Der 1. FCA Darmstadt sorgt für ein Novum im hessischen Amateurfußball. Das spezielle Modell hinter dem Verein, für den fast ausschließlich Spieler aus dem Ausland rekrutiert werden, löst viel Kritik aus. In den USA wurden zwei Videos ehemaliger Mitspieler zum Internet-Hit.

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zum hr-fernsehen.de Video Fragwürdige Taktik – Kreisligist lockt ausländische Talente

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Der ganze Stolz des Vereins steckt in einem schlichten weißen Bilderrahmen. "Die Deutsche Fußball Liga dankt dem 1. FCA 04 Darmstadt für die herausragende Förderung von Jonathan Michael Burkardt", ist dem Papier zu entnehmen. Dazu der Hinweis, dass der Mittelstürmer von Mainz 05 beim Heimspiel gegen den FC Augsburg im September 2018 erstmals im Profifußball eingesetzt wurde. Die verglaste Würdigung der DFL hängt an einer Wand im Vereinsbüro des FCA im Darmstädter Norden, die Pokale und Wimpel drumherum, die hauptsächlich von Erfolgen der Jugendmannschaften zeugen, wirken dagegen fast schmuck- und bedeutungslos. 

"Es gibt keine Garantie, in den bezahlten Fußball zu kommen", sagt Luca Bergemann, der gerade einmal 19 Jahre alte Sportliche Leiter des Kreisoberligisten aus dem Stadtteil Arheilgen. Ein Allerweltszitat, sicherlich. Erst Ende 2018 hatte eine ARD-Recherche ergeben, dass selbst in Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga nur 3,5 Prozent aller Talente den Sprung vom Nachwuchs- in den Profibereich schaffen. Wenn Bergemann aber über Garantien und Chancen im bezahlten Fußball spricht – und dabei vor dem gerahmten DFL-Schreiben sitzt – dann klingt es auch ein bisschen so, als würde er seinem Verein auf die imaginäre Schulter klopfen.

Interview erst nach langem Hin und Her

Dass der Selfmade-Manager überhaupt ein Interview gibt, ist nicht unbedingt selbstverständlich. Zwei Anfragen des Hessischen Rundfunks lehnte er zunächst ab, oder aber er verwies wegen der vielen Arbeit während der Winterpause auf einen späteren Zeitpunkt. Eine Zusage folgte erst nach einigem Hin und Her. Zu drängend sind die Fragen, die sich in den vergangenen Wochen rund um den FCA aufgetürmt haben.

Wie hat es der Achtligist geschafft, 17 der bislang 17 Saisonspiele zu gewinnen? Welches System steckt hinter der ersten Mannschaft, in der bis auf eine Ausnahme ausschließlich ausländische Spieler zum Einsatz kommen? Und vor allem: Was ist dran an den Vorwürfen zweier YouTube-Videos, die die Bedingungen beim Club aus Arheilgen teilweise aufs Schärfste kritisieren und die mittlerweile mehr als 100.000 Mal angeklickt wurden? Geben sich die 04er in den sozialen Netzwerken wirklich als Profiteam aus und locken so zahlreiche Talente nach Hessen?

1. FCA Darmstadt: kein "normaler Amateurverein"

Rückblick: Wer verstehen will, warum sich der FCA selbst "nicht als normalen Amateurverein" sieht, muss in der Chronik zwei Jahre zurückgehen. Damals trafen die Verantwortlichen um Luca Bergemann die Grundsatzentscheidung, größtenteils nur noch mit internationalen Spielern zusammenarbeiten zu wollen. Sie stammen vor allem aus Nord- und Südamerika, aus den USA, Brasilien oder Grenada.

60 Fußballer sind pro Saison für die Darmstädter aktiv, sie verteilen sich auf die erste Mannschaft in der Kreisoberliga, auf die zweite Mannschaft in der Kreisliga D sowie auf eine U19-Jugendmannschaft. Spieler aus Deutschland sind beim FCA nicht prinzipiell außen vor, sie müssen aber die Grundidee des Systems mittragen. 

"Wir wollen nicht mehr – und so läuft der normale Amateurfußball momentan einfach – den Spielern Geld bezahlen", erklärt Bergemann. "400, 500, 600 Euro pro Monat dafür, dass man sie nur zwei Mal in der Woche sieht, sie einfach das Geld kassieren und nicht mehr wirklich etwas mit dem Verein zu tun haben. Deswegen haben wir uns dafür entschieden, mit internationalen Spielern zu arbeiten – von der Seite des Vereins aus unentgeltlich. Aber wir geben diesen Spielern die Chance, sich weiterzuentwickeln und sich beweisen zu können."

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zum Video Luca Bergemann erklärt das System des 1. FCA Darmstadt

Bergemann im Interview
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Mit dieser Haltung ist Bergemann, der als Sportlicher Leiter hauptsächlich für die erste Mannschaft zuständig ist, nicht alleine. Er teilt sie mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Marcel, der sich um die zweite Mannschaft, eine U23, sowie um die U19 kümmert – den "Academy"-Bereich. Als ihr Vater und Vereinspräsident Andreas Bergemann zu Hessenliga-Zeiten vor rund zehn Jahren im Spielausschuss tätig war, schnupperten die beiden Söhne erstmals Manager-Luft. Marcel Bergemann war der erste, der als 18-Jähriger selbst in den Spielausschuss einstieg.

Nach einer Insolvenz des Vereins im Jahr 2012 und dem Absturz in die Kreisoberliga dann der Entschluss: "Wir haben genug gelernt, wir haben andere Ideen, wir wollen den Abwärtstrend stoppen", sagt Marcel Bergemann. Komplettiert wird der Familienbetrieb von Mutter Aline, die offiziell als Teammanagerin fungiert. Der FCA Darmstadt, das ist die Familie Bergemann. Die Familie Bergemann, das ist der FCA Darmstadt.

Luca Bergemann: Sportlicher Leiter und Agentur-Geschäftsführer

In diesem System, das so sehr auf talentierte und hoffnungsvolle Kicker aus dem Ausland setzt, kooperiert der Verein mit einer Spielervermittlungsagentur. Vom ursprünglichen Partner Synced Soccer, der den Club im Internet einmal fälschlicherweise als Regionalligisten bezeichnete und damit in die unmittelbare Nähe des deutschen Profifußballs rückte, habe man in Arheilgen schnell Abstand genommen.

Der neue Kooperationspartner: die Bergemann's Soccer Academy & Agency. Der Geschäftsführer: Luca Bergemann. Die internationalen Spieler werden über soziale Medien kontaktiert und schließen einen Vertrag mit dieser Agentur, die sich dann vor allem um Unterbringung und Verpflegung der Sportler kümmert. Dafür wurden zwei Wohnhäuser angemietet und mehrere Köche engagiert, die für drei Mahlzeiten am Tag sorgen sollen.

Kontroverse Aussagen über monatliche Kosten

Über die Kosten von monatlich 500 bis 700 Euro, die gerüchteweise durchs Netz geistern und vor allem von den U23- sowie U19-Spielern zu zahlen sein sollen, sagt Luca Bergemann: "500 bis 700 Euro wurden bisher noch nicht gezahlt, der Preis ist niedriger angesiedelt. Einzelheiten gibt es in den Verträgen der Spieler und sind nicht frei zugänglich. Damit nicht zu viel geredet wird."

Vielleicht ist es aber genau diese fehlende Transparenz, die das Verständnis für und den Umgang mit dem Bergemann-Modell, das im hessischen Amateurfußball einmalig ist, so schwierig macht. Monatliche Gebühren für den Besuch einer Sport-Akademie sind im weltweiten Vergleich nicht ungewöhnlich. Aber bei einem Kreisoberligisten, dessen zweite Mannschaft in der Kreisliga D und damit in Deutschlands unterster Klasse aktiv ist? Exakt diese Frage hat in den vergangenen Wochen die YouTuber Luke Gerrish und Spencer Moeller aus den USA auf die Palme gebracht.

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Gerrish, 20 Jahre alt, war im Januar zu einem Combine – einer Art Sichtungs-Camp – nach Arheilgen eingeladen, der sechs Jahre ältere Moeller absolvierte in der Hinrunde der laufenden Saison sogar einen Liga-Einsatz für den FCA. In ihren Videos ziehen beide Fußballer das Fazit: Bei diesem Club haben sie nicht das bekommen, was sie sich erhofft hatten. Sie berichten von chaotischen Wohnzuständen, die vor allem in jenem Haus herrschen sollen, in dem die U23- und U19-Spieler untergebracht sind. Insbesondere Moeller trifft dabei eine äußerst emotionale und zugespitzte Wortwahl, er spricht von einem der "widerlichsten und schändlichsten Clubs in Deutschland", von einer "Farce", von einem "Märchen". 

Vorwürfe, die Moeller im Gespräch mit dem hr konkretisiert. "Unterbringung, Verpflegung, Training – es ist die unprofessionellste Umgebung, die ich je gesehen habe. Und dann auch noch so tun, als sei man ein Profi-Club… das geht nicht." Vor allem die Quartiere der jüngeren Spieler kritisiert er scharf, doch Luca Bergemann kontert: "Da werden Tatsachen vertauscht. Dass Leute zu sechst, zu siebt in einem Raum liegen, das stimmt einfach nicht. Zwei, drei Leute pro Raum sind in einer Akademie normal." Und trotzdem: Die YouTube-Hits haben mittlerweile auch die Stadt Darmstadt erreicht. "Der darin gezeigte Inhalt wird nun, sofern er städtische Zuständigkeiten betrifft, durch die Stadtverwaltung gesichtet und bewertet", hieß es auf Anfrage in einer Stellungnahme.

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Die Winterpause endet für den FCA am 8. März, der offizielle Trainingsbetrieb startet erst eine Woche vorher. Zeit, die die Verantwortlichen nach eigenen Angaben auch dafür nutzen, um die Wohnbedingungen weiter zu verbessern. Die Spieler bereiten sich laut Bergemann anhand von individuellen Trainingsplänen in ihren Heimatländern auf die Rückrunde vor. Doch auch wenn der Ball nicht rollt, wird in Südhessen über das System des 1. FCA Darmstadt diskutiert.

"Das sind junge Personen, die die Hoffnung haben, in einem professionellen Umfeld spielen und damit Geld verdienen zu können", sagt Patrick Hegen, Trainer bei Arheilgens Liga-Konkurrent Seeheim-Jugenheim, mit Blick auf den Kader des Tabellenführers. "Die Frage ist, ob mit diesem Traum, mit dieser Vision gespielt wird. Ich finde es schwierig, von Profisport zu sprechen. Es ist die achte Liga, da ist noch relativ viel Luft nach oben." Gedanken, die Moeller und Gerrish teilen.

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Hegen im Interview
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"Spieler aus Nord- und Südamerika haben keine Ahnung, wohin sie da kommen. Wenn ein deutscher Club ankommt, dann denken viele: 'Holy shit, natürlich unterschreibe ich!'", sagt Moeller. Und Gerrish ergänzt: "Keiner weiß, wie Profi-Fußball genau aussieht, das ist bei jedem unterschiedlich. Das erlaubt möglicherweise Manipulation. Es ist hart, herauszufinden, ob man gerade eine richtig gute Chance hat – oder ob man mitten in einem Betrug ist." Genau davor seien beide YouTuber gewarnt worden, in öffentlichen Kommentaren unter ihren Videos wie in zahlreichen persönlichen Nachrichten. Die Verlockung, dem Angebot aus Darmstadt eine Chance zu geben, war aber auch bei ihnen groß.

Sportrechtlich gibt es für den Hessischen Fußball-Verband (HFV) in dieser Causa keinen Handlungsbedarf. Vorgaben, Restriktionen hinsichtlich der Anzahl ausländischer Spieler in einer Mannschaft oder eine Local-Player-Regelung existieren nicht. Laut Kreisfußballwart Michael Sobota hat die Pass-Stelle des HFV die Spielberechtigungen der ausländischen, insbesondere der US-amerikanischen und kanadischen Spieler, wiederholt kontrolliert. Das Ergebnis: Der Verein verstößt nicht gegen Satzungen und Ordnungen. Vom Verbands-Tisch ist dieses Thema damit aber noch lange nicht.

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Sobota im Interview
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"Das ist eine neue Situation. Dass ein Amateurverein einen solchen Weg geht, haben wir in dieser Art noch nie gehabt", sagt Sobota. "Die emotionale Bindung an den Verein bleibt auf der Strecke, das ist bedauerlich. Ob das ein Geschäftsmodell ist, das tragfähig sein kann, da habe ich meine Zweifel. Und ob es wünschenswert ist, dass sich so etwas etabliert, ist auch mit einem großen Fragezeichen zu versehen. Der Amateurfußball ist grundsätzlich anders aufgestellt – und das ist auch gut so."

Luca Bergemann bleibt trotz allem Gegenwind gelassen. Und vor allem: Er bleibt von seiner Idee überzeugt. "Wir sagen ja nicht, dass wir ein Profiverein wie Eintracht Frankfurt oder Bayern München sind. Das ist schonmal schlichtweg falsch", versucht der Sportliche Leiter, das FCA-Modell ins richtige Licht zu rücken. "Für Spieler aus Brasilien oder den USA ist es oft schwierig, nach Europa zu kommen, weil meistens schon der Kontakt gar nicht zustande kommt. Mit unserem System sind wir für sie der Anfangspunkt. Bei uns können sich die Spieler empfehlen, Richtung Hessenliga und Regionalliga, und von dort die nächsten Schritte Richtung Profisport machen. Es ist unser Ziel, unsere Mission, sie auf diese Schritte vorzubereiten."

"Ein brutales Zeichen für den Lebenslauf"

Dafür wirbt Bergemann mit seiner Agentur, mit dem Verein, mit bis zu zwei Einheiten pro Tag sowie mit jeweils zwei Trainern für alle drei Mannschaften. Selbst wenn es Spieler nicht weiter nach oben schaffen, nur ein Jahr oder gar nur sechs Monate in Arheilgen sein sollten, seien die meisten trotzdem sehr zufrieden. "Weil sie eine gute Zeit in Deutschland hatten und sich fußballerisch weiterentwickeln konnten", sagt der FCA-Macher.

"Es ist ein brutales Zeichen für ihren Lebenslauf, dass sie in Deutschland gewesen sind. So etwas wird in ihrem Heimatland direkt bestaunt." Erst kürzlich seien sieben von ihnen für ein internationales Turnier in Grenadas U20-Auswahl berufen worden. Die Zahl derer, die in den vergangenen Jahren den Sprung von Arheilgen in die Viert- oder Fünftklassigkeit gepackt haben, beziffert Bergemann auf 15 bis 20.

Durchmarsch bis in die Hessenliga?

Jonathan Koshko sei so ein Beispiel. Der Mittelfeldspieler aus den USA war 2015 zu Wormatia Worms gewechselt, nach drei Spielen in der Regionalliga endet seine im Netz einsehbare Fußballer-Biographie aber abrupt. Wie Luca Bergemann eben selbst sagt: "Es gibt keine Garantie, in den bezahlten Fußball zu kommen."

Neben Talenten aus dem Ausland hat der Sportliche Leiter aber auch noch eine andere Sache im Blick: die Rückkehr des 1. FCA Darmstadt auf die große hessische Fußball-Bühne, verbunden mit einem Durchmarsch in die fünfte Liga. Dieses Jahr Gruppen-, nächstes Jahr Verbands-, 2022 dann die Hessenliga. Jonathan Michael Burkardt, der frühere Jugendspieler des FCA und heutige Mainz-Profi, wäre in diesem System vermutlich nicht vorgesehen gewesen.