Antreiber an der Seitenauslinie: Rüdiger Rehm motiviert auch Manuel Schäffler.

Lehrstunden zu Beginn, eine starke Phase am Ende, Videobeweis-Ärger und mit Manuel Schäffler ein Toptorjäger, der noch mehr kann: Die Hinrunde 2019 hat für Trainer Rüdiger Rehm und den SVWW einiges bereit gehalten. Im Interview blickt er zurück.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Rehm: "War ein ereignisreiches Jahr 2019"

Rüdiger Rehm an der Seitenlinie
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hessenschau.de Herr Rehm, blicken wir doch nochmal auf 2019 zurück. War das Ihr ereignisreichstes und erfolgreichstes Jahr in Ihrer Profilaufbahn?

Rüdiger Rehm: Ja, das war mit Sicherheit ein besonderes Jahr. Mit dem Aufstieg und den erfolgreichen Relegationsspielen war es sehr ereignisreich und natürlich auch sehr erfolgreich. In die 2. Liga bin ich bislang nur als Spieler und noch nicht als Trainer aufgestiegen. Danach ging es zunächst aber schnell in die andere Richtung. Wir hatten viele Aufs und Abs zu bewältigen. Aber wir sind mit dem Jahr 2019 insgesamt trotzdem zufrieden, auch weil wir am Ende die Punkte geholt haben, um den Anschluss in der Tabelle herzustellen.

Seit dem achten Spieltag konnte ihr Team in elf Partien 16 Punkte sammeln und rangiert damit in diesem Zeitraum vor den Topfavoriten Nürnberg, Hannover, Hamburg und Stuttgart. Sind der SVWW und sind Sie persönlich in der 2. Liga angekommen?

Wir müssen die gute Serie in der Rückrunde bestätigen. Meine Mannschaft hat am Anfang sehr viel Lehrgeld bezahlt, den fehlenden Punkten laufen wir heute noch hinterher. Dann haben wir aber gut gepunktet. Die Punktzahl vom achten Spieltag bis heute reicht jedoch nicht für den Klassenerhalt aus. Wir müssen noch mehr punkten und müssen an das anknüpfen, was wir uns vor der Winterpause erarbeitet haben. Den Anschluss konnten wir herstellen, jetzt müssen wir noch näher herankommen und demnächst an den ersten Mannschaften vorbeiziehen. Entscheidend ist, dass wir das am letzten Spieltag schaffen können und dann auch schaffen. Deshalb werden wir alles dafür tun, dass wir topfit in die Rückrunde gehen und das große Ziel im Mai verwirklichen.

In der Tabelle stehen unter anderem mit Nürnberg und Hannover noch einige große Namen in der Nähe. Welche Teams sehen Sie da im unteren Bereich, die Sie noch überholen können? Um die Relegation erreichen zu können, müssten Ihre Mannschaft ja noch mindestens ein Team hinter sich lassen.

Dynamo Dresden ist auch noch da, die haben personell schon aufgestockt. Jede Mannschaft wird den Kader optimieren und Verstärkung holen. Wir wissen auch, worum es im Abstiegskampf geht. Es ist für jeden Verein extrem wichtig, in dieser Liga zu bleiben. Wir wollen auch mit aller Macht versuchen, den Verbleib zu sichern. Am Ende ist es aber egal, wer hinter uns liegt. Hauptsache wir schaffen es, für die Relegation zwei Teams hinter uns zu lassen. Am liebsten wäre es mir natürlich, wenn wir drei Mannschaften hinter uns lassen und den Klassenerhalt direkt schaffen.

Auffällig ist aber die Diskrepanz zwischen Heim- und Aufwärtsauftritten (6 zu 11 Punkten). Für den Klassenerhalt werden sie auch vor heimischem Publikum mehr Punkte sammeln müssen. Wie wollen Sie diese Bilanz vor eigenem Publikum aufpolieren?

Natürlich wollen wir diese Bilanz verbessern und unseren Fans mehr bieten, als die Punkte, die wir bislang geholt haben. Aber auswärts haben wir unsere extreme Stärke gezeigt und drei Siege eingefahren. Wir liegen in der Auswärtstabelle auf Rang sechs und haben noch ein Spiel weniger als viele Konkurrenten. Vielleicht ist es ein Vorteil, dass wir häufiger auswärts antreten müssen. Aber natürlich wollen wir auch schauen, dass wir die Punkte hierbehalten um unseren Fans etwas zu bieten – das haben sie verdient.

Sie haben nach sechs Spieltagen das System von der Vierer- auf die flache Fünferkette umgestellt. Ist Ihr Team so gefestigt, dass es wieder in der Viererkette agieren könnte?

Wir haben am Ende der Vorrunde bei Rückständen phasenweise wieder auf die Viererkette gesetzt. Da waren viele Dinge dabei, die meine Mannschaft auch gut gemacht hat. Wir werden in der Vorbereitung testen, ob wir einen Defensivspieler rausnehmen und so offensiver agieren können. Aber im Großen und Ganzen hat uns das System wichtige Punkte gebracht. Vielleicht muss man dann als Trainer die Gegebenheiten akzeptieren und abwarten. Die Hauptsache ist, dass wir die nötige Stabilität reinbekommen und es dadurch schaffen, so wenige Gegentore wie möglich zu kriegen.

Ihre Mannschaft hat sechsmal zu Null gespielt und belegt in dieser Statistik den dritten Rang. Ist dies der Schlüssel zum Klassenerhalt?

Es ist ein wichtiges Zeichen zu wissen, dass wir über die defensive Stabilität Punkte holen und den Klassenerhalt schaffen können. Ich bin als Trainer nicht in meiner Ehre gekränkt, wenn wir ein bis zwei Jahre defensiver spielen. Wenn wir nur so die Klasse halten können, dann bin ich damit zufrieden und einverstanden. Als Trainer gehört es auch dazu, dass man variabel agiert und nicht nur sein Ding macht, um das Projekt dann an die Wand zu fahren.

Ein wesentlicher Bestandteil Ihres Spiels ist dabei Manuel Schäffler. Wie viele Anfragen flattern da so täglich für ihn rein? Ist er definitiv auch über den Winter hinaus zu halten?

Ich bin mir relativ sicher, dass Manuel Schäffler bleibt. Angebote für ihn habe ich noch nicht gesehen, ich bin aber auch nicht der Ansprechpartner in diesem Fall. Ich glaube allerdings, dass sich Manuel sehr, sehr wohl bei uns fühlt und er weiß, was er an uns hat. Wir wissen aber auch, was wir an ihm haben. Manuel weiß aber auch, dass er noch Luft nach oben hat. Das sagen wir ihm immer wieder und versuchen, tagtäglich daran zu arbeiten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Rehm: "Bei Schäffler geht noch mehr"

Rehm und Schäffler
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Wo sehen Sie bei ihm noch Verbesserungsansätze?

Manuel hat zwar zwölf Tore erzielt, aber keinen Vorlagen gegeben. Da geht noch mehr. Auch in Sachen Laufleistung bin ich noch nicht zufrieden, da muss er noch eine Schippe drauf packen. Wenn Manuel das schafft, dann bin ich mir sicher, dass wir noch eine größere Chance haben, die Liga zu halten.

Ein Neuzugang könnte Schäffler dabei unterstützen: Sidney Friede spielte in der vergangenen Saison ein starkes Halbjahr bei Royal Mouscron. Er erzielte zwei Tore und gab eine Vorlage. Auffällig ist aber eine Statistik: Er fehlte einmal wegen einer Gelbsperre. Was sind seine Fähigkeiten und ist diese Kernigkeit auch ein Teilaspekt bei diesem Transfer gewesen?

Sidney arbeitet sehr leidenschaftlich im Zentrum und hat im Spiel nach vorne seine Stärken. Ich müsste aber schauen, wie er sich die Gelben Karten abgeholt hat. Vielleicht hat er gemeckert, das wäre dann nicht so positiv. Aber er hat in der ersten belgischen Liga bewiesen, welche Fähigkeiten er hat. Wir haben ihn deshalb dazu geholt. Sidney ist ein junger, entwicklungsfähiger Spieler. Wir wollen ihm aber nicht zu viel Last auf die Schultern legen, sondern peu à peu versuchen, ihn in unser Konstrukt zu integrieren. Er soll sich freischwimmen und bei uns zeigen, was er kann.

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Ist er für den Offensivbereich vorgesehen?

Ja. Ich erhoffe mir von Sidney Effektivität nach vorn. Er soll den letzten oder vorletzten Pass spielen und den Abschluss suchen. Er muss zwar auch defensiv arbeiten, doch das müssen alle Spieler - auch Manuel Schäffler. Sidney soll nach vorne die Effizienz an den Tag legen, die ich von einem zentralen Mittelfeldspieler erwarte. Wir wollen torgefährlicher aus dem Mittelfeld werden. Das hat uns gefehlt, das hatten wir bei seinem Transfer im Auge.

Sehen Sie noch weitere Lücken im Kader, die Neuzugänge füllen könnten?

Im Moment werden wir auf dem Transfermarkt nicht aktiv. Wir haben im Sommer spät mit Stefan Aigner, Heinz Lindner und Tobias Schwede nachgelegt, weil wir Verletzungspech hatten. Diese verletzten Spieler kehren jetzt Stück für Stück zurück. Die Transfers von Aigner, Lindner und Schwede waren welche, die wir damals machen mussten, auch um die Qualität im Kader zu steigern. Wir halten aber die Augen in Sachen Neuzugängen weiterhin offen. Aber der Kader ist groß, es wird Härtefälle geben und dann sagt vielleicht doch der eine oder andere Spieler, dass er eine andere Möglichkeit sucht. Wenn uns mehrere Spieler verlassen, dann müssen wir möglicherweise nachlegen.

Haben vor allem die beiden "Stareinkäufe" Stefan Aigner und Heinz Lindner Ihre Erwartungen erfüllt?

Ich hoffe, dass Stefan nicht mehr wegen Rotsperre oder Verletzung ausfällt. Es ist leider ein- bis zweimal passiert, weshalb er uns nicht immer zur Verfügung gestanden hat. Wenn Stefan da war, hat er aber Scorerpunkte gesammelt und damit zu Zählern beigetragen. Lindner war ein- bis zweimal angeschlagen. Er hatte zu wenig Praxis, deshalb musste sich die Muskulatur an die Belastung gewöhnen. Ich erhoffe mir, dass sie in der Rückrunde fit bleiben.

Rüdiger Rehm diskutiert häufiger mit den Schiedsrichtern.

Sie sagten im Gespräch mit dem kicker, dass Sie bei Ihren vier Gelben Karten niemanden beleidigt hätten. Wofür erhält ein Trainer denn überhaupt die Gelbe Karte?

Das müsste man vielleicht die Schiedsrichter fragen. Ich weiß, dass ich die Coaching-Zone nicht verlassen und meine Hände nicht allzu weit nach oben heben darf. Natürlich kommt es auch auf den Ton an. Aber es geht leidenschaftlich an der Seitenauslinie zu. Und wenn man mit einem Pfiff nicht ganz einverstanden ist, dann beschwert man sich auch mal kurz. Ich glaube, dass es bei mir im Rahmen ist und ich nicht überdrehe und niemanden beleidigt habe. Ich habe einmal die Coaching-Zone nach einem falschen Elfmeterpfiff in Fürth verlassen und ich weiß auch, dass ich in Dresden die Coaching-Zone verlassen habe, als das Tor zurückgenommen wurde. Das sind die Punkte, auf die die Schiedsrichter achten. Und wenn du diese Linie einige Male überschreitest, dann werden sie etwas nervös und müssen rauskommen und dir eine Gelbe Karte zeigen. Ich muss das akzeptieren und wenn die Schiedsrichter denken, dass ich über mein Limit gehe, müssen sie mich verwarnen. Aber nach dem Spiel bedanke ich mich trotzdem für die Spielleitung und werde niemanden beleidigen oder körperlich angehen. Da bin ich nicht der Typ zu. Ich versuche, während der 90 Minuten zu kommunizieren – manchmal auf meine Art etwas lauter. Aber nach dem Spiel verstehen wir uns ganz gut.

Der VAR stand in der Hinrunde häufig in der Kritik, manch ein Funktionär und Spieler fühlt sich nun noch stärker betrogen, wenn eine Fehlentscheidung nicht revidiert wird. Wie sehen Sie den Videobeweis?

Ich würde nicht von betrügen spreche. Das hört sich so an, als würden die Schiedsrichter das mit Absicht machen. Ich kenne die Jungs auch und sie zeigen Mitgefühl. Martin Petersen saß mir in der Kabine in Dresden gegenüber und sagte, dass die Entscheidung eine absolute Katastrophe war, er sie aber treffen musste, weil sie regelkonform ist. Er gab aber zu, dass es fußballtechnisch eine Frechheit ist, so ein Tor zurückzunehmen. Es ist aber kein Betrug! Die Schiedsrichter treffen Entscheidungen und machen Fehler, wie jeder andere auch. Das akzeptiere ich auch, aber während der Situation selbst freue ich mich natürlich nicht drüber. Der Videobeweis hat seine Vorteile gebracht und dass so ein Einschreiten auch mal Nachteile mit sich bringt, ist normal. Wir müssen alle damit klarkommen und diejenigen, die damit arbeiten, müssen das System optimieren. Der VAR greift allerdings zu oft ein. Wenn ein ganzes Stadion die Sache nicht erkennt, muss man nicht noch mit der Lupe nach einem Fehler suchen. Der Schiedsrichter auf dem Platz muss die Entscheidung treffen und nicht zu viele Entscheidungen aus Köln übertragen bekommen, die ihn verunsichern. Wir haben viele gute Schiedsrichter und Fehler sind dabei auch menschlich.

Das Gespräch führte Christopher Michel