Nico Schäfer, Geschäftsführer des SV Wehen Wiesbaden

Schon vier Spieltage vor Schluss hat der SV Wehen Wiesbaden Planungssicherheit: Das Unternehmen Aufstieg in die zweite Liga ist gescheitert. Geschäftsführer Nico Schäfer zieht im Interview Bilanz.

Videobeitrag

Video

Schäfer: Wir waren nicht konstant

Nico Schäfer vom SV Wehen Wiesbaden
Ende des Videobeitrags

Wenn am Freitag (19 Uhr) in der Wiesbadener Arena die Flutlichter angehen, will Kaiserslautern einen großen Schritt in Richtung Zweitliga-Aufstieg machen. Gastgeber SV Wehen Wiesbaden hat den bereits verspielt.

Im Interview mit hessenschau.de spricht SVWW-Geschäftsführer Nico Schäfer unter anderem über das "Auswärtsspiel" daheim, das sportliche Saisonfazit und die Auswirkungen der Corona-Zeit.

hessenschau.de: Wie lauten die Ziele des SVWW für die verbleibenden vier Spiele?

Nico Schäfer: Über Ziele zu sprechen, ist natürlich schwierig, wenn man eigentlich nicht mehr um viel spielt – außer natürlich um die Ehre. Das Stadion wird sicher mit vielen Kaiserslautern-Fans besetzt sein, da gilt es, das Gesicht zu wahren. Und man kann aus diesen Spielen vielleicht einige Entscheidungen, die im Kader für die neue Saison noch offen sind, mitnehmen.

hessenschau.de: Die FCK-Fans haben sich für die Partie am Freitag zahlreich angekündigt. Erwarten Sie ein Auswärtsspiel im eigenen Stadion?

Schäfer: Das ist in diesem Fall wohl so. Wenn ich Fan des 1. FC Kaiserslautern wäre, würde ich auch versuchen, dieses Spiel mitzunehmen. Ich habe gehört, dass es sogar einen Autokorso von Kaiserslautern nach Wiesbaden geben soll. Sie werden mit Sicherheit eindeutig in der Überzahl sein.

hessenschau.de: Für Lautern geht es um sehr viel, für den SVWW praktisch um nichts mehr. Was erwarten Sie für ein Spiel?

Schäfer: Das sind die Spiele, die man hier in dieser Art nicht so oft erlebt. Deshalb sollte es Ansporn genug sein, das Zünglein an der Waage zu spielen.

hessenschau.de: Aus Wiesbadener Sicht kann man zu diesem Zeitpunkt sicherlich schon eine Saisonbilanz ziehen. Wie lautet sie?

Schäfer: Wir sind natürlich nicht zufrieden mit dem Gesamtergebnis dieser Saison. Wir wissen auch, dass wir eine Konstante hatten – dass wir nämlich nicht konstant waren. Wir haben uns, auch wegen der Corona-Erfahrungen aus der Vorsaison, dazu entschieden, mit einem breiten Kader in die Saison zu gehen und sehr stark auf spielerische Mittel zu setzen. Es gab bis hin zum Trainerwechsel in dieser Saison einige Änderungen. Als man hätte angreifen können, ist man diesen Schritt leider nicht gegangen oder war nicht in der Lage, ihn zu gehen. Und es gab im letzten Kalenderjahr einige unglückliche Schiedsrichter-Entscheidungen. In diesem Jahr waren es eher ein paar Corona-Ausfälle, die waren bei uns immer punktuell und leider nicht immer mit leichten Verläufen. Aber am Schluss ist es einfach so, dass wir es nicht auf den Platz gebracht haben, mit der richtigen Mentalität in die Spiele zu gehen, in denen es um etwas ging. Viele kleine Mosaiksteine bringen eine Saison dann eben auch ins Wanken.

hessenschau.de: War der Trainerwechsel von Rüdiger Rehm zu Markus Kauczinski rückblickend die richtige Entscheidung?

Schäfer: Wir haben uns in dieser Zeit grundsätzlich entschieden, dass wir einen Wechsel brauchten. Wie weit ein neuer Trainer greift, zeigt dann immer die Zeit. Am Anfang gab es ein paar unglückliche Umstände. Grundsätzlich wollten wir etwas verändern, das haben wir getan und die Auswirkungen werden wir hauptsächlich in der nächsten Saison spüren.

hessenschau.de: Es geht also mit dem aktuellen Trainerteam auch in die neue Saison?

Schäfer: Das ist richtig.

hessenschau.de: Wie zufrieden sind Sie generell mit der Arbeit von Markus Kauczinski?

Schäfer: Markus Kauczinski arbeitet sehr eng mit diesem Club zusammen und hat definitiv das Feuer, das merkt man leider auch hin und wieder nach einer Niederlage wie zuletzt in Zwickau. In Interviews ist er ja eher professionell zurückgenommen. Ich kann aber sagen, dass es in der Kabine anders aussieht. Wenn es ihn nicht berühren würde, dann hätte ich Zweifel. Die Planungen für die neue Saison laufen schon seit einiger Zeit und da bringt er sich sehr stark ein. Und auf dem Platz sehen wir zumindest auch Veränderungen, die wir sehen wollten. Leider aber noch nicht mit dem krönenden Erfolg.

hessenschau.de: Wie groß wird denn der Umbruch im Sommer sein?

Schäfer: Wir versuchen ihn nicht so groß zu machen wie in den letzten Jahren. Aber wir werden den Kader deutlich verkleinern. Wir hatten jetzt bis zu 28 Spieler im Kader, das wird deutlich weniger werden.

hessenschau.de: Einige Verträge laufen zum Saisonende aus. Ist da noch die ein oder andere Verlängerung zu erwarten?

Schäfer: Wir werden sicherlich in den nächsten zwei Wochen einige Entscheidungen bekanntgeben. Ob es dann eine Verlängerung oder ein Abschied ist, das ist so lange noch offen, bis wir mit den betroffenen Spielern abschließend gesprochen haben. Es hängt ja auch ein bisschen von den Abgängen ab, die wir vielleicht gar nicht wollen.

hessenschau.de: Da spielen Sie sicher auch auf Top-Torjäger Gustaf Nilsson an. Wird er für den SVWW überhaupt zu halten sein?

Schäfer: Wir hatten im Winter schon Anfragen für ihn, es gab sogar ein Millionenangebot aus Deutschland. Er hat sich dagegen entschieden, weil er mit uns noch etwas erreichen wollte. Da wird es sehr schwer, ihn im Sommer zu halten, da bin ich mir sehr sicher. Und ich glaube, dass er seinen Weg bis in die Bundesliga geht. Er hat bis zum Schluss alles gegeben und wird das nach seiner Verletzung in den verbleibenden Spielen auch noch tun. Natürlich würden wir ihn gerne halten, das hätte aber nur gehen können, wenn wir in die zweite Liga aufgestiegen wären. Es wird ein großer Transfer für den SV Wehen Wiesbaden werden.

hessenschau.de: Wie ist denn die mittelfristige Planung des SVWW?

Schäfer: Die stand ja schon vor dieser Saison: dass man 2025 oder 2026 als etablierter Zweitligist dastehen will. Die Zeit bis dahin ist nicht mehr so lange, sodass man eigentlich in den nächsten zwei Jahren auch aufsteigen muss. Wir wollen natürlich auch weiter kontinuierlich wachsen. Wir sind sehr gut durch die Corona-Pandemie gekommen, was unsere Partner betrifft. Sie haben uns weiter unterstützt oder ihre Partnerschaft mit dem Verein sogar ausgebaut. Wir werden infrastrukturell weiter investieren. Und dann werden wir hoffentlich dort landen, wo wir alle hinwollen.

hessenschau.de: Können Sie beziffern, was die beiden Corona-Jahre für den Verein finanziell bedeutet haben?

Schäfer: Was weggebrochen ist, sind die Zuschauerzahlen, auch wenn wir damit natürlich nicht sonderlich gesegnet sind. Grundsätzlich ist der Zusammenhalt im Partner- und Sponsorenbereich bei uns im Verein aber unglaublich stark. 96,5 Prozent haben entweder verzichtet oder kompensiert, auch im zweiten Jahr. Das ist enorm und zeigt die Verbundenheit der Partner zu diesem Verein. Da sind wir gut aufgestellt.

hessenschau.de: In der Corona-Zeit wurde die neue Gegentribüne im Stadion fertiggestellt. Wie sieht es mit den Plänen aus, auch die anderen Tribünen umzubauen?

Schäfer: Wir werden in die Infrastruktur investieren, aber erst einmal punktuell. Allerdings planen wir im Nachwuchsleistungszentrum in Wehen in den nächsten zwei Jahren einen Ausbau, sodass wir dort noch bessere Möglichkeiten haben – für die erste Mannschaft, aber auch das NLZ allgemein. Die Plätze sollen ausgebaut werden, dazu soll ein weiteres Funktionsgebäude entstehen.

hessenschau.de: Das Aus von Türkgücü München in der laufenden Saison hat die 3. Liga ordentlich durcheinandergewirbelt. Sehen Sie da Versäumnisse beim DFB?

Schäfer: Ich habe es ja schon mal sehr deutlich gesagt: Ich kann es nicht nachvollziehen, wie man so etwas nicht bemerkt. Wenn man sieht, dass ein Verein für das Grundgehalt einzelner Drittliga-Spieler 20.000 Euro plus Ablösen - wie in unserem Fall 200.000 Euro für Paterson Chato - ausgibt, dann könnte man auf die Idee kommen, dass die eingereichten drei Millionen dafür nicht ausreichen. Dafür muss es beim DFB, ähnlich wie in der DFL, permanente Kontrollinstrumente geben, welche hier zeitnah greifen, sonst werden Wiederholungen nicht ausgeschlossen sein

hessenschau.de: Zu Beginn der Pandemie war häufiger die Rede davon, dass der Fußball demütiger werden müsste. Nach außen wirkt das bislang aber nicht so. Wie ist Ihre Innensicht?

Schäfer: In der Bundesliga ist der Personaletat sogar gestiegen. In der zweiten Liga merklich gesunken. In der dritten ist er leicht gestiegen, aber es ist durchaus differenzierter zu betrachten: Es gibt einige Vereine, die besonders viel investiert haben und es vielleicht auch wie bekannt nicht bezahlen konnten. Einige haben auch komplett drauf spekuliert, dass sie im nächsten Jahr zweite Liga spielen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass wir eine Profi-Liga sind, in der ein Drittel der Mannschaften in der nächsten Saison entweder eine Liga höher oder eine Liga tiefer spielt. Das ist natürlich nicht förderlich dafür, nur gesund zu wirtschaften. Die meisten Mannschaften tun das aber natürlich. Und es gibt ja auch Partner, die einen Verein unterstützen, die es sich in der Corona-Zeit auch noch leisten konnten. Ich sehe schon, dass es Auswirkungen auf die nächsten Jahre haben wird. Bis auf die Spitze der Bundesliga wird man etwas zurückhaltender werden.

Das Interview führte Sonja Riegel.