Imago Salutier-Jubel

Der Torjubel als Gruß an türkische Soldaten sorgt für Aufregung und erhöhte Alarmbereitschaft beim Hessischen Fußball-Verband. Bei einem Kreisliga-Spiel in Offenbach gab es erste Nachahmer.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Like & Dislike - viel Social-Media-Wirbel um Gündogan und Can

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Stramm stehen nach dem Tor, die Hand an die Schläfe gelegt und dann salutieren – das ist der Jubel, der in den vergangenen Tagen für Trubel sorgte. Die deutschen Nationalspieler Emre Can und Ilkay Gündogan hatten ein Foto mit dem Gruß geliked, sich anschließend erklären – vor allem aber distanzieren müssen. Der Jubel nämlich ist keineswegs harmlos wie einst Mario Gomez‘ Torero-Jubel oder Jürgen Klinsmanns Diver. Mit dem Salutieren hatten türkische Spieler ein politisches Bekenntnis zum Militäreinsatz türkischer Streitkräfte in Nordsyrien abgegeben. Der Einsatz zur Bekämpfung der Kurdenmiliz YPG wird international kritisiert.

Und der Militär-Jubel? Der ist inzwischen nicht nur bei Länderspielen zu sehen, auch bei den Amateuren melden Verbände Vorkommnisse. Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) reagierte inzwischen, kündigte Sanktionen vor dem Sportgericht an, will in den kommenden Tagen aber auch Spieler und Trainer für das Thema sensibilisieren.

Militärgruß in Offenbach

Nach einem Bericht der Offenbach Post kam es auch in Hessen zu einem ersten Vorfall: Wie auf einem Video von Mainkick. TV zu sehen ist, rannten am vergangenen Wochenende vier Spieler des Türkischen SC beim Kreisliga-Spiel gegen den VfB Offenbach II nach einem Treffer in Richtung Kamera des Online-Streamingdienstes und zeigten dort den Militägruß.

Am Donnerstag äußerte sich der Verein in einer Stellungnahme und distanzierte sich von jeglichen politischen Äußerungen. "Wir sind für Frieden und möchten, dass keine weiteren unschuldigen und unbeteiligten Menschen auf dieser Welt, egal welcher Herkunft, Hautfarbe oder Religion sie angehören, leiden müssen." Ob die Spieler mit Konsequenzen rechnen müssen, blieb allerdings offen.

Verband will durchgreifen

Dies wiederum klang beim Verband ganz anders. Kreisfußballwart Jörg Wagner kündigte an, "jeden einzelnen Fall zur Anzeige zu bringen". Krieg sei immer der falsche Weg, sagte er. "Ohne jegliche Diskussion und ohne jeglichen Zweifel lehnen wir kriegerische Handlungen ab. Diese und deren Solidarisierung widersprechen grundsätzlich dem Leitbild und den Werten des Hessischen Fußballs."

In einer Mitteilung am Donnerstag kündigte der Verband zudem an, schuldhaftes Verhalten mit Sperren, Geldstrafen bis zu 1.500 Euro und/oder Punktabzug zu sanktionieren.

Carsten Weber, Trainer von Hessenligist Türk Gücü Friedberg, sprach sich derweil für einen Austausch und Dialog aus. "Es ist wichtig, dass man mit den Spielern in Dialog kommt und auch versucht, Ursachen zu finden, die Spieler zu verstehen, warum sie diese Geste machen", sagte er im Gespräch mit hr1. Die Frage nach dem Warum – sie wird aktuell nur selten gestellt.

Verband will Einzelfälle prüfen

Bei Türk Gücü in Friedberg spielen nicht nur türkischstämmige Spieler. "Wir sind ein Verein mit türkischen Wurzeln", so Weber. "Aber wir haben auch viele Spieler aus Serbien, Deutschland, den USA, Italien, die alle hier geboren sind." Dass seine Spieler am anstehenden Hessenliga-Spieltag oder am Mittwochabend im Kreispokal Tore mit dem umstrittenen Jubel feiern, schließt Weber aus. "Das wird bei uns nicht passieren", ist der Coach überzeugt. "Innerhalb der Mannschaft ist Politik kein Thema. Auch nach dem Vorfall beim Länderspiel wurde das in der Kabine so gut wie gar nicht thematisiert."

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Türk-Gücü-Coach Weber: "Wichtig, in Dialog zu kommen"

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Ein Thema sind mögliche Salutier-Jubel aber beim Hessischen Fußball-Verband (HFV). Der auf Nachfrage des hr-sports auf Paragraph 21 seiner Strafordnung verweist. Gegen den Paragraphen verstoßen all jene, die sich "politisch, extremistisch oder obszön" verhalten. "Wenn wegen eines Fehlverhaltens gegen die Satzung und Ordnungen des Hessischen Fußball-Verbandes eine Anzeige vorliegen sollte, müssten sich die Sportgerichte damit beschäftigen", erklärte HFV-Vizepräsident Torsten Becker. Der HFV will den Jubel also nicht vorsorglich verbieten, sondern Vorfälle dann im Einzelnen prüfen.

Keine Politik auf dem Rasen?

"Unter dem Dach des Hessischen Fußball-Verbandes darf jeder Fußball spielen, der sich an die 17 Fußball-Regeln hält und den Fairplay-Gedanken respektiert, ungeachtet von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, sexueller Orientierung oder Herkunft", so Becker weiter. Gegen den Paragraphen 21 der Strafordnung würden dann allerdings auch all jene Statements verstoßen, die sich auf dem Fußballplatz etwa für die Wahrung der Demokratie, gegen Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus einsetzen. Auch diese Botschaften "müssten im Einzelfall geprüft werden", teilte der HFV mit.

Türk-Gücü-Coach Weber will seine Spieler indes sensibilisieren. "Wir haben in unserem Land Meinungsfreiheit und jeder hat das Recht, sich zu positionieren – aber unsere Spieler vertreten uns nach außen und haben auch über die Spielklasse, in der wir spielen, eine gewisse Außenwirkung." Und doch: "Ich bin der Meinung, dass Fußball von der Politik losgelöst sein sollte." Neben dem Hessischen Fußball-Verband haben auch die Verbände von Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg, Schleswig-Holstein und der Nordostdeutsche-Verband inzwischen angekündigt, Vorfälle zu prüfen.