Noch vor einem Jahr war Pauline Radke Bundesliga-Handballerin bei der HSG Bensheim/Auerbach. Aber der Leistungssport hat Spuren hinterlassen. Eine schwere Gehirnerschütterung hat Radke aus dem Alltag gerissen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Pauline Radke: "Dann war ich erstmal weg"

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Die erste Panikattacke kommt aus dem Nichts. Pauline Radke steht im Supermarkt, ihr Sturz ist knapp zehn Tage her, vor ihr an der Kasse warten ein paar Menschen, hinter ihr auch. Unter das Stimmengewirr mischt sich das helle Piepen der Kasse, das künstliche Licht blendet, in Radkes Augenwinkeln beginnen die Bewegungen der anderen Kunden zu zittern, verschwimmen.

Ihr Herz geht schneller, dann noch schneller, Schweiß schießt ihr auf die Stirn und in die Handflächen, ein Gefühl der Enge macht sich breit. "Irgendwie durchhalten", denkt sie. Und durchsteht die erste Panikattacke ihres Lebens unter größter Anstrengung.

Job und Sport bestimmten den Alltag

Radke weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Panikattacken Teil ihres Krankheitsbildes sind. Aber sie ahnt es. Es ist kaum ein Jahr her, dass die 33-Jährige, großgewachsen, helle blaue Augen, ruhige Stimme, noch als Torhüterin für die HSG Bensheim/Auerbach in der Handball-Bundesliga spielte.

Täglich Training, tagsüber der Job im Büro des Team-Sponsors, wochenends die Spiele – Alltag einer Leistungssportlerin. Dann kommt der 8. Juni 2019. Beim Essen mit Freunden kriegt Radke Kreislaufprobleme, klappt zusammen – und schlägt erst mit der Stirn gegen die Wand, dann mit dem Hinterkopf auf dem Steinboden auf. Und anschließend ist nichts mehr, wie es war.

"Es wurde einfach nicht besser"

Radke ist Torhüterin, seit sie 13 Jahre alt ist. Kopftreffer und Zusammenstöße sind quasi an der Tagesordnung, auch Gehirnerschütterungen sind ihr nicht fremd. Doch nach dem Sturz im Restaurant stimmt etwas nicht. "Ich habe gemerkt, dass etwas anders ist als zuvor. Es ging mir schlechter", so Radke.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Pauline Radke: "Es wurde einfach nicht besser"

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Die Kopfschmerzen, Schwindel, klar, aber da ist noch mehr, der Schmerz ist dieses Mal tiefer, vor allem hartnäckiger. "Es wurde einfach nicht besser. Im Gegenteil: Ich wurde sehr emotional, habe viel geweint. Das kannte ich von mir nicht", so Radke. "Alles war zu viel."

Einkaufen gehen? Plötzlich unmöglich

"Alles", das meint bei Radke ganz alltägliche Dinge. Arbeiten ist ein Ding der Unmöglichkeit, öffentliche Orte meidet sie, Auto fährt sie kaum noch. Nach der ersten Panikattacke gehen Freunde für sie einkaufen, mit denen sie sich nicht einmal mehr im Café treffen kann. Früher oder später, meist früher, kommt das, was Radke die "Müdigkeit" nennt: "Ein Jucken im Kopf", wenn die Reize zu viel werden. "Das gleiche Gefühl, wenn einem die Hand einschläft", so Radke, nur eben im Kopf.

Und dann die Konzentrationsstörungen. Liest Radke eine Seite in einem Buch, weiß sie hinterher nicht mehr, was sie gelesen hat. Läuft ein Film im Fernsehen, folgt sie der Handlung nicht. Ist das noch eine Gehirnerschütterung? "Da muss doch etwas sein", fleht sie die Ärzte bei ihren zahllosen Besuchen an. Aber die Wochen vergehen, und die Probleme bleiben.

"Ich bin doch nicht verrückt"

Radke aber hat Recht, da ist etwas: Das postkommotionelle Syndrom, das Veränderungen beschreibt, die nach einer Gehirnerschütterung auftreten können. Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, Panikattacken – in der Symptomatik findet sich Radke passgenau wieder. Und ist erleichtert. Endlich ein Name, endlich etwas Fassbares. Die Selbstzweifel, die sich mit der Wochen währenden Unklarheit einschlichen, verschwinden wieder. "Ich bin doch nicht verrückt", denkt sie.

Sie hat die letzte Gehirnerschütterung nicht beim Sport erlitten, viele davor aber schon. Der Sturz im Restaurant ist genau jener Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt. Man müsse ein bisschen verrückt sein, heißt es über den Job im Handballtor, man muss aber vor allem auch eine hohe Schmerztoleranz haben.

Je höher das Niveau, desto härter die Treffer – auch an den Kopf. Die letzte Erschütterung 2017. Radke kracht beim Aufwärmen mit einer Mitspielerin zusammen, sieht verschwommen, klagt über starken Schwindel. "Danach habe ich das erste Mal überhaupt eine Nacht im Krankenhaus verbracht. Und anschließend anderthalb Wochen ausgesetzt."

120.000 Gehirnerschütterungen beim Sport pro Jahr

Immerhin, will man sagen. Denn der Umgang mit Gehirnerschütterungen im Sport in Deutschland ist fahrlässig, mindestens. 270.000 Menschen erleiden hierzulande jährlich ein Schädel-Hirn-Trauma, im Sport sind es rund 44.000. Die Dunkelziffer, so Experten, sei dreimal so hoch. Vor allem die möglichen Spätfolgen, die nach (zu vielen) Gehirnerschütterungen auftreten können, sind erschreckend.

Auffällig viele Fälle der unheilbaren Gehirnerkrankung CTE (Chronisch-traumatisierte Enzephalopathie), deren Symptome Depressionen, gesteigerte Aggressivität und Vergesslichkeit sind, haben in den USA eine öffentliche Debatte über Risiken im Profisport angestoßen. Mittlerweile gibt es beim Football das sogenannte Concussion Protocol, nach dem Spieler nach Zusammenstößen auf mögliche Gehirnerschütterungen untersucht werden.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Radke: "Kopftreffer waren nie ein Thema"

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Derlei Richtlinien gibt es in Deutschland keine. Anders als im US-Sport sei man hierzulande nicht ausreichend für die Thematik sensibilisiert, so Radke, weder die Verbände, noch die Vereine, noch die Sportler selbst. "Über den Kopf wurde nie gesprochen. Ich glaube, dass das viel mehr angesprochen werden muss."

"Jeder Kopftreffer löst etwas im Gehirn aus"

Radke nimmt sich dabei nicht aus. Nach Kopftreffern spielte sie weiter, trotz Schmerzen und Übelkeit, stand viel zu oft viel zu früh wieder auf dem Platz, 20 Jahre lang. "Ein bis zweimal im Monat kriegt man einen Ball an den Kopf", sagt Radke. Nicht jeder Treffer sei gleich eine Gehirnerschütterung. "Aber jeder Kopftreffer löst etwas im Gehirn aus".

Sagt Radke, und wirkt dabei gefasst und angefasst zugleich. Wie eine, die sich die Fassung über das, was ihr passiert ist, mühsam hat antrainieren müssen, und nun daran arbeitet, diese nicht wieder zu verlieren. "Angst habe ich keine. Es wird wieder ausheilen", sagt Radke, aber man ahnt die seelische Erschütterung, die die Gehirnerschütterung hinterlassen haben muss.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Radke: "Zurück in den Alltag"

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Aktuell arbeitet sie mit einem Physiotherapeuten zusammen, der sich auf Schädel-Hirn-Traumata spezialisiert hat. Zuletzt war sie auch in einem Reha-Camp der Hannelore-Kohl-Stiftung, die sich für schädelhirnverletzte Menschen einsetzt. Demnächst steht noch ein Termin beim Neuropsychologen an.

Positiv bleiben, kleine Schritte zurück in den Alltag machen

Und sonst? "Warten", so Radke. Positiv bleiben, kleine Schritte zurück in den Alltag machen, Rückschritte geduldig hinnehmen. Und auf die Problematik aufmerksam machen. Eine Prognose gibt es ebenso wenig wie eine Therapie. "Ruhe, Geduld, selbst austesten, was geht und was nicht, Pausen machen, wenn man sie braucht", so Radke. Wann sie wieder arbeiten kann, ist offen. Die Genesung kann bis zu einem Dreivierteljahr dauern,"ein Vierteljahr habe ich schon geschafft", lacht sie mit einer gesunden Portion Galgenhumor, bevor sie wieder ernst wird: "Manchmal ist es eine Katastrophe. Alles ist begrenzt."

Die Panikattacken, zwei, drei pro Woche waren es anfangs, haben an Intensität verloren, sind zu einer Art innerer Unruhe zusammengeschmolzen, die zwar unangenehm, aber aushaltbar ist. Auch die Konzentration nimmt an guten Tagen wieder zu. Einmal, manchmal zweimal am Tag geht Radke spazieren, bisweilen müssen sie Freunde dazu zwingen. Auch die HSG Bensheim/Auerbach hat ihr Unterstützung signalisiert, aber viel machen kann man nicht. Mittlerweile geht Radke immerhin wieder selbst einkaufen. Aber lieber vormittags, wenn der Supermarkt leer ist und an den Kassen keine Schlangen sind.