Manuel Schäffler

Fehler eingestehen und nicht wiederholen: So geht der SV Wehen Wiesbaden nach dem Abstieg die Vorbereitung auf die Drittliga-Saison an. Nicht nur der Kader wird sich verändern. Hinter dem Verbleib des besten Torjägers steht immer noch ein dickes Fragezeichen.

Videobeitrag

Video

zum Video So erlebten die SVWW-Fans die Niederlage in Darmstadt

SVWW-Fans
Ende des Videobeitrags

Dem umjubelten Aufstieg folgte ein Abstieg mit Anlauf: Nach nur 34 Spieltagen ist das Intermezzo des SV Wehen Wiesbaden in der 2. Fußball-Bundesliga beendet. Die Planungen des SVWW sind nun auf das Wochenende 19./20. September ausgerichtet, für das der wegen Corona völlig neugestaltete Terminkalender des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) den Start der neuen Drittliga-Saison vorsieht. Wie denken die Verantwortlichen in Wiesbaden über ihren Kader? Was passiert in Sachen Transfers? Wie wird sich der Etat verändern? Wir liefern einen Überblick.

1. Kader

Der SVWW muss und will aus den eigenen (zahlreichen) Fehlern der zurückliegenden Zweitliga-Runde lernen. Das ist ein zentrales Ergebnis einer clubinternen Analyse, für die sich Vereinspräsident Markus Hankammer und Co. nach dem letzten Spieltag am 28. Juni knapp zwei Wochen Zeit genommen hatten. Vor allem bei Auswahl und Zusammenstellung des kickenden Personals sollen die Mängel nicht noch einmal auftreten. "Wir haben bei der Kaderplanung Fehler gemacht und unsere Schwierigkeiten gehabt", gestand Hankammer dem Wiesbadener Kurier.

Die fehlende Erfahrung zu Saisonbeginn (nur ein Punkt aus den ersten sieben Spielen) habe die Clubspitze "unterschätzt", und generell sei die Kadersituation "ein gravierender Punkt" gewesen, der zum Verpassen des Saisonziels Klassenerhalt führte. Die ersten Lehren wurden bereits gezogen: Nur einen Tag nach dem endgültigen Abstieg verkündete der SVWW den Abschied von gleich zehn Profis, darunter Stammspieler wie Torwart Heinz Lindner und Mittelfeldkraft Maximilian Dittgen. Routinier Stefan Aigner hingegen bleibt dem Verein dank eines neuen Einjahresvertrags erhalten.

Fazit: Der SV Wehen Wiesbaden hat einen personellen Umbruch eingeleitet, setzt aber punktuell auf die Erfahrung bekannter Leistungsträger.

2. Transfers und Scouting

Nach dem Relegations-Rausch im vergangenen Jahr steckte der SVWW in einem Dilemma: Zwischen dem Aufstieg Ende Mai 2019 und dem ersten Spiel in Liga zwei lagen nur wenige Wochen. Zeit für eine anständige Personalplanung? Gab es kaum. Ehe so wichtige Spieler wie Lindner oder Aigner erst gegen Ende der Transferperiode verfügbar waren, handelte der Club auf dem Markt unter Druck.

"Wir haben die Kaderplätze zu schnell gefüllt. Daraus müssen wir lernen und künftig geduldiger sein", kündigte Hankammer mit Blick auf die neue Strategie an. Ähnliches gilt für die Scouting-Abteilung, die ebenfalls auf dem Prüfstand war: "Da haben wir uns schon gut entwickelt, aber wollen uns noch weiter verbessern."

Fazit: Wie viele andere Vereine braucht auch Wehen Wiesbaden einen langen Atem, um auf dem coronageschüttelten Transfermarkt die passenden Teile fürs Kaderpuzzle zu finden. Auch wenn das Transferfenster seit diesem Mittwoch bis zum 5. Oktober insgesamt 83 Tage lang geöffnet ist: Passende Spieler werden wohl auch diesmal erst kurz vor Toreschluss verfügbar sein.

Markus Hankammer

3. Trainer

Die vielen Veränderungen auf dem Platz will der SVWW durch Konstanz an der Seitenlinie kompensieren. Rüdiger Rehm, Aufstiegs- und nun eben auch Abstiegstrainer, genießt die Rückendeckung seiner sportlichen Leitung und geht den Rückweg in die 3. Liga mit. Sein Vertrag läuft bis Juni 2021. Der Vertrauensbeweis an Rehm, der die Landeshauptstädter seit Februar 2017 trainiert, ist nach Clubangaben ebenfalls ein Ergebnis der ausführlichen Analyse.

Fazit: Für das Festhalten des SVWW an Coach Rehm gibt es, trotz aller Risiken, gute Gründe. Die Clubbosse verzichten auf einen neuen Impuls und setzen stattdessen auf einen Mann, der Strukturen sowie Umfeld des Vereins seit Jahren kennt – und für den es ein klares Bekenntnis der Fans gibt. Auch deshalb analysierte hessenschau.de vor wenigen Tagen: Rehm ist der Richtige für Wehen Wiesbaden.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Rüdiger Rehm bleibt Trainer des SV Wehen Wiesbaden

Rüdiger Rehm
Ende des Audiobeitrags

4. Etat

Dass sich der Etat eines Fußballclubs bei einem Abstieg von der 2. in die 3. Liga teilweise drastisch verkleinert, ist keine Überraschung. Die Frage ist: Wie groß fällt das Minus in Wiesbaden aus? "Wir sind in der Lage, eine wettbewerbsfähige Mannschaft zu stellen. Der Etat wird im oberen Drittel der Liga sein", kündigte Präsident Hankammer, gleichzeitig Geschäftsführer bei Hauptsponsor Brita, im Wiesbadener Kurier an. Er sagte aber auch: "Man muss etwas vorsichtiger sein. Wir werden nicht voll in das Risiko gehen, um unbedingt aufzusteigen."

Fazit: Je tiefer die Liga, desto geringer sind die Einnahmen durch Fernsehgelder – und desto größer ist die Notwendigkeit an Einnahmen durch Eintrittsgelder, Fanartikeln und ähnlichem. Auch der SVWW wird demnach hoffen, trotz Pandemie möglichst bald wieder vor Zuschauern spielen zu dürfen.

5. Torjäger Manuel Schäffler

19 Tore und drei Vorlagen in 32 Spielen: Dass Wehen Wiesbaden trotz der Torjäger-Qualitäten von Manuel Schäffler absteigen musste, ist eigentlich ein Ding der sportlichen Unmöglichkeit. Hinter Fabian Klos (21 Treffer) von Zweitliga-Meister und Aufsteiger Arminia Bielefeld war Schäffler der zweitbeste Torschütze der vergangenen Spielzeit.

Sein Verbleib beim Absteiger ist trotz gültigen Drittliga-Vertrags bis 2021 ungeklärt, Begehrlichkeiten bei gestandenen Zweitligisten sind allerdings bereits geweckt. So soll der Hamburger SV an den Diensten des 31-Jährigen interessiert sein. "Es gibt nach wie vor keine Anfrage", sagte Hankammer dazu jetzt. "Bei 'Cheffe' – soweit ich weiß – auch nicht.

Fazit: Der Verbleib Schäfflers beim SVWW dürfte von mehreren Fragen abhängen. Hält er dem Verein nach mittlerweile vier Jahren auch in der 3. Liga erneut die Treue – oder sucht er sich noch einmal eine neue Herausforderung? Und wie verhält sich der Club bei einem finanziell lukrativen Angebot – ziehen lassen oder auf die sportlichen Dienste des Stürmers bauen? Nach dem Abgang von Daniel-Kofi Kyereh, dessen Vertrag nicht verlängert und der zuletzt gerüchteweise mit St. Pauli in Verbindung gebracht wurde, wäre Schäffler nach aktuellem Stand so etwas wie die einzige echte Lebensversicherung im Sturm der Wiesbadener.