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Für Christian Hock war das Jahr 2019 eine emotionale Achterbahnfahrt. Im Interview spricht der Sportdirektor des SV Wehen Wiesbaden über den Aufstieg in die 2. Bundesliga, wilde Partys und die erste Krise der Hessen.

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zum Video Doku: Christian Hock - Aufstieg zum Sportdirektor

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hessenschau.de: Herr Hock, wenn Sie auf das Jahr 2019 zurückblicken - an welchen Moment erinnern Sie sich zu allererst?

Christian Hock: Der eine Moment 2019 ist sicher der Aufstieg. Das Spiel in Ingolstadt und alles, was danach kam - das ist der Moment des Jahres.

Im Relegations-Hinspiel haben Sie nach nur 35 Sekunden ein Gegentor kassiert und am Ende mit 1:2 verloren. Waren Sie da noch optimistisch?

Ich bin nach dem Spiel in die Trainerkabine und habe gesagt: 'Wir schaffen das!' Weil ich nach dem Anschlusstreffer, den wir gemacht haben, die Stimmung in der Mannschaft gespürt habe - aber auch, wie die Ingolstädter ticken. Und da war mir klar, das ist noch nicht vorbei.

Beim Rückspiel in Ingolstadt präsentierte sich der SVWW vor allem in der Schlussphase mannschaftlich geschlossen. Wie haben Sie die letzten Minuten dieser Partie in Erinnerung?

Die erste Halbzeit dieses Spiels war eine der besten Halbzeiten, die ich von unserer Mannschaft in der kompletten Saison gesehen habe. Wir haben ein überragendes Spiel gemacht. Und in der zweiten Halbzeit haben wir als Team überragend verteidigt. Da hat sich jeder in den Dienst der Mannschaft gestellt. Die letzten Minuten waren auf der Bank dann sehr anstrengend, weil wir immer wieder auf die Uhr geschaut haben und es gefühlt ewig dauerte. Aber mein Gefühl hat mir auch gesagt: 'Hier kann nichts mehr passieren.' Die Mannschaft hat so viel Sicherheit ausgestrahlt, dass wir nie das Gefühl hatten, dass noch etwas schiefgehen kann.

Und dann kam der Abpfiff.

Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern - wie wir aufeinander los sind, wie Niklas Dams ins Bild fliegt, Jules Schwadorf mit den Krücken über den Platz geht und diese dann wegwirft. Das sind Szenen, an die ich mich gern erinnere und wo ich auch jederzeit wieder Gänsehaut bekomme.

Die Mannschaft des SV Wehen Wiesbaden feiert den Aufstieg.

Und die Sie auch emotional berühren. Sie haben Tränen in den Augen…

Ja, und da muss ich auch nichts verstecken. Wenn ich daran zurückdenke, dann kribbelt es einfach.

In der Instagram-Story von Manuel Schäffler war während der Rückfahrt zu sehen, dass die eine oder andere Tankstelle angefahren wurde. Wie wild war die Party?

Die Party ging schon in Ingolstadt in der Kabine los und war da eigentlich schon an der Grenze, aber das hatten sich die Jungs verdient. Ich bin mit Nico Schäfer (Geschäftsführer, Anm. d. Red.) mit dem Auto zurückgefahren, die Jungs mit dem Bus. Sie standen auf dem Rückweg noch in einer Vollsperrung und wir haben in Wiesbaden lange auf sie gewartet. Am nächsten Tag ging es mit dem Empfang und der Feier, die der Verein organisiert hatte, noch einmal richtig zur Sache. Dann sind die Jungs in den Urlaub gegangen.

Viele nach Mallorca - ohne Trainer und Verantwortliche. Sie waren auch nicht dabei.

Nein, und das ist auch gut so. Die Jungs haben das genossen.

Die Party in der Stadt, auf dem Balkon, die Rückkehr in die zweite Bundesliga nach zehn Jahren - hatten Sie das Gefühl, dass sich die Arbeit der vergangenen Jahre ausgezahlt hat?

Das Gefühl kam nicht einen oder zwei Tage danach. Die Arbeit ging mit der Kaderzusammenstellung direkt weiter, da war ich sofort wieder in den normalen Abläufen. Zwei, drei Wochen später habe ich mir dann mal die Zeit genommen - habe das Handy mal ein Stück weiter zur Seite gelegt und das alles Revue passieren lassen. Da habe ich erst gemerkt, dass das die Belohnung für die Arbeit der vergangenen Jahre ist. Das ist ein schönes Gefühl, wenn man sieht, dass die Entwicklung, die wir in den letzten Jahren vorangetrieben haben, von Erfolg gekrönt ist.

Was ist das für ein Gefühl: Freude oder auch Stolz?

Die Freude überwiegt. Aber jeder, der sagt, dass es ihn nicht stolz macht, wenn die Mannschaft, die man selbst zusammengestellt hat, aufsteigt, der lügt.

Im Sommer gab es dann einen personellen Einschnitt. Mit Markus Kolke und Alf Mintzel, der nach 272 Drittliga-Spielen auch das Gesicht dieser Mannschaft war, sind zwei Stammspieler von Bord gegangen. War für Sie klar, dass Alf Mintzel dem Verein erhalten bleiben muss?

Die Vertragsverhandlungen mit Alf waren in den letzten vier Jahren immer gleich. Es ging immer darum, spielt er noch ein Jahr oder übernimmt er eine andere Position im Verein. Er konnte am Ende mit entscheiden, was er im Verein machen möchte. Alf hat der Mannschaft immer gut getan und tut jetzt auch dem Verein und dem Marketingteam extrem gut, mit seiner Art, mit seiner Ausstrahlung.

Zum Zweitliga-Start gab es aber erst einmal ordentlich Katerstimmung. Sieben Spiele ohne Sieg, darunter auch das schmerzhafte 3:3 in Bochum, ein 0:5 in Regensburg oder das 2:5 gegen Bielefeld. Sie haben Trainer Rüdiger Rehm nie öffentlich in Frage gestellt. War die Überzeugung, dass die Mannschaft mit diesem Coach in der zweiten Liga überstehen kann, wirklich immer da?

Die Überzeugung ist heute noch gegeben, sonst würden wir nicht mehr so zusammenarbeiten. In den drei Jahren haben wir uns schätzen gelernt. Wir wissen, wie Rüdiger Rehm arbeitet und er weiß, wie wir arbeiten. Wir haben in dieser Phase viel diskutiert, haben analysiert und versucht, die Fehler, die vielleicht gemacht wurden, abzustellen. Wir haben versucht, Baustellen zu bearbeiten. Rüdiger Rehm ist nicht beratungsresistent, er hört zu und ich kann mit ihm auch mal ein ernstes Wort reden. Oder eines, wo wir nicht die gleiche Meinung haben. Diese Struktur haben wir in den vergangenen Jahren im Verein aufgebaut - auch gemeinsam mit Nico Schäfer. Das ermöglicht uns, an einem Trainer festzuhalten, wenn wir davon überzeugt sind. Wir sind von Rüdiger Rehm überzeugt, und deshalb ist er bei uns Trainer.

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„Rüdiger Rehm ist nicht beratungsresistent“ Zitat von Christian Hock
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Wie wichtig war dieser Austausch?

Der Austausch ist immer wichtig. Daran haben wir auch jetzt nichts geändert. Wir sitzen auf dem Halberg Büro an Büro und sprechen jeden Tag. Rüdiger Rehm kann mit allem zu mir kommen. Das ist wichtig und macht die Zusammenarbeit auch besonderer als in anderen Vereinen.

Sie haben trotzdem personell noch einmal nachjustiert, den Kader mit Torwart Heinz Lindner sowie Stefan Aigner verstärkt und das Team damit stabilisiert.

Es war überlebensnotwendig, die beiden dazu zu nehmen. Nach der Verletzung von Jan Bartels waren wir in der Pflicht, noch einen Torwart zu holen. Heinz Lindner strahlt enorm viel Ruhe aus, er ist erfahren. Und bei Stefan Aigner war klar, dass wir auf der offensiven Position noch etwas tun müssen. Wir haben vor allem auf junge Spieler gesetzt. Die Analyse nach dem Saisonstart hat aber gezeigt, dass wir noch ein, zwei erfahrene Spieler brauchten, die mit ihrer Erfahrung der Mannschaft noch einmal neue Impulse geben. Das haben beide überragend gemacht.

Der Moment der Gefühlsexplosion bei SVWW-Trainer Rüdiger Rehm und Sportdirektor Christian Hock.

Dann gab es viele unglückliche, vor allem aber strittige Entscheidungen der Schiedsrichter. Wie sehr haben Sie damit gehadert?

Ich sitze auf der Bank und hadere eigentlich mit jeder Fehlentscheidung. Da bin ich einfach zu emotional und kann mich davon auch nicht freimachen. Ich könnte mich nie auf die Tribüne setzen und dort ein Spiel anschauen. Es gab zudem sicher Entscheidungen, die gegen uns gelaufen sind, und die wir nicht so stehen lassen konnten. Und bei der wir in der Folge auch Einspruch eingelegt haben - in Dresden zum Beispiel. Wir haben versucht, auf Fehler hinzuweisen. Ich glaube, dass das auch in Zukunft wichtig ist, nur dann kann es Veränderungen geben. Der Videoassistent ist an die Bundesliga angepasst worden, aber leider nicht so, dass es komplett kompatibel ist. Ich bin der Meinung, dass die Entscheidungen der Videoassistenten jetzt vor der Winterpause schon schneller geklappt haben, als noch vor einigen Wochen. Das ist der erste Schritt und ich glaube, da hat der Einspruch, den wir eingelegt haben, einen Teil zu beigetragen. 

Sie haben also das Gefühl, das findet Gehör?

Ich glaube schon, dass wir Gehör finden. Das Thema betrifft nicht nur uns, sondern alle Erst- und Zweitligisten. Ich glaube, dass sich die handelnden Personen schon darüber Gedanken machen, wie man etwas ändern kann. Dass es am Anfang der Saison nicht optimal lief mit dem Videoassistenten, das hat auch jeder gesehen. Aber: Bei uns lief es am Anfang der Saison, was die sportlichen Leistungen angeht, auch nicht zu hundert Prozent. Wir waren gezwungen, an den Schrauben zu drehen und haben das auch getan. Wir hoffen, dass das jetzt in ihrem Bereich auch der DFB und die FIFA tun.

Welche sportlichen Veränderungen sind in der Winterpause geplant?

Wenn man nach der Hinrunde auf einem Tabellenplatz weit unten steht, dann macht man sich natürlich Gedanken darüber, wie man den Kader noch verstärken kann. Deshalb schauen wir uns um. Wir haben allerdings mit dem Vorstand und dem Trainer abgesprochen, dass wir nur Verpflichtungen vornehmen, von denen wir wirklich überzeugt sind. Ein Spieler, der dazukommt, muss die Qualität des Kaders heben und auch sofort Stammspieler werden können. Alles andere macht momentan keinen Sinn. Denn: Die Mannschaft hat Qualität, und das hat sie auch bewiesen. Das ist sicher eine Entwicklung, und die muss weiter nach vorne gehen. Wir haben in der vergangenen Saison eine sehr gute Rückrunde gespielt, wieso sollten wir das in der kommenden Rückrunde nicht wieder tun.

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SVWW verpflichtet Sidney Friede

Der SV Wehen Wiesbaden hat Mittelfeldspieler Sidney Friede von Hertha BSC verpflichtet. Der 21-Jährige unterschrieb beim SVWW einen Vertrag bis Saisonende. "Er bringt ein hervorragendes Passspiel mit und verfügt über eine sehr gute Dynamik, die er sowohl in der Offensive als auch in der Defensive auf den Platz bringt", sagt Trainer Rüdiger Rehm. Bei der Hertha war Friede in der Hinrunde nur in der zweiten Mannschaft in der Regionalliga Nordost zum Einsatz gekommen.

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Was wünschen Sie sich mit Blick auf das nächste Jahr, vielleicht eine sehr gute Rückrunde oder weniger schlaflose Nächte wegen strittiger Schiedsrichterentscheidungen?

Beides, das beeinflusst sich ja auch ein wenig. Wenn wir eine sehr gute Rückrunde spielen und die Klasse halten, werden wir sicher weniger Grund haben, über die Schiedsrichter und mögliche Fehlentscheidungen zu meckern. Für uns ist wichtig, dass die Mannschaft den nächsten Entwicklungsschritt macht, aber auch, dass wir das als Verein machen und dass wir die Klasse halten. Das ist das Ziel für das erste Halbjahr im nächsten Jahr.

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Und was wünschen Sie sich ganz persönlich? Mehr Tage, an denen das Handy ganz weit weg liegt?

Ein paar Tage mehr wären sicher schön. Aber ich freue mich auch, wenn ich arbeiten kann - ich arbeite gern, weil es mir einfach Spaß macht. Wenn es mir keinen Spaß mehr macht, dann muss ich mir darüber Gedanken machen, ob ich aufhöre. Dieser Punkt ist noch lange nicht gekommen. Ich freue mich auf das nächste Jahr, was sehr intensiv werden wird und wo wir hoffentlich Mitte des Jahres eine Klassenerhaltsfeier haben werden. Die Arbeit wird sicher nicht weniger, aber ich freue mich darauf.

Das Gespräch führte Ann-Kathrin Rose.