Jason und sein Vater Mirco
Vater Mirco hilft seinem Sohn Jason bei der schwierigen Suche nach seinem Lieblingsverein. Bild © picture-alliance/dpa

Wie kann man Fan werden, wenn man gar nicht alle Teams kennt? In Jasons Welt ist das unmöglich. Nach jahrelanger Reise durch Stadien in ganz Europa steht für den Jungen aus Kassel aber fest: OFC-Fan wird er nicht.

Videobeitrag

Video

zum Video Jason auf der Suche nach seinem Lieblingsverein

Ende des Videobeitrags

Seinen Lieblingsverein, so heißt es, bekommt man in die Wiege gelegt. Als Frankfurter Bub oder Mädel geht es zur Eintracht, Südhessen tragen die Darmstädter Lilien im Herzen, Menschen aus dem nördlichen Teil des Bundeslandes zieht es oft zum BVB. Bei großer Unentschlossenheit können notfalls Erziehungsberechtigte mit ausreichend Fan-Utensilien und gezielten Stadionbesuchen beeinflussend einwirken. Bei dem zwölfjährigen Jason aus Kassel ist das jedoch nicht so einfach.

Die Mannschaften haben es nicht leicht

Da Jason das Asperger-Syndrom hat und demnach Autist ist, lebt er nach seinen eigenen Regeln. Berühren ist verboten, begrüßen nicht erwünscht, alles muss einen Sinn ergeben. "Ich brauche eine logische Entscheidungsbasis, um mich für einen Verein entscheiden zu können. Das ideale Ergebnis gibt es nur, wenn ich alle gesehen habe", erklärte er im hr-heimspiel! am Montag. Heißt: Jason muss sich live vor Ort ein Bild machen und die Clubs dann bewerten. Die Bedingungen für Daumen hoch oder Daumen runter (Spoiler: bis jetzt immer runter) bestimmt nur er. "Es sind sehr viele und sehr schwierige Bedingungen."

Videobeitrag

Video

zum Video "heimspiel!" - Was Jason mit seinem Vater im Stadion erlebt hat

Ende des Videobeitrags

So schwierig, dass die meisten Teams schon lange vor Anpfiff durchs Raster fallen. Schuld ist oft Kardinalfehler Nummer eins: der Spielerkreis. "Daran scheitern die meisten", so Jason, der anhand dieses Kriteriums erst im Februar dieses Jahres die Offenbacher Kickers für immer ausschloss. "Die haben sich angefasst, das ist eklig."

Kardinalfehler Nummer zwei: Laiendarsteller in Maskottchen-Kostümen. "Adler Attila von der Eintracht oder Hennes in Köln sind okay, der Rest geht gar nicht", bestätigt auch Papa Mirco von Juterczenka, der seinen Sohnemann bei der Suche nach seinem Herzensverein seit mehr als sechs Jahren begleitet und unterstützt.

Videobeitrag

Video

zum Video Jason: "Der OFC kommt nicht in Frage"

Ende des Videobeitrags

75 Spiele von Belgrad bis Unterhaching

Mit einem Champions-League Spiel bei Bayer Leverkusen (mit Maskottchen Brian) fing 2011 alles an, 74 weitere Partien folgten. Komplett überzeugen konnten bei dieser besonderen Groundhopping-Tour aber weder der FK Zeljeznicar Sarajevo noch Inter Mailand, der FSV Frankfurt oder irgendein anderes Teams. Beziehungsstatus: Es ist kompliziert.

Auch die von Vater Mirco immer wieder ins Spiel gebrachte Fortuna aus Düsseldorf war chancenlos. "Ich habe einmal versucht, ihm ein Freundschaftsspiel in Strümp als großes Finale zu verkaufen und wollte mit einem 7:0 punkten. Aber das hat auch nicht funktioniert."

Der VfR Aalen punktet mit Elefantengeräuschen

Denn für Jason zählen nicht Tore, Doppelpässe oder der sportliche Erfolg. Es ist das Geschehen im und rund ums Stadion, das ihn fasziniert. Am nächsten dran an dauerhafter Fan-Zuneigung war deshalb der eher biedere Drittligist VfR Aalen. "Das war wohl das abstruseste Spiel", so Papa Mirco. "Dezember, minus vier Grad, 0:0 gegen Sandhausen. Und Jason hat zum ersten Mal richtig mitgefiebert."

Grund für die Begeisterung war die eigentümliche Rundumvermarktung der Partie und ein Sponsor des Tages, der alles mit Werbung zupflastern durfte, wie Jason erzählt. An diesem Abend zeichnete eine örtliche Waschstraße verantwortlich für die Gestaltung der Anzeigetafel, die Präsentation von Einwechslungen und die akustische Untermalung von Eckbällen. "Die durften sich ein Geräusch aussuchen, das vor jeder Ecke eingespielt wurde", so Jason. "Und die haben sich für lautes Elefantengetröte entschieden." Folge: ein ohrenbetäubendes Törööö bei jeder Ecke und ein begeisterter Jason. "Ich habe immer gehofft, dass der Ball ins Toraus geht."

Can lädt Jason nach Liverpool ein

Videobeitrag

Video

zum Video Emre Can lädt Jason zu einem Spiel des FC Liverpool ein

Ende des Videobeitrags

Da aber auch das Team von der Ostalb letztlich nicht alle Kriterien erfüllen konnte, geht die Suche von Jason weiter. Papa Mirco schlägt Spiele vor, spielt Chauffeur und hält die Ereignisse in seinem preisgekrönten Blog fest. Unterstützung für das aufwendige Projekt gibt es inzwischen sogar von prominentester Stelle: Am Montag lud der in Frankfurt geborene Nationalspieler Emre Can Jason zu einem Spiel seines FC Liverpool an die legendäre Anfield Road ein. Ob die Reds das unentschlossene Fan-Herz erobern können? Jason hat da Zweifel: "Machen die einen Spielerkreis?"