Kai Wandschneider

Er zitierte Albert Camus oder Frank Zappa und machte die HSG Wetzlar zum Favoritenschreck. Am Sonntag verlässt mit Kai Wandschneider ein Trainer mit einer besonderen Lebensgeschichte "seinen Club". Ein Porträt.

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Kai Wandschneider
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Kai Wandschneider kann selbst über die Müllabfuhr packend erzählen. Der dienstälteste Trainer der besten Handball-Liga der Welt steht vor seinem Auto an der Wetzlarer Halle. In der einen Hand umklammert er seinen Schlüssel, in der anderen ein Päckchen Zigaretten, er hebt einen Fuß und geht mit dem Arm nach vorne, um eine typische Handlung bei der Beladung von Müllwagen nachzuahmen.

Wandschneider übte den Job während seines Studiums aus, zudem jobbte er in der Tankstelle, als Kellner, arbeitete als Journalist beim "Kölner Stadt-Anzeiger", besuchte die Musikschule – und ach ja, bei den Fallschirmjägern war er auch noch. Am Ende empfahlen ihm seine Vorgesetzten, zur GSG9 zu gehen.

Er arbeitete sich von der Verbandsliga in die Bundesliga

Wandschneider aber, heute 61 Jahre alt, heuerte nicht bei der Eliteeinheit an, sondern arbeitete sich als Trainer von der Verbandsliga bis in die Eliteliga des Handballs hoch. Neuneinhalb Jahre lang betreute er die HSG Wetzlar, führte sie aus den Abstiegsregionen zu soliden einstelligen Tabellenplätzen und fing immer wieder namhafte Abgänge auf. Große Titel stehen nicht auf seiner Visitenkarte, so er denn eine hätte, aber dennoch schwärmen Spieler, Trainerkollegen und Beobachter des deutschen Handballs vom "Philosophen Wandschneider".

Ein fast dreistündiger Podcast mit ihm erreichte beeindruckte Aufrufzahlen, mehrmals war er im Gespräch als deutscher Nationaltrainer und wurde zwei Mal zum "Trainer des Jahres" gewählt. Am Sonntag steht er nun zum letzten Mal als Trainer in "seiner" Halle in Wetzlar, sein Vertrag wurde nicht verlängert. Um zu erfassen, dass da mehr als ein Trainer die Hessen verlässt, reichen schon wenige Minuten mit ihm vor seinem Auto – und die Erinnerungen an seine vielen Leben in einem.

Überfall mit vorgehaltener Pistole

"Eines Tages kam ein kleiner Junge zu mir", erzählt Wandschneider also über seine Zeit bei der Müllabfuhr, "und gab mir zehn Mark von seiner Oma. Das war in einer Siedlung von Russland-Deutschen. Meine besten Kollegen damals hatten türkische Wurzeln. Wer diese Zeit mitmacht, der ist immunisiert gegen jegliches rechtsgerichtetes Denken." In seinem Job in der Tankstelle überfielen ihn zwei Männer mit einer Pistole, später auf der Polizeiwache sollte Wandschneider sie in einer Verbrecherkartei wiedererkennen. Er zeigte auf mehrere Fotos und sagte: "Den, den und den kenne ich – aber die waren es nicht." Es waren Türsteher, die später im Rockermilieu unterwegs waren und die Wandschneider durch seine Arbeit als Kellner und seine nächtlichen Disco-Ausflüge kennengelernt hatte.

Und Ausflüge bestimmten eigentlich sein gesamtes Leben, sei es in die Welt der Musik, der Psychologie oder der Natur. Die Deutschen, so erzählt es Wandschneider in der Halle im langen Interview mit dem hr-sport, würden sich bei der Wahl zwischen Sicherheit und Freiheit für Ersteres entscheiden. Bei ihm sei das anders herum – und in dieser Losung steckt auch viel von seinem Verständnis als Trainer.

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Kai Wandschneider im Interview 3
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Die Aufgabe des Trainers wie bei einem Gleichgewichtskünstler

Wandschneider förderte immer die Eigenverantwortung; noch am Donnerstag im Spiel in Magdeburg fragte er seine Spieler in der Auszeit, ob sie mit seiner taktischen Vorgabe einverstanden seien. Straftraining setzte er so gut wie nie ein. Seine Spieler sollten merken, dass die vom Trainer geschenkte Freiheit ein kostbares Gut ist, das sie selbst nicht aufs Spiel setzen wollen.

"Ich halte nichts davon, in Spielern Objekte zu sehen, die man zu motivieren hat. Führung heißt: Trainer sollten einer Entwicklung der Spieler nicht im Weg stehen, sondern sie fördern. Sie müssen darauf achten, dass Spieler sich nicht selbst im Weg stehen – oder der Egoismus der anderen. Erst wenn eine Kurskorrektur ansteht, geht man in den Lead."

Wandschneiders Spieler führen Deutschland zum EM-Titel

Ein weiterer Anglizismus, den er verwendet, ist der "Flow". Und einen solchen schaffte sein Team, obwohl Wandschneiders Ende seit 16 Monaten bekannt ist. Von einem Spannungsabfall im Binnenverhältnis wie in anderen Sportarten war in Wetzlar nichts zu spüren. Das Team kratzte hingegen zwischenzeitlich an Platz sechs und der besten Ausbeute in seiner Ägide. Er sagt: "Man muss ein Äquilibrist sein, ein Gleichgewichtskünstler. Man muss Antennen für die Vorgänge innerhalb einer Mannschaft haben. Da ist wichtig, dass ein lebendiger und angstfreier Austausch auf Augenhöhe untereinander stattfindet."

Die andere, die buchstäbliche Augenhöhe brauchte Wandschneider nicht. Wenn der kahlköpfige, 1,76 Meter große Trainer mit der Taktiktafel unterm Arm durch die Halle schreitet, folgen ihm die Hünen in Trainingskleidung in fast andächtiger Haltung – schließlich wissen sie in Wetzlar, wie Menschen über sich hinauswachsen.

Gallische Siege gegen Kiel

Trotz begrenzter finanzieller Mittel schlug die HSG in überraschender Regelmäßigkeit den übermächtigen THW Kiel, die Bilanz der letzten Duelle gegeneinander ist tatsächlich ausgeglichen. Wenn Wandschneider über die Eigendynamik jener gallischen Siege spricht, geht ihm der Satz von den Lippen: "Dafür lebt man."

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Florian Naß über Kai Wandschneider
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Als Deutschland 2016 Handball-Europameister wurde, stellte Wetzlar tragende Säulen: Steffen Fäth, Jannik Kohlbacher, Andreas Wolff. Wandschneider förderte alle drei, konnte sie aber danach auch nicht in Wetzlar halten. Er selbst vergleicht diese Aufbauarbeit gerne mit jener des SC Freiburg im Fußball – und wahrscheinlich würde ein Gesprächsabend mit Kai Wandschneider und dem Freiburger Trainer Christian Streich die Wetzlarer Arena locker füllen. Beide können schließlich lange reden, ohne dabei zu schwätzen.

Wandschneider war der Frontmann eines "No-Hit-Wonders"

In der Musik gibt es Bands, die große Erfolge feiern und dann verschwinden – sogenannte One-Hit-Wonder. Dann gibt es noch Künstler ohne große Chartplatzierungen, die aber große Wertschätzung des Publikums und der Experten genießen – die sogenannten "No-Hit-Wonder". Kai Wandschneider war der Frontmann des handballerischen "No-Hit-Wonders" HSG Wetzlar.

Am Sonntag betreut er nun sein letztes Heimspiel gegen Minden. Der Club will neue Wege gehen, Benjamin Matschke vom Ligakonkurrenten Eulen Ludwigshafen übernimmt. Der anfängliche Groll über die Entscheidung ist bei Wandschneider mittlerweile verflogen. "Ich hoffe nicht, dass am Sonntag Tränen fließen. Ich weiß, dass ich hier in Wetzlar nicht vergessen bin. Und das ist schön."

Zitate von Camus, Nietzsche und Frank Zappa

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Kai Wandschneider im hr-Interview
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Als er zum Abschluss vor seinem Auto noch ein Zitat auswählen soll, eines aus denen vielen, die er in seinen Antworten als Wetzlarer Trainer untergebracht hat - von Nietzsche, Frank Zappa oder Kant -, da tippt er auf eines Albert Camus. Er hatte in einem Antiquitätengeschäft ein Büchlein des Schriftstellers gefunden, sich darin eine Stelle gemerkt und sie im Buch des Mentors von Dirk Nowitzki, Holger Geschwindner, wiedergefunden: "Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." Eben genauso wie Kai Wandschneider.