OFC-Präsident Joachim Wagner spricht über die aktuelle Lage beim Regionalligisten.

Kickers Offenbach hat eine gute Hinrunde absolviert und träumt vom Aufstieg in die 3. Liga. Dennoch hatte Präsident Joachim Wagner im Herbst eine schwierige Situation zu meistern. Er blickte auf ein turbulentes erstes Halbjahr zurück.

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OFC-Präsident Joachim Wagner über das erste Halbjahr

Joachim Wagner führt den OFC als neuer Präsident an.
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Seit 2019 ist Joachim Wagner als Präsident von Kickers Offenbach tätig. Die aktuelle Entwicklung des Regionalligisten stimmt Wagner positiv, für die handelnden Personen Geschäftsführer Thomas Sobotzik und Trainer Sreto Ristic findet er lobende Worte. Bauchschmerzen bereitet hingegen die Coronalage

hessenschau.de: Joachim Wagner, trotz der Niederlage am letzten Spieltag das Jahres 2021 in Ulm. Wie zufrieden sind Sie mit dem Verlauf der ersten Saisonhälfte? 

Joachim Wagner: Zufrieden ist immer so ein digitaler Ausdruck. Ich bin mit der Entwicklung vom OFC im Grundsatz zufrieden. Wir haben uns in vielen Bereichen entwickelt und das ist positiv. Das ich nicht nur an einem kurzfristigen Tabellenstand festzumachen. Ich sehe das so wie bei einer Aktie, dass man den wirklichen Gewinn oder Verlust erst dann sieht, wenn man verkauft. So ist das auch bei der Tabellenplatzentwicklung. Entscheidend ist die Platzierung am letzten Spieltag und nicht im November oder Dezember. 

hessenschau.de: In den Duellen gegen die Topteams sah der OFC eigentlich immer gut aus. Welche Gründe sehen Sie dafür? 

Wagner: Die Mannschaft hat Qualität. Das haben wir schon in der Vorbereitung gesehen. Wir haben im ersten Halbjahr gegen fast alle Topmannschaften außer gegen Mainz II und Ulm gewonnen. Die Niederlage im Rückspiel in Ulm war natürlich unglücklich, weil unser Ball kurz vor Schluss deutlich hinter der Linie war. Das sind natürlich unglückliche Schiedsrichterentscheidungen, die sich im Lauf einer Saison allerdings ausgleichen sollten. Insgesamt sehen wir eine Weiterentwicklung der Mannschaft, die auf Augenhöhe agieren kann und das Durchsetzungsvermögen hat, diese Spiele zu gewinnen. 

hessenschau.de: Einen einschneidenden Tag in dieser Saison erlebte man in Offenbach am Dienstagabend nach der 0:1-Niederlage auf dem Bieberer Berg gegen Schott Mainz. Die Stimmung war am Boden, der Aufstieg schien weit weg. Nehmen Sie uns doch mal mit in die Stunden danach...  

Wagner: Das war natürlich sehr brutal und das raubt sämtliche Energien. Man ist nach Schlusspfiff mit Gedanken vollgepumpt und versucht, diese Niederlage für sich einzuordnen und mit einer gewissen Ruhe nachzudenken. Erstmal fühlt es sich unangenehm an. Ich war an dem Tag natürlich im Stadion. Da kam die geballte Wucht eines Traditionsvereins hervor, da hat sich der heftige Frust der Fans entladen. Alle Blicke sind danach in Richtung Präsidium gewandert. Wir haben uns aber so verhalten, wie es untypisch für den OFC ist und die nötige Ruhe bewahrt. Wir haben keine Reißleine gezogen, da wir komplett von Mannschaft und Trainerteam überzeugt waren und es auch weiterhin sind. Heute sind wir natürlich froh, dass sich die Resultate eingestellt haben. Das gehört zu einer Weiterentwicklung auch dazu. Ich kann nur den Hut ziehen, wie sich das Trainerteam selbst aus dieser Krise rausgezogen hat. Wir haben seitdem viele positive Dinge erlebt. Darauf können wir aufbauen.  

hessenschau.de: Was waren die Gründe an Ristic festzuhalten?   

Wagner: Da gab es keine typische Diskussionsrunde, in der Überzeugungsarbeit geleistet werden musste. Vielmehr hatten wir Verantwortlichen das Gefühl, dass wir sehr gut aufgestellt sind und Trainerteam und Spieler zusammenpassen. Es geht nicht immer nur um kurzfristige Entwicklungen, sondern um eine langfristige Strategie. Wir hatten weiterhin das Gefühl, dass Ristic sehr gut mit dem Team arbeiten kann und eine hohe Reputation hat. Wir waren davon überzeugt, dass er die richtigen Schlüsse ziehen wird. Deshalb sollte Ristic auch in Ruhe weiterarbeiten. 

hessenschau.de: Mit Thomas Sobotzik haben Sie einen akribisch arbeitenden Geschäftsführer, der ein Gesicht des OFC geworden ist. Wie zufrieden sind Sie mit der Zusammenarbeit? 

Wagner: Wir sind sehr zufrieden mit Thomas Sobotzik. Er ist extrem ehrgeizig und nie zufrieden. Diese Eigenschaft ist wichtig, weil es immer Dinge gibt, die man verbessern kann. Das passt gut zu uns. Wir müssen uns aus der Regionalliga herausarbeiten und das geht nicht mit Zufriedenheit, sondern nur mit harter Arbeit. Ich habe das auch nach Spielen, die wir gewonnen haben, gemerkt. Wir telefonieren dann und Sobotzik findet immer wieder Dinge, die wir verbessern können. Das ist der richtige Weg für uns. 

hessenschau.de: War man beim OFC früher zu schnell zu zufrieden?   

Wagner: Das ist generell ein Problem in der Gesellschaft. Wenn man zu schnell zufrieden ist, dann entwickelt man sich zurück. Man muss stattdessen Dinge sehen, die nicht funktionieren und anpacken. Wir müssen uns alles hart erarbeiten. Misserfolg ist die Addition von vielen Fehlentscheidungen und Erfolg ist die Addition von vielen guten Entscheidungen. 

hessenschau.de: Eine große Herausforderung für alle Beteiligten weltweit ist die Coronapandemie. Wie haben sich die Beschränkungen auf die finanzielle Lage insgesamt ausgewirkt? 

Wagner: Das ist für Regionalligisten in Summe eine sehr unglückliche Situation. Mannschaften in der vierten Liga leben von Sponsoring- und Zuschauereinnahmen. Wir erhalten keine TV-Gelder. Wenn bei uns Zuschauer ausgeschlossen werden, dann trifft es uns knallhart. Beim letzten Heimspiel gegen Elversberg hätten wir normalerweise bis zu 9.000 Zuschauer dabeigehabt, diesmal waren aufgrund der Coronalage nur 5.000 Zuschauer anwesend. Wir liegen hinter unserem kalkulierten Zuschauerschnitt, aber dafür ist die Kostensituation nach oben geschossen. Die Ordnerkosten treffen uns brutal. Die 2G+-Regelung bedeutet enorm viel Aufwand für unseren Klub. Wir mussten die Blöcke verantwortungsvoll trennen, Personal-, Impfausweise und Schnelltest prüfen. Das alles geht nur mit extrem vielen Ordnen, die natürlich viel kosten. 

 hessenschau.de: Können Sie uns sagen, wie hoch die Kosten ausfallen?  

Wagner: Nein, das macht auch wenig Sinn. Aber für uns ist das eine beachtliche Summe. Die Umsetzung der Geisterspiele in der Bundesliga geben mir zudem kein gutes Gefühl. Fußball ohne Zuschauer passt nicht zusammen und trifft uns wirtschaftlich hart. 

hessenschau.de: Hoffen Sie wieder auf staatliche Mittel?  

Wagner: Das wäre natürlich eine Möglichkeit. Schon in der vergangenen Saison haben wir Hilfe bekommen. Das Land Hessen hat die Anträge pragmatisch und fair bearbeitet. Dafür will ich die Politik auch loben. Ich hoffe, dass wir bei Geisterspielen wieder eine Unterstützung erhalten. 

hessenschau.de: Thomas Sobotzik kündigte offensiv Neuzugänge im Winter an. Ist Budget vorhanden?  

 

Wagner: Wir wollen auf dem Transfermarkt aktiv werden. Dafür müssen wir externe Mittel freischaufeln. Drei schwerverletzte Spieler sind für uns nicht zu verkraften, 19 gesunde Feldspieler für die Rückrunde zu wenig. Wir müssen mindestens auf zwei Positionen noch nachrüsten und das werden wir tun.  

hessenschau.de: Auf welchen Positionen werden Sie fahnden?  

Wagner: Die Probleme sind bekannt, doch dafür ist Thomas Sobotzik der richtige Ansprechpartner. 

hessenschau.de: Muss der Etat bei Nicht-Aufstieg zurückgeschraubt werden?  

Wagner: Darüber reden wir aktuell nicht. Das ist ein Thema für später. Der Fokus ist nun vollständig auf die aktuell laufende Saison gerichtet. Die neue Saison werden wir frühzeitig planen. Aber jetzt müssen wir schauen, wie es mit Corona und der sportlichen Entwicklung weitergeht. 

hessenschau.de: Im Sommer laufen die Verträge einiger Leistungsträger aus. Wann beginnt man dort mit Gesprächen?  

Wagner: So viele Verträge laufen nicht aus. Thomas Sobotzik wird zur gegebenen Zeit mit den Spielern, die wir halten wollen, sprechen und verlängern. 

hessenschau.de: Wer sind die Aufstiegsrivalen für den OFC?  

Wagner: Das war bislang gut berechenbar. Jeder hatte Elversberg, Ulm, Homburg und uns auf dem Zettel. Darüberhinaus sind alle von einem Überraschungsteam ausgegangen, das ist jetzt Mainz. Diese Teams werden bis zum Ende um den Aufstieg mitspielen. Da ist noch alles offen. 

 

hessenschau.de: Welche Rolle nehmen die Zuschauer ein beim Rennen um den Aufstieg? 

Wagner: Die Zuschauer sind für uns sehr wichtig. Das hat man in dieser Saison gesehen, da hatten wir eine wunderbare Stimmung im Stadion. Fußball ohne Zuschauer passt nicht zusammen und fühlt sich nicht gut an. 

hessenschau.de: Im Umfeld des Klubs gibt es Gerücht, wonach der OFC interessiert wäre das Stadion von der Stadt zu übernehmen. Gibt es dazu tatsächlich Überlegungen? 

Wagner: Das ist weitgegriffen, aber grundsätzlich ist diese Option hochinteressant. Eine Stadionübernahme ist nicht Priorität Nummer eins. Aber es ist ein Thema, mit dem wir uns ligaunabhängig beschäftigen. Wir müssten prüfen, ob das wirtschaftlich umsetzbar ist. 

hessenschau.de: Wie geht es Ihnen eigentlich inmitten der Corona-Krise? Hat man da persönlich noch Spaß an der Aufgabe als Präsident eines Fußballklubs? 

Wagner: Der Spaß geht nicht flöten, weil wir ehrgeizig sind und Ziele haben. Aber es ist natürlich schade, dass viele Dinge nicht möglich sind. Die persönlichen Treffen fehlen, es gibt kaum Veranstaltungen. Wir hatten eine große Weihnachtsfeier geplant mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern, aber nun gab es wieder eine Absage. Das ist blöd, weil man das Wir-Gefühl im Verein nicht so rüberbringen kann. Der persönliche Kontakt fehlt. Das ist schade, aber trotzdem erfüllt mich die Aufgabe weiterhin mit viel Freude. 

Das Interview führte Christopher Michel