Schon wieder ein Rassismus-Eklat im deutschen Fußball: Beim Drittliga-Spiel der Würzburger Kickers in Münster wurde vergangenes Wochenende Leroy Kwadwo rassistisch beleidigt. Mittendrin: Schiedsrichterin Katrin Rafalski aus Nordhessen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Rafalski: "Das ist unterste Schublade"

Katrin Rafalski mit dem Würzburger Spieler Leroy Kwadwo
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In der dritten Liga hat ein Rassimus-Skandal am vergangenen Wochenende hohe Wellen geschlagen. Schiedsrichterin Katrin Rafalski pfiff das Spiel der Würzburger Kicker bei Preußen Münster und bekam direkt mit, wie sich der Würzburger Spieler Leroy Kwadwo Affenlaute anhören musste. Im Interview spricht die 38-Jährige, die für den TSV Besse pfeift, über den Vorfall.

hessenschau.de: Katrin Rafalski, während des Spiels zwischen Preußen Münster und den Würzburger Kickers kam es zu einem rassistischen Vorfall. Wie haben Sie als Schiedsrichterin die Szene erlebt?

Katrin Rafalski: Es sollte gerade gewechselt werden, der Spieler Leroy Kwadwo stand zum Einwurf bereit. Ich stand etwa zehn Meter entfernt, da legte er den Ball weg, lief aufgeregt zu mir und sagte: "Aus dem Publikum kommen Affenlaute." Ich wurde hellhörig und konnte die Affenlaute dann auch wahrnehmen. Ich ging zu Preußen-Trainer Sascha Hildmann, um eine Stadiondurchsage zu veranlassen, damit das unterlassen wird. Das hat Preußen Münster auch direkt gemacht. Mir war es wichtig, dass ich den Spieler in der Situation versuche zu schützen, weil das eine ganz furchbare Situation war.

hessenschau.de: Wie haben Sie Kwadwo beruhigt?

Rafalski: Ich habe ihn zur Seite genommen, es kamen auch mehrere Spieler von der eigenen und der gegnerischen Mannschaft dazu und haben ihm gut zugeredet. Ich habe ihm gesagt: Ich will dich schützen. Was hier passiert, ist unterste Schublade. Das akzeptiere und toleriere ich nicht. Es war ein kurzer Dialog, er hat sich bedankt. Ich fragte ihn noch, ob alles okay bei ihm ist und ob er weiterspielen könne. Das hat er bejaht und dann haben wir das Spiel fortgeführt.

hessenschau.de: Wie ist denn die Handhabe bei solchen Vorfällen. Gibt es Richtlinien, nach denen Sie in einer solchen Situation handeln?

Rafalski: Es gibt einen Drei-Stufen-Plan. Sobald man rassistische Äußerungen wahrnimmt, ist die erste Aufgabe, die wir als Schiedsrichter haben, sofort eine Stadiondurchsage zu veranlassen. Wenn sich der Vorfall trotzdem wiederholt, ist die zweite Stufe, dass man mit den Mannschaften in die Katakomben geht. Hört es immer noch nicht auf, kommt es zum Spielabbruch.

hessenschau.de: Wird man als Schiedsrichterin konkret auf solche Situationen vorbereitet?

Rafalski: Ja. Wir werden auf Lehrgängen vom DFB immer wieder dafür sensibilisiert. Gerade nach dem Vorfall auf Schalke hat uns der DFB erneut sensibilisiert und genau über die Vorgehensweise informiert. Wir sind alle gut vorbereitet.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Rafalski: "... dann kommt es zum Spielabbruch"

Schiedsrichterin Katrin Rafalski
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hessenschau.de: Auf Schalke wurde Hertha-Spieler Jordan Torunarigha rassistisch beleidigt. Haben rassistische Schmähungen von den Rängen zugenommen?

Rafalski: Ich habe es zum allerersten Mal miterlebt. In Münster war vorbildlich, dass auch die Zuschauer die Schmähungen nicht toleriert haben und der Täter sofort aus dem Stadion verwiesen wurde. Das war eine ganz starke Reaktion von allen Beteiligten.

hessenschau.de: Wie war die Stimmung auf dem Platz nach dem Vorfall?

Rafalski: Es passierte in der 85. Minute, sodass nicht mehr allzu lang zu spielen war. Die Spieler haben das alles sehr professionell abgearbeitet und sind wieder normal ins Geschehen mit eingestiegen. Was in Leroy Kwadwo vorging, weiß allerdings nur er selbst. Das können wir gar nicht nachempfinden.

hessenschau.de: Hatten Sie nach dem Spiel noch einmal Kontakt mit ihm?

Rafalski: Ich habe ihn nach dem Spiel leider nicht mehr gesehen. Ich wollte noch einmal zu ihm, aber direkt nach dem Spiel waren die Sicherheitsverantwortlichen von Preußen Münster bei uns und haben sich für den Vorfall entschuldigt. Anschließend kam noch die Polizei, es war also viel los in der Schiedsrichterkabine. Bis wir fertig waren, waren die Würzburger leider schon weg.

hessenschau.de: Sie sagen, es sei für Sie das erste Mal gewesen, dass so etwas in einem Ihrer Spiele vorkommt. Hat Sie die Situation mitgenommen?

Rafalski: Natürlich nimmt einen das mit. Es ist total schockierend, wenn jemand so an den Pranger gestellt und diskriminiert wird. Niemand will aufgrund seiner Herkunft beschimpft werden. Ich finde es fürchterlich, dass Rassismus in unserer heutigen Gesellschaft überhaupt noch stattfindet. Leroy Kwadwo ist in Deutschland geboren, in Deutschland aufgewachsen – dass jemand so angegangen wird, ist nicht zu tolerieren.

hessenschau.de: Das gesamte Stadion rief nach der Situation "Nazis raus!". Macht das Mut?

Rafalski: Ja, das fand ich super. Das ist genau die richtige Reaktion gewesen. Genau so sollte man auf solche Szenen reagieren.

hessenschau.de: Wie war das Feedback bei Ihnen?

Rafalski: Durchweg positiv. Die Vereine haben sich für die ruhige Art bedankt. Meine Aufgabe als Spielleiterin ist es auch, die Spieler zu schützen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Rafalski: "Hoffe nicht, dass es wieder passiert"

Schiedsrichterin Katrin Rafalski
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hessenschau.de: Der Fußball hat eine große gesellschaftliche Bedeutung und damit auch Verantwortung. Muss der Fußball mehr tun, um solche Szenen zu verhindern?

Rafalski: Man muss die Übeltäter finden, aber oft findet man sie gar nicht. Es ist ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem, das nicht nur der Fußball hat, sondern das überall auf der Welt existiert. Da müsste man ansetzen. Dass jeder überall anerkannt ist und niemand jemand anderem etwas Böses will. Man kann im Fußball immer wieder nur Zeichen setzen, so wie am Wochenende. Im Alltag ist bei diesem Thema jeder gefordert.

hessenschau.de: Kwadwo sprach sich im Aktuellen Sportstudio für Spielabbrüche aus. Muss man Spiele früher abbrechen, damit sich auch die Signalwirkung erhöht?

Rafalski: Ich hoffe nicht, dass es wieder so weit kommt. Man muss situationsgerecht reagieren. Der Würzburger Kapitän Sebastian Schuppan hat ja auch gesagt, dass die Mannschaft am liebsten das Spielfeld verlassen hätte und auch darüber nachgedacht hat. Wenn sich eine Mannschaft durch so einen Vorfall nicht mehr in der Lage fühlt, weiterzumachen, oder wenn es mehrere Spieler betrifft, die sagen: Wir können aufgrund dieses Vorfalls, weil es uns so sehr trifft, nicht mehr weiterspielen, dann müsste das auch jeder verstehen.

hessenschau.de: Der Ex-Eintrachtler Kevin Prince Boateng hat zu seiner Zeit in Italien nach rassistischen Rufen einmal den Platz verlassen. Wie hätten Sie reagiert, wenn Kwadwo den Platz verlassen hätte?

Rafalski: Ich hätte mit ihm gesprochen und hätte versucht herauszufinden, was der Grund ist, wie wir damit umgehen und was wir machen können, und ob ich ihm irgendwie helfen kann, dass es weitergeht. Das habe ich in der Situation auch versucht. Alles andere kann man nur dann entscheiden, wenn man auch in dieser Situation ist. Aber ich kann zu hundert Prozent nachvollziehen, wenn jemand sagt: Ich kann und möchte jetzt nicht mehr weiterspielen.

Das Gespräch führte Stephan Reich.