Manuel Schäffler vom SV Wehen Wiesbaden am Boden

Viele Tore, viel Spektakel und kurze Hoffnung auf das Wunder: Das abschließende Torfestival des SV Wehen Wiesbaden gegen St. Pauli fasst die Saison der Hessen bestens zusammen. Der SVWW hat sich den Abstieg selbst zuzuschreiben.

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PK Wehen nach St. Pauli
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Rüdiger Rehm wusste nach Abpfiff des 5:3-Abschluss-Spektakels gegen den FC St. Pauli am Sonntag nicht recht, ob er sich nun ärgern oder doch ein wenig freuen sollte. Sein SV Wehen Wiesbaden, der vor dem Spieltag nur noch theoretische Chancen auf Relegationsplatz 16 hatte, hatte zuvor noch einmal Qualität und Mentalität bewiesen. Am Abstieg in die 3. Liga änderte das letzte Aufbäumen aber nichts mehr. "Ich bin trotz dieses schweren Moments ein bisschen glücklich. Die drei Gegentore sind aber ärgerlich", fasste er seinen Gefühlsmix und unfreiwillig auch die Saison des SVWW zusammen.

Vorne hui, hinten pfui

Das hessische Team, das seinen Ursprung in Taunusstein (Rheingau-Taunus) und sein Zuhause in der Landeshauptstadt hat, muss nach nur einem Jahr in der Zweitklassigkeit wieder den Rückzug antreten und hat sich das jähe Ende letztlich selbst zuzuschreiben. Der Hauptgrund, der auch gegen St. Pauli sichtbar wurde und der bei einem Blick auf das Torverhältnis jedem direkt ins Auge springt, ist die zu schwache Defensive. 65 Gegentore sind der mit Abstand schlechteste Wert der Liga und entpuppten sich nicht erst im Saisonendspurt als Sargnagel.

Exemplarisch für die mangelnde Balance zwischen guter Offensive und viel zu wackliger Defensive stand die erste Halbzeit gegen St. Pauli. Obwohl die Hessen alles im Griff hatten und dank der Treffer von Stefan Aigner (10.) und Philipp Tietz (12.) schnell mit zwei Toren führten, holten sie die Gäste aus Hamburg selbst zurück in die Partie. Nach zwei leichten Fehlern hieß es plötzlich 2:2. Statt Basteln am Wunder, das zwischenzeitlich "nur" noch sieben Treffer entfernt war, platzte selbst für die kühnsten Optimisten der Traum einer weiteren Zweitliga-Saison.

SVWW verspielt neun Führungen

"Wir haben zwei, dreimal nicht perfekt verteidigt und geben dann den Vorsprung aus der Hand. Das darf nicht passieren, ist uns in dieser Saison aber zu oft passiert", legte auch Rehm auf seiner vorerst letzten Pressekonferenz als Übungsleiter einer Zweitliga-Mannschaft den Finger in die Wunde.

Dank einer Leistungssteigerung, einem weiteren Treffer von Aigner (39.) und einem Doppelpack von Schäffler-Vertreter Tietz (62./67.) schlug sich der Durchhänger dieses Mal zwar nicht im Ergebnis nieder - genau das war im Rest der Spielzeit aber oft anders, wie die Statistik gnadenlos offenlegt.

"Das ist der ausschlaggebende Punkt"

Der SVWW schaffte in dieser Saison das fragwürdige Kunststück, insgesamt neun Mal eine Führung zu verspielen. Sechs dieser Partien gingen letztlich sogar verloren, hinzu kommt ein 3:3 nach Drei-Tore-Führung in Bochum.

In insgesamt zwölf Spielen schluckte der Aufsteiger zudem drei oder mehr Gegentore, allein im Juni gingen zwei Duelle gegen die direkten Konkurrenten Dresden (2:3) und Nürnberg (0:6) trotz zeitweiser klarer Überlegenheit verloren. "Das ist der ausschlaggebende Punkt dafür, dass es in diesem Jahr knapp nicht gereicht hat", so Rehm.

Es hätte nicht sein müssen

Im Spiel nach vorne war der SVWW mit Toptorjäger Schäffler, der in der Torschützenliste der 2. Liga nur von Bielefelds Meistermacher Fabian Klos übertroffen wurde, Aigner, Daniel-Kofi Kyereh, Maximilian Dittgen und selbst Reservist Tietz gut bis sehr gut aufgestellt. Auch das Mittelfeld um Paterson Chato oder Marcel Titsch Rivero war konkurrenzfähig, die letzte Abwehrreihe erwies sich jedoch zu oft als zu anfällig.

Die Torwartposition war zudem erst ab Oktober und nach der Verpflichtung von Heinz Lindner, der den Verein verlässt, zufriedenstellend besetzt. "Summa summarum bekommst du immer das, was du verdienst", zeigte sich Rehm selbstkritisch. Der Abstieg hätte aber definitiv verhindert werden können.

Zehn Abgänge

Und so steht ein Umbruch an, den der SVWW umweglos angeht. Wie die Hessen am Montag auf Twitter bekannt gaben, werden gleich zehn Akteure den SVWW verlassen. Demnach können sich neben Lindner auch Jan Albrecht, Dittgen, Sidney Friede, Kyereh, Patrick Schönfeld, Jules Schwadorf, Nicklas Shipnoski, Jan Vogel und Marc Wachs neue Vereine suchen.

Sendung: hr-fernsehen, heimspiel! Bundesliga, 28.06.20, 22.05 Uhr