Alf Mintzel hat fast 300 Spiele für den SV Wehen Wiesbaden absolviert und ist vor der aktuellen Saison ins Marketing des Vereins gewechselt. Im Interview gibt er Einblick in seine neuen Aufgaben.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mintzel: "Uns ist mit Sicherheit nicht langweilig geworden"

Alf Mintzel vom SV Wehen Wiesbaden
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Einst rettete er den SV Wehen Wiesbaden in letzter Sekunde vor dem Abstieg in die vierte Liga, nun vertritt er den Verein außerhalb des Platzes. Alf Mintzel verrät im Interview mit hessenschau.de unter anderem, was er im Marketing zu Coronazeiten zu tun hat, woher sein Spitzname "Alfzweckwaffe" kommt und wie der Klassenerhalt des SVWW gelingen kann.

hessenschau.de: Herr Mintzel, Sie haben vor kurzem bei Instagram gepostet, dass Sie beim Zigarettenkauf mit Maske nach Ihrem Alter gefragt wurden – mit 38. Wie sehr schmeichelt das?

Alf Mintzel: Ich fand‘s schön, dass ich mal wieder gefragt wurde, ob ich alt genug sei, mir sowas zu kaufen. Aber es zeigt natürlich auch ein bisschen die Problematik der ganzen Maskengeschichte – dass du gar nicht genau weißt, wer dahinter steckt. Das ist in manchen Situationen sicherlich auch ein bisschen schwierig.

hessenschau.de: Zum Ende Ihrer Karriere mussten Sie sich viele Sprüche über Ihr Alter von den jüngeren Kollegen anhören.

Mintzel: Der große Vorteil ist, dass ich mich jetzt sozusagen in der normalen Wirtschaft bewege, da bin ich doch wieder eher etwas jünger, vor allem im Vergleich zum Fußball, wo ich der Methusalem war. Aktuell höre ich den Altersspruch nicht mehr so oft.

hessenschau.de: Sie sind zu Beginn der neuen Saison vom Rasen ins Marketing des Vereins gewechselt. Was macht man in dieser Position in der aktuellen Situation – die Sponsoren bei Laune halten?

Mintzel: Was heißt bei Laune halten... Erst mal war es wichtig, die Partner und Sponsoren über die Situation zu informieren: Was es für den Verein bedeutet, was es aber natürlich auch für den Partner oder den Sponsor bedeutet, der in dieser besonderen Situation sogar Regressansprüche stellen könnte. Da mussten wir uns erst mal hinsetzen und in den Dialog gehen. Die DFL wollte natürlich auch viele Zahlen und Informationen darüber, wie der Verein dasteht, was viel Arbeit mit sich gebracht hat. Reines Marketing im eigentlichen Sinne war es eher nicht, aber wir hatten durch die Geschichte jetzt viele Aufgaben, sodass uns mit Sicherheit nicht langweilig geworden ist.

hessenschau.de Wie läuft das Homeoffice im Verein?

Mintzel: Bei uns funktioniert es sehr gut und ich habe das Gefühl, dass wir trotz allem sehr produktiv sind. Aber Homeoffice bringt natürlich auch andere Dinge mit sich. Wenn man wie ich zwei Kinder hat, die beide noch schulpflichtig sind, ist das schon ein Husarenritt und nicht auf ewig zu machen.

hessenschau.de: Wie oft haben Sie sich in der laufenden Saison gedacht: 'Mensch, jetzt würde ich schon gerne noch auf dem Platz stehen und in der zweiten Liga die Linie rauf- und runterrennen.'?

Mintzel: Ich bin ja glücklicherweise nicht sehr weit weg von den Jungs. Ich habe die Entscheidung, die Karriere zu beenden, bewusst getroffen und bin nicht dafür bekannt, irgendwelchen Dingen groß nachzuheulen. Ich bin sehr zufrieden mit meiner persönlichen Situation. Ab und an würde ich den Jungs schon ganz gerne mal was sagen oder den ein oder anderen Tipp geben, das fehlt mir fast mehr, als physisch auf dem Platz zu stehen.

hessenschau.de: Werden Sie denn gar nicht mehr nach Tipps gefragt? 

Mintzel: Man muss es auch klar trennen. Wenn einer kommt, gebe ich ihm natürlich einen Tipp und wir haben ja auch gewisse Schnittmengen. Beispielsweise wenn Sascha Mockenhaupt im eSports unterwegs ist, was ja auch Schnittmengen mit dem Marketing hat. Da ist man im Austausch. Ich hätte es aber selbst auch nicht spannend gefunden, wenn einer aufgehört hätte, und der hätte dann aber alle zwei Wochen in der Kabine gestanden und irgendwelche schlauen Sprüche gemacht. Das ist jetzt nicht mehr mein Aufgabengebiet. Ich gehe da nicht proaktiv rein und gebe den Schlaumeier, davon halte ich nichts. 

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mintzel: "Ich bin nicht weit weg von den Jungs"

Alf Mintzel vom SV Wehen Wiesbaden
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hessenschau.de: Uns ist Ihr Spitzname "Alfzweckwaffe" zu Ohren gekommen. Was hat es damit auf sich?

Mintzel: (lacht) Ach, das ist eine Verbindung aus mehreren Dingen. Ich habe immer gesagt, dass ich gerne abteilungsübergreifend arbeite und es war so ein Running Gag, den ich mit unserem Pressechef Jörg Bock gemacht habe – wenn es mal Pressearbeit gab oder Veranstaltungen in der Arena, was ja eher in den Händen der Stadiongesellschaft liegt. Da habe ich dann auch mal Vorträge gehalten oder so. Und ich habe dann gesagt: Die Abteilung für mich muss vielleicht noch gegründet werden. Deshalb hat Jörg diesen Begriff "Alfzweckwaffe" dann mal kreiert, und das hat sich jetzt zu einem kleinen Gag entwickelt- wenn irgendwas kommt, was nicht unbedingt mein Aufgabengebiet ist. Es gibt auf jeden Fall schlimmere Spitznamen. 

hessenschau.de: Sie spielen noch immer Fußball, in der Gruppenliga beim SG Walluf. Wann es da weitergeht, ist noch unklar. Wie halten Sie sich aktuell fit?

Mintzel: Ich habe zwei Kinder und eine Frau, die mich gut auf Trab halten. Meine Frau ist auch sehr sportlich und motiviert mich, mit Laufen zu gehen. Ich bewege mich schon einigermaßen viel. Natürlich nicht in dem Ausmaß, als wenn ich im normalen Trainings- und Spielbetrieb wäre, aber noch geht es einigermaßen.

Alf Mintzel im Einsatz bei der SG Walluf

hessenschau.de: Als einer, der beiden Seiten angehört: Was sagen Sie zur aktuell sehr sichtbaren Diskrepanz zwischen den Profi- und den Amateurligen? 

Mintzel: Man muss es natürlich trennen, das müssen die Leute auch verstehen. Amateursport ist Amateursport und Profisport ist halt ein Arbeitsverhältnis. Fußballvereine sind Unternehmen. Ich finde diese Diskussion ein bisschen leidig, dass die Leute schreien: 'Es gibt Wichtigeres als die Bundesliga.' Da haben sie natürlich Recht. Aber nur, weil eine DFL in der Lage ist - natürlich mit besseren finanziellen Mitteln als andere Branchen - ein Konzept aufzustellen, und aufzuzeigen, dass es unter gewissen Richtlinien mit Sicherheit möglich sein kann, einen Arbeitsbetrieb wiederherzustellen, finde ich das auch ein bisschen unfair, das total unwichtig zu finden. Es hängen auch fast 60.000 Arbeitsplätze in Deutschland dran, das einfach so abzutun ist ein bisschen schwach. Auf der anderen Seite fehlt mir so ein bisschen der Schulterschluss zu den Amateuren. Da wollten wir als Verein mit mir als Initiator mit unserem virtuellen Projekt "Westtribüne" mal ein Zeichen setzen, dass wir als SVWW die Jungs und Mädels um uns rum nicht vergessen und wissen, dass da auch große Sorgen und laufende Kosten sind und keiner weiß, wie es weitergeht.

hessenschau.de: Sie sprechen das Projekt "Westtribüne" des SVWW an: Fans können sich für einen Betrag nach Wahl einen virtuellen Platz auf der neuen Tribüne des Wiesbadener Stadions kaufen und unterstützen damit die Amateurvereine der Region. Wie ist der aktuelle Stand?

Mintzel: Ein bisschen über die Hälfte der Tickets ist weg, es läuft sehr gut an. Es sind auch ein paar dabei, die gern mehr Geld geben. Ich finde es schön und gelungen, die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Ich hoffe, dass wir dann auch einen geschmeidigen Weg finden, das Geld dahin zu bringen, wo es hin soll. Dafür sind wir mit dem Hessischen Fußballverband im Dialog. Dann haben wir wenigstens mal gezeigt, dass wir als Profiverein auch an die Amateure denken.

hessenschau.de: Wir haben kürzlich mit Marco Sailer gesprochen und er hat uns von Verletzungen aus seiner Fußballzeit berichtet, die ihn heute noch im Alltag beeinträchtigen. Wie ist das bei Ihnen?

Mintzel: Ganz ehrlich: Ich habe nix. Ich weiß nicht, ob beim Toni vielleicht der Bart zu lang war und er deshalb anhaltende Nackenschmerzen hat. (lacht) Nein, bei mir ist wirklich nichts, Gott seis getrommelt und gepriesen. Ich könnte mir jetzt irgendwas aus dem Kreuz leiern, aber es ist nichts, was ich wirklich spüre. Noch funktioniert dieser Körper also ganz ordentlich.

hessenschau.de: Wie bewerten Sie als ehemaliger Spieler die bevorstehenden Geisterspiele?

Mintzel: Machen wir uns nichts vor: Natürlich wird da atmosphärisch extrem was fehlen. Aber auch hier gilt: Es sind halt einfach besondere Umstände und es geht nun mal nicht anders. Es gibt auch viele andere Branchen, in denen man sich anpassen muss, bei uns ist es halt, dass keine Zuschauer ins Stadion dürfen. Dass das ganz anders und komisch sein wird, ist völlig normal. Es sind keine anderen Optionen da, dann muss man eben damit umgehen und das Beste daraus machen.

hessenschau.de: Vorausgesetzt, die Saison kann wie geplant zu Ende gespielt werden: Wie kann der SVWW den Klassenerhalt schaffen?

Mintzel: Ich glaube, dass wir uns nach dem schweren Start extrem gefangen haben. Wenn man sich die Statistik anguckt, liegen wir gut im Rennen, laufen aber nach wie vor den ersten sieben Spielen ein bisschen hinterher. Wir haben Kontinuität reinbekommen, auch durch die Systemumstellung, und müssen einfach weitermachen. Das hat den Verein auch in den letzten drei Jahren ausgezeichnet, dass wir in vielen Situationen ruhig geblieben sind, dass wir Dinge kühl analysiert und Rückschlüsse gezogen haben. Deshalb bin ich positiv gestimmt, dass der Weg, den wir eingeschlagen haben, am Ende auch erfolgreich sein wird.

Das Interview führte Sonja Riegel.