Bilder vom SV Willofs und dem Glockenturm von Würges in einer Collage

Glockenmusik bei einem Tor, Import-Profis aus der DDR und die Wiedergeburt eines Dorfclubs: Auch abseits der großen Bundesliga gibt es gute Fußball-Geschichten. Das zeigen diese Beispiele aus der hessischen Provinz.

Die Glöckner von Würges

Würges. Ein Stadtteil von Bad Camberg im Landkreis Limburg-Weilburg. Dort steht das Stadion Goldener Grund. So weit, so normal. Doch wann immer der heimische RSV Würges im Angriff die Mittellinie überschreitet, ertönt lautes Glockengeläut. In die hölzerne Tribüne ist nämlich ein ganzer Glockenturm verbaut.

Die Glocke und der Glockenturm im Stadion von Würges

Noch kurioser ist die Herkunft der Glocke. Als der RSV 1980 in die 2. Runde des DFB-Pokals einzog, war das schon ein großer Erfolg. Beim Zweitliga-Absteiger OSC Bremerhaven hatte der RSV eigentlich keine Chance. Eigentlich. Denn der Club gewann überraschend mit 2:0. Das musste gefeiert werden. Also wurde prompt ein Schiff gemietet, die "Soythe Deern". Auf diesem Schiff kamen Fans auf die Idee ein Andenken mitgehen zu lassen – die Schiffsglocke. Da Diebstahl bekanntlich illegal ist, wurde sie letztendlich für eine Ablösesumme von rund 600 Mark gekauft und nach Würges gebracht. Und wenn der Verein nicht aufgelöst ist, dann läutet sie noch heute.

Import-Profis aus der DDR

Mit der Wende stellte sich auch der Fußball in Deutschland auf den Kopf – und ein nordhessischer Verein hatte dabei einen feinen Riecher. Dirk Bodes, 1990 Vorsitzender des SV Asbach, nutzte die Umstände der Zeit und verpflichtete zwei DDR-Profis aus dem thüringischen Tiefenort. Der dort heimische BSG Aktivist Kali Werra spielte damals in der zweithöchsten Ost-Spielklasse. In den Westen gelockt wurden die beiden Profis Heiko Adler und Udo Ratz mit Job-Angeboten bei einem örtlichen Lebensmittel-Unternehmen sowie einer neuen sportlichen Heimat beim SV Asbach. Beim Blick auf die eher überschaubare Anlage des SV waren die Profis dann aber doch erstaunt: Es gab kein Stadion, nur einen großen Rasenplatz.

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Szene von der Partie Asbach Darmstadt
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Zum Nachteil sollte das für Asbach nicht sein. Der SV kletterte bis in die Oberliga. Der Höhepunkt dann 1998, zwei Meisterschaftsspiele gegen Darmstadt 98. Zu Hause gewannen sie mit 2:1 vor rund 4.000 Zuschauern. Das Rückspiel ging 1:1 aus. Über die Jahre konnte der Verein immerhin seine Sportstätte erhalten, die Klasse allerdings nicht. Zuletzt spielte der SV Asbach in der Gruppenliga.

Die wilden 90er in Kassel

Wer sich gerne alte Familien-Fotoalben anschaut und über die Frisuren aus den 90er lächelt, kommt jetzt auf seine Kosten. Aber von Anfang an: Es geht um den CSC 03 Kassel. Auch hier sind die erfolgreichen Tage des Sportclubs lange her. Sehr lange. 1939 und 1940 wurde der CSC Meister der Gauliga Hessen. Die damals höchste Spielklasse. Bis zu den 80ern spielte der Verein immerhin noch Oberliga, ehe es in der Folgezeit bis zur Gruppenliga runter ging. Zeuge dieser glorreichen Zeit ist die Jahnkampfbahn, mit einer sehr charmanten Tribüne.

Der vielleicht wirkliche Höhepunkt der Vereinsgeschichte ist aber ein Auftritt bei uns im hr-Fernsehen. Und wer, so wie wir, Zugang zum Fernseharchiv hat, findet noch andere interessante Schätze aus der Geschichte des CSC 03. Ein charmantes Vereinsporträt aus den 90ern. Schrille Kleidung, schrille Frisuren, schrille Musik.

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Ein Bild aus den Zeiten von Kassel Amateurfußball
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Die Wiederauferstehung: SV Willofs

Schöne Geschichten schreibt der Amateur-Fußball auch in der Gegenwart. Wie zum Beispiel die Wiederauferstehung des SV Willofs im Vogelsberg. Rund 400 Einwohner und eine Alpaka-Herde der Gemeinde mussten 22 lange Jahre ohne Fußball auskommen. 1996 musste der SV Willofs seinen Spielbetrieb abmelden, weil es einfach zu wenige Spieler gab. Das wollten einige junge Willofer nicht mehr länger hinnehmen und entschieden sich in einer Bierlaune im Herbst 2017, den Verein wieder zum Leben zu erwecken.

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Die Tribüne des SV Willofs
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Die Mannschaft hatte sich schnell gefunden: Thekenkicker und Geflüchtete. Gefehlt hat allerdings noch der Platz. Also packte das ganze Dorf an und das alte Jossastadion samt Tribüne wurde zu einer funktionsfähigen Sportanlage umgebaut – nur so ganz ebenerdig ist der Platz nicht. Der abschüssige Rasen hat etwa zwei Meter Unterschied zwischen den Eckfahnen. Dafür steht bei Heimspielen das ganze Dorf auf dem Kopf, der aktuelle Zuschauerrekord liegt bei 450 Zuschauern gegen den einstigen Lokal-Rivalen aus Pfordt.