Jubelnde Spieler der HSG Wetzlar

Der Glanz der Handball-Gala gegen Ludwigshafen verblasst, bei der HSG Wetzlar geht es jetzt wieder um die Corona-Realität. Geschäftsführer Björn Seipp nimmt die Politik in die Pflicht – und verweist auf die enorme Bedeutung seines Clubs.

Zumindest für ein paar Stunden war die Wetzlarer Handball-Welt weit weg von allen Problemen. "Den ganzen Tag kümmert man sich nur um Themen, die sich um Existenzkampf drehen", sagt HSG-Geschäftsführer Björn Seipp. "Und wenn man sich dann abends mit Sport ablenken kann – das, um was es ja eigentlich geht – dann macht das schon Spaß."

Dieses 29:11 gegen die Eulen aus Ludwigshafen, der höchste Sieg in der Erstliga-Vereinsgeschichte der Mittelhessen, hat beim Bundesligisten spürbar für Zerstreuung und Aufmunterung gesorgt. Das Virus, die Pandemie, Geisterspiele, finanzielle Auswirkungen: Gefühlt überrollte Wetzlar am Donnerstag nicht nur den Gegner, sondern auch die Komplikationen des Jahres 2020. Mit der Schlusssirene aber endeten Partie und Corona-Auszeit gleichermaßen.

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Jubel bei der HSG Wetzlar
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Nach der Gala auf dem Parkett ging es zurück in die von wirtschaftlichen Fragestellungen geprägte Realität. "Es darf überhaupt nichts mehr passieren", antwortet Seipp im Gespräch mit dem hr-sport auf die Frage, wie weit ein mögliches Worst-Case-Szenario noch entfernt ist. Vor allem in puncto Zuschauerausschluss und fehlende Ticketeinnahmen hat ein Handball-Club wie die HSG bald keinen Spielraum mehr.

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Hintergrund

In der kommenden Woche beraten Bund und Länder über die Corona-Schutzmaßnahmen, die ab Ende November gelten sollen. Nach aktuellem Stand darf Profisport nur ohne Fans in Stadien und Arenen ausgetragen werden. Um den finanziellen Betrieb zu stemmen, muss die HSG Wetzlar mindestens 800 bis 1.500 Zuschauerinnen und Zuschauer in die Halle lassen dürfen. Andernfalls sind spätestens ab dem kommenden Jahr neue Hilfsmittel der Politik nötig.

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Die aktuellen Soforthilfen der Bundesregierung, so rechnet es Seipp vor, halfen den Grün-Weißen zwar, die Geisterspiele im November zu kompensieren. "Vielleicht auch noch im Dezember, aber dann wird das Geld auch schon wieder aufgezehrt sein. Wenn wir im Februar, März über Spiele ohne Zuschauer sprechen, dann werden wir das ohne weitere staatliche Hilfe nicht schaffen", sagt Seipp, der mit Verweis auf vorhandene Hygienekonzepte eine Fortsetzung des Spielbetriebs ohne Fans in den Arenen "langfristig nicht verstehen" würde.

Kein Gehaltsverzicht mehr bei der HSG

Die HSG pocht auch deshalb auf weitere Finanzmittel vom Bund, weil man sich in Wetzlar klar gegen einen zweiten Gehaltsverzicht der Belegschaft entschieden hat. Spieler und Angestellte hatten während der ersten Pandemie-Hochphase im März einem Verzicht auf 25 Prozent des Bruttogehalts zugestimmt.

"Das ist schon eine echte Hausnummer, aber man darf es auch nicht überstrapazieren", warnt Seipp. Der Geschäftsführer hat nicht nur die operative Ausrichtung seines Clubs im Blick, sondern auch die strategische – und gerade die bereitet ihm mitunter die meisten Sorgen.

"Im Nachwuchs- und Profibereich haben wir über viele Jahre Strukturen aufgebaut, die nicht von heute auf morgen zu ersetzen sind", skizziert Seipp ein düsteres Szenario, wenn ein Verein wie die HSG von der sportlichen Landkarte verschwinden würde.

"Handball lebt davon, dass an Standorten wie Wetzlar Jugendspieler entwickelt und Spieler zu Nationalspielern – am liebsten zu deutschen Nationalspielern – weiterentwickelt werden. Wir sehen uns als Ausbildungsverein, davon hat die deutsche Mannschaft in den letzten Jahren enorm profitiert."

"Liga in der aktuellen Form erhalten"

Seipp ist sich sicher: Ein Ausscheiden der HSG aus diesem System könne wenn überhaupt nur sehr schwer aufgefangen werden. "Es würde Jahre dauern, irgendwo anders einen Standort zu entwickeln, wie er es jetzt in Wetzlar ist. Es muss alles daran gesetzt werden, dass die Liga in der aktuellen Form erhalten bleibt." Erst dann wäre die Handball-Welt der HSG wohl wieder weit weg von allen Problemen.

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HSG schon am Sonntag wieder im Einsatz

Nur drei Tage nach dem historischen Sieg gegen die Eulen aus Ludwigshafen ist die HSG schon wieder gefordert. Am Sonntag (16 Uhr) treten die Mittelhessen zum Nachholspiel in Göppingen an.

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Sendung: hr-fernsehen, heimspiel! Bundesliga, 22.11.20, 22.50 Uhr