Training der Fußballzwerge in Griesheim

In immer mehr Vereinen jagen schon unter Fünfjährige dem Ball nach. Besonders jung sind die Nachwuchsfußballer beim SV St. Stephan in Griesheim. Der Andrang ist enorm, die Herausforderungen für die Trainer sind es auch.

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Wie die Großen: Nach dem Training wird im Kreis der Schlachtruf gerufen.
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Auf einem Nebenplatz des SV St. Stephan aus Griesheim (Darmstadt-Dieburg) herrscht reges Treiben: Kleine Kinder toben schreiend und lachend über das frisch gemähte Gras, kabbeln sich, schießen Bälle in alle Himmelrichtungen und weinen auch mal, wenn sie hinfallen – mittendrin drei Betreuer, die versuchen, das Rudel im Zaum zu halten. Was wie ein Sommerausflug der örtlichen Kita anmutet ist aber das Training einer ganz besonderen Fußballmannschaft.

"Sind nach Corona überrannt worden"

In diesem Sommer hat der SVS die "Fußballzwerge" ins Leben gerufen: Hier lernen rund 25 Kinder aus den Jahrgängen 2017 und 2018 das Kicken, manche haben noch nicht einmal ihren dritten Geburtstag gefeiert. Eine ganz besondere Art der Frühförderung also, die in dieser Form bei anderen Vereinen in der Umgebung nicht angeboten wird.

Torsten Schrader, Jugendleiter des SV St. Stephan, im Gespräch mit dem hr.

Auch für die Griesheimer, die mit rund 350 Fußballern und Fußballerinnen in 17 Jugendmannschaften viel Erfahrung in der Jugendförderung haben, ist die Arbeit mit so kleinen Kindern Neuland: "Normalerweise fangen wir mit Vier- oder Fünfjährigen an, aber wir sind nach der Corona-Zeit regelrecht überrannt worden", sagt Jugendleiter Torsten Schrader dem hr.

Anfangs war Schrader noch skeptisch, ob das so eine gute Idee ist: "Eigentlich halten wir das für zu jung, um Fußball zu spielen." Es seien aber nach Wegfall der Corona-Beschränkungen im Mai immer mehr Eltern auf ihn zugekommen, die ihre zwei- oder dreijährigen Kinder anmelden wollten. Als sich dann aber auch noch drei Väter als Trainer angeboten hatten, beschloss der Jugendleiter: "Okay, wir probieren das mal aus."

Training mit besonderen Herausforderungen

Seit kurz vor den Sommerferien treffen sich die Knirpse nun einmal in der Woche zu einer rund 45-minütigen Übungseinheit. Mit klassischem Fußballtraining hat das allerdings noch herzlich wenig gemein - wo sonst laufen die Spieler beispielsweise noch mit Schnuller aufs Feld?

Trainer Deniz Aslan hält es sogar für möglich, dass der ein oder andere Kicker unter der Sporthose noch Windeln trägt - genau weiß er es aber nicht. Zumindest das mit dem Schnuller haben die Trainer in den Griff bekommen, aber auch sonst besteht die Herausforderung zu großen Teilen darin, Kinder wieder einzufangen, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen und den Spieltrieb zu befriedigen. Auf Anweisungen der Trainer folgt da schon mal ein klares "Nö!".

Im Mittelpunkt der Bemühungen stehen Ballgewöhnung, Orientierung und Motorik – und natürlich der Spaß am Spiel. Da wird durch Reifen gehüpft und auf kleine Tore geschossen, auch erste zaghafte Passübungen stehen auf dem Programm. Im ersten Schritt lernen die Kinder zunächst die Grundlagen kennen. "Wo laufe ich eigentlich hin? Wie schieße ich? Was ist ein Abschlag? All das ist für die Kinder noch neu und das bringen wir ihnen jetzt Schritt für Schritt bei", sagt Aslan, der seine eigene aktive Fußballkarriere vor zwei Jahren verletzungsbedingt beenden musste.

Training bei den Fußballzwergen in Griesheim

Erste Erfolge sichtbar

Erste Erfolge hätten sich auch schon eingestellt: "Bei den Älteren blitzt manchmal schon ein bisschen Fußball durch und die Kleinen orientieren sich dann an den Großen", sagt Aslan, der glaubt, dass sich die Zeit bei den Fußballzwergen auch positiv auf eine mögliche weitere Karriere als Fußballer auswirken wird. "Wenn die Kinder jetzt schon ein Gefühl für das Spiel bekommen, ist es später umso leichter, in der Sportart Fuß zu fassen." Spiele oder sogar die Teilnahme an einem Ligabetrieb gibt es bei den Fußballzwergen noch nicht.

Ausgestattet sind die Knirpse aber schon wie die Profis, besonders was die Auswahl der Trikots angeht: Darmstadt 98, Eintracht Frankfurt, BVB, Bayern, Juventus – die Vorlieben der Kinder (oder doch die der Eltern?) sind bunt gemischt. Schwieriger ist es da bei der Auswahl der Fußballschuhe, denn die gibt es erst ab Größe 27, die ganz Kleinen müssen sich noch mit Turnschuhen aushelfen. Aber egal welches Trikot oder welche Schuhe: Die Kinder haben durchweg Freude am Ball und an der Bewegung, auf dem Platz herrscht eine ausgelassene, fröhliche Atmosphäre.

Manchmal sind die Hütchen interessanter als der Ball.

Eltern stürzen sich auf Angebot

Und weil gute Laune ansteckend ist, herrscht auch unter den Eltern, die die ersten Fußball-Gehversuche ihrer Sprösslinge vom Rand aus verfolgen, teils ausgelassene Stimmung. Anders als bei älteren Jahrgängen ist die Anwesenheit der Eltern beim Training der Fußballzwerge ausdrücklich erwünscht. "Das gibt den Kindern mehr Sicherheit. Wenn mal jemand stürzt oder Pipipause machen will, dann sind Mama oder Papa da", erklärt Aslan.

Die meisten Eltern sind froh, dass sie einen Verein gefunden haben, der die ganz Kleinen aufnimmt. "Als ich gehört habe, dass hier so etwas angeboten wird, habe ich mein Kind sofort angemeldet", sagt eine Mutter. Für sie war das Gruppengefühl ganz wichtig. Seitdem laufe der Junior mit stolzgeschwellter Brust durch die Gegend und erzähle jedem, dass er jetzt beim SV St. Stephan spielt.

"Je früher, desto besser", erklärt ein Vater, warum er seinen zweijährigen Sohn jetzt schon in einem Verein angemeldet hat. "Die Kinder sind hier im Freien, sie haben Spaß und bewegen sich", sagt er. Und obwohl es die Fußballzwerge jetzt bereits seit über zwei Monaten gibt, trudeln immer noch Anmeldungen ein, demnächst will sogar ein Kind aus dem Jahrgang 2019 kommen.

Pause gehört bei vielen Kindern zu den Lieblingsübungen.

Ein Schritt mit Signalwirkung?

Egal wie effektiv oder nachhaltig ein Fußballtraining für Zwei- oder Dreijährige sein mag, der Bedarf ist jedenfalls da. Der SV St. Stephan hat darauf reagiert, auch die SG Arheilgen, ein Sportverein aus Darmstadt, bietet schon seit längerer Zeit einen Fußballkindergarten für unter Fünfjährige an. Andere werden sicher folgen.

Der Griesheimer Jugendleiter Schrader hofft, dass möglichst viele Fußballzwerge dem Verein treu bleiben und bestenfalls in 20 Jahren für die erste Mannschaft spielen. Oder vielleicht Profi werden. Aber dafür müssen sie erst einmal das Passen lernen.