Nach dem brutalen Angriff auf einen Schiedsrichter in Südhessen ist die Bestürzung wieder einmal groß. Während die Unparteiischen nur um Schutz bitten können, greifen Verein und Verband hart durch. Im Falle von Münster muss außerdem die Justiz ran.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Konsequenzen nach der Schiri-Attacke in Münster

Rettungshubschrauber und Krankenwagen auf einem Fußballplatz
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Die wichtigste Nachricht am Tag nach der hässlichen Attacke auf einen 22 Jahre alten Unparteiischen in Münster kommt vom Kreisschiedsrichter-Obmann des zuständigen Odenwaldkreises. "Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Die ersten Untersuchungen waren positiv", berichtet Thorsten Schenk am Montag dem hr. Mit dem Sprechen, so Schenk, habe der 22-Jährige aber noch Probleme. Deswegen bleibe er vorerst im Krankenhaus.

Dort liegt der Schiedsrichter seit Sonntag, nachdem ihn ein Spieler der FSV Münster per Faustschlag niedergestreckt hatte. Weil der Schiri ihm die Gelb-Rote Karte im Spiel gegen den TV Semd gezeigt hatte. Bewusstlosigkeit, Spielabbruch, Rettungshubschrauber – den Anwesenden bei der unterklassigen Fußballpartie wurde das gesamte Schreckensprogramm geboten.

Obmann Schenk kennt das Opfer persönlich, seitdem dieses sich im Alter von zwölf Jahren zum ersten Schiri-Lehrgang angemeldet hatte. Umso größer ist die Betroffenheit bei ihm. "Das versetzt einen in eine Schockstarre", sagt Schenk. Doch kann es noch überraschen? Wenn sich die Polizei allein in diesem Monat mit fünf Angriffen auf Schiedsrichter in Deutschland beschäftigen muss?

Amateur-Schiedsrichter oft auf sich allein gestellt

Nicht erst seit Sonntag und auch nicht erst seit vergangenem Jahr diskutiert Fußball-Deutschland über die Verrohung der Sitten - insbesondere auf Amateurplätzen, wo die Unparteiischen meist gänzlich ohne Unterstützung durch Assistenten, technische Hilfsmittel und Menschen in Kölner Kellern Entscheidungen treffen müssen.

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Thorsten Schenk
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Fehler bleiben da nicht aus, sowohl auf Schiri-Seite wie übrigens auch bei den Spielern selbst. Stichwort: Anspruch und Wirklichkeit. Diese Fehler jedoch gipfeln nach Einschätzung des Hessischen Fußball-Verbands (HFV) immer häufiger in verbalen und auch körperlichen Attacken gegen die Jugendlichen, Männer und Frauen an der Pfeife.

HFV beklagt Zunahme der Angriffe auf Schiedsrichter

"Leider reißen die Meldungen von verbaler und körperlicher Gewalt gegen Schiedsrichter in jüngster Zeit nicht ab", beklagt HFV-Präsident Stefan Reuß. Er verspricht, der Verband werde "diese Auswüchse an Gewalt nicht tolerieren, sondern mit aller Härte und allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln sportgerichtlich dagegen vorgehen".

In diesem Fall sind das wohl mehr als nur leere Versprechungen. Wie das Darmstädter Echo am Montag berichtet, hat sich das Präsidium des HFV dazu entschlossen, als Reaktion auf den Faustschlag keine Schiedsrichter mehr zu den Partien der FSV Münster zu entsenden. Heißt übersetzt: Die Freie Sportvereinigung kann den Laden dicht machen.

FSV Münster meldet Mannschaft vom Spielbetrieb ab

Mit dieser drastischen Maßnahme geht man in Münster ohnehin d'accord. In einer Sitzung am Montagabend entschied die Vereinsführung, die betroffene Mannschaft vom Spielbetrieb in der Kreisliga C Dieburg für das laufende Jahr abzumelden. Der 28-jährige Spieler wurde aus dem Verein ausgeschlossen, er erhielt zudem Hausverbot auf dem Gelände.

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Thorsten Schenk
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Und nicht nur das: Der Amateurfußballer wird sich auch juristisch für den Angriff verantworten müssen. "Er wird als Beschuldigter in einem Strafverfahren geführt", sagt Kathy Rosenberger vom Polizeipräsidium in Darmstadt. "Es wurde eine Anzeige wegen Körperverletzung geschaltet."

"Wer sich das Woche für Woche antut…"

Kreisschiri-Obmann Schenk sieht im Gegensatz zum HFV übrigens keinen expliziten Anstieg der Vorfälle, aber jedoch eine steigende Gewaltbereitschaft bei denjenigen, die Unparteiische angehen. Das Problem besitze der Fußball nicht exklusiv, es sei vielmehr ein gesamtgesellschaftliches, glaubt Schenk.

Ob zuerst das Huhn oder das Ei da war, dürfte dem im Krankenhaus liegenden 22-Jährigen herzlich egal sein. Fakt ist aber, dass sich seit Jahren immer weniger Jugendliche und Erwachsene dazu bereit erklären, für einen überschaubaren finanziellen Ertrag sonntags auf den Fußballplatz zu fahren, um sich für 90 Minuten plus Zugabe Bedrohungen (und mehr) auszusetzen. "Wer sich das für 22 Euro Woche für Woche antut", sagt Schenk, "dem gehört schon tatsächlich ein kleiner Heldenstatus."