nicht (lacht). Das steht noch aus.

hessenschau.de: Sie haben die Spiele gegen Ulm und Großasbach angesprochen. Auffällig war aber auch, dass Kassel gegen den Ersten SC Freiburg II in beiden Spielen ein Remis schaffte. Wie haben Sie das bewerkstelligt?

Tobias Damm: Wir haben das mit einer guten Arbeit gegen den Ball hinbekommen und brutal gut verteidigt. So manches Mal haben wir in der Saison einfach Punkte liegen lassen, gegen Freiburg hatten wir auch das nötige Quäntchen Glück, das man sich verdienen muss.

hessenschau.de: Waren Sie überrascht, wie gut Ihr Team als Aufsteiger gerade zu Saisonbeginn mit der neuen Liga zurechtkam?

Tobias Damm: Wir haben den Jungs schon in der Vorbereitung klar gemacht, dass die Regionalliga etwas ganz anderes ist als die Hessenliga. Jeder wusste, was auf uns zukommt. Zudem haben wir auch genug Erfahrene im Team, die bestens auf die Herausforderung eingestellt waren. Letzten Endes wurden wir auch von der Vorfreude getragen.

hessenschau.de: Sie haben das Spiel gegen den Ball als Stärke des Teams angesprochen. Was waren die Schwächen?

Tobias Damm: In vielen Phasen des Spiels müssen wir mehr Ballbesitz haben. Ich will zwar keine reine Ballbesitz-Mannschaft, dafür haben wir auch gar nicht die Spielertypen. Aber man muss trotzdem dominanter auftreten. Wir haben oft zu leicht den Ball hergeschenkt und mussten dann hinterherlaufen. So etwas kostet Kraft. Wir wollen zwar schnell und zielstrebig nach vorne spielen, müssen aber dabei die Balance halten und dürfen nicht den Kopf verlieren.

hessenschau.de: Es gab Mannschaften in der Liga, die stark von Corona betroffen waren. Wie haben Sie diese Saison unter besonderen Umständen erlebt?

Tobias Damm: Das hat die Mannschaft sensationell gemacht; wir hatten keinen einzigen positiven Fall. Alle sind gesund geblieben. Man darf nicht vergessen: Wir sind keine Profimannschaft, über die Hälfte der Spieler arbeiten noch. Bei 42 Spieltagen ist das schon eine Hausnummer. Ich will ein Beispiel nennen: Nach dem Auswärtsspiel in Freiburg kommen wir nachts um halb 3 wieder, bei den Spielern klingelt um halb sieben der Wecker für die Arbeit und um 15:30 stehen sie wieder auf dem Trainingsplatz. Das haben die Jungs bestmöglich hinbekommen.

hessenschau.de: Beim Heimspiel gegen Ulm waren wieder Zuschauer im Stadion. Merkt man da als Trainer direkt einen Unterschied?

Tobias Damm: Ganz ehrlich: Es waren zwar nur 150 Zuschauer in einem Stadion für 18.000, aber es hat sich nach so viel mehr angefühlt. Das war top, weil wir es so sehr vermisst haben.

hessenschau.de: Sie haben den Zusammenhalt der Mannschaft gelobt. Haben Sie die Befürchtung, dass der durch den großen personellen Aderlass nun in Gefahr ist?

Tobias Damm: Ganz klar: Die Jungs, die jetzt neu dazu kommen, müssen erst einmal integriert werden. Die Jungs, die schon hier sind, wissen: Für mich steht mannschaftliche Geschlossenheit ganz oben. Hier muss jeder für den anderen da sein und auch die Regeln beachten. Das ist die Grundvoraussetzung.

hessenschau.de: Müssen Sie jetzt in der Abwehr und im Sturm viele neue Leute holen oder können Sie auch Talente einbauen, die die Lücken füllen?

Tobias Damm: Wir wollen natürlich weiter junge Spieler einbauen und die Mannschaft verjüngen. Moritz Flotho beispielsweise hat kürzlich einen Vertrag bekommen. Aber wir müssen natürlich auch extern schauen und versuchen, die Abgänge zu kompensieren. Wir wollen auf den angesprochenen Positionen nachlegen. Da haben wir auch schon einen Plan im Auge. Mitte bis Ende nächster Woche können wir vielleicht etwas verkünden.

hessenschau.de: Eine zukünftige Belastung für Hessen Kassel fällt weg. Der Klub erklärte, dass er die WM in Katar boykottiere und keine Spieler abstellen werde.

Tobias Damm: Ja, die Aktion hat einen lustigen Aufmacher, aber auch einen tiefergehenden Sinn. Wir wollen nicht mittragen, was in Katar auf den Baustellen passiert, und haben deswegen gesagt, dass wir die WM boykottieren. Es soll ein Zeichen von unserem Klub sein: Wir machen nicht mit – egal in welcher Liga wir spielen.

Das Gespräch führte Ron Ulrich.