Gennadiy Komok für die HSG Wetzlar.

Er floh vor dem Krieg in seiner Heimat, nun spielte er erstmals in der Handball-Bundesliga: Ukraines Nationaltorhüter Gennadiy Komok debütierte am Sonntag für die HSG Wetzlar. Seine Geschichte erzählt von tragischen Ereignissen, aber auch glücklichen Fügungen.

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HSG Wetzlar verliert bei Komok-Debüt

Eine Spielszene aus der Partie der HSG Wetzlar gegen Magdeburg
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In der sechsten Minute des Handball-Spiels zwischen der HSG Wetzlar und Spitzenreiter Magdeburg wurde es laut in der Halle. Torhüter Gennadiy Komok betrat erstmals das Feld, die HSG-Fans riefen immer wieder seinen Namen. Komok war mit der ukrainischen Nationalmannschaft und seiner Familie nach Kriegsbeginn aus seiner Heimat geflohen. Zwei Tage vor dem Spiel hatte die HSG seine Verpflichtung bekannt gegeben.

Nun also, in dieser sechsten Minute, sah sich Komok beim Siebenmeter gleich dem Magdeburger Schlüsselspieler Omar Ingi Magnusson gegenüber. Der Neu-Wetzlarer wischte über die Torlatte, baute sich auf - und hielt den Wurf unter dem donnernden Applaus der 4.116 Fans mit dem rechten Bein. Auch den nächsten Siebenmeter der Magdeburger parierte Komok.

Komok: "Meine Eltern sind noch in der Ukraine"

Es hätte ein Traumdebüt für den 34-Jährigen werden können, weil die Wetzlarer der Übermannschaft aus Magdeburg mehr als Paroli boten. Bis zur 40. Minute lagen sie unentwegt in Führung, dann aber konnten die verletzungsgeplagten Hausherren der individuellen Klasse des Gegners nicht mehr standhalten, am Ende hieß es 26:29. Auch Komok war mehr und mehr gegen die Tempogegenstöße der Magdeburger machtlos. Doch das sportliche Ergebnis trat sowieso hinter der emotionalen Bedeutung der Partie in den Hintergrund.

Nach dem Spiel nahm Komok seine Frau, seine neunjährige Tochter und seinen fünfjährigen Sohn an der Bande in den Arm. Auf dem Weg zur Kabine sprach er immer noch bewegt und mit leicht feuchten Augen über sein Debüt: "Ich bin unglaublich glücklich und dankbar, dass ich bei dieser Mannschaft bin. Ich will Wetzlar unbedingt helfen."

Viele glückliche und unglückliche Zufälle bei Komoks Verpflichtung

Er habe bis zum Saisonende einen Vertrag unterschrieben und nun mit Frau und Kindern Sicherheit. "Meine Eltern sind noch in Saporischschja. Wir sind so froh, dass wir jetzt hier sind, gleichzeitig emotional in der Heimat und helfen auch finanziell. Im ganzen Land ist die Hölle los, überall wird gekämpft, auch im Großraum Saporischschja. Es ist der Horror. Es könnte auch zu Hause jederzeit mit den Kämpfen losgehen. Ich mache mir große Sorgen um die Menschen, die noch da sind."

Komok hatte mit seinem Heimatverein HC Motor Saporischschja regelmäßig die Meisterschaft gewonnen und in der Champions League gespielt. Außerdem lief er über 50 Mal für die ukrainische Nationalmannschaft auf, spielte auch bei der jüngsten EM in Ungarn und der Slowakei. Bei Kriegsausbruch befand er sich mit dem Team in der Vorbereitung auf die WM-Qualifikationsspiele gegen Finnland. Die Nationalspieler durften mit ihren Familien ausreisen und kamen zunächst in Großwallstadt unter. Nationaltrainer Slava Lochmann hatte dafür seine Kontakte aus seiner Spielerzeit aktiviert.

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Danner über Komok: Hat gezeigt, wie gut er ist

Felix Danner von der HSG Wetzlar.
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Kurz darauf trat die Mannschaft in Benefizspielen gegen Rodgau Nieder-Roden und die HSG Wetzlar an - Komoks neuem Club. Bei seiner Verpflichtung spielten vielen glückliche und weniger glückliche Zufälle eine Rolle: Zunächst einmal konnte die HSG nur gegen die Ukraine antreten, weil das eigentlich angedachte Spiel gegen Kiel nicht stattfinden konnte. Gleichzeitig fiel HSG-Torhüter Anadin Suljakovic durch eine Innenbandverletzung im rechten Knie lange aus - Wetzlar brauchte einen neuen Torhüter. Und Kreisläufer Tomislav Kusan verließ die Wetzlarer in Richtung Katar. Somit wurden überhaupt erst die finanziellen Mittel frei, um Komoks Gehalt zu bezahlen.

Viele Nationalspieler sind nun in Polen

Eine Ablöse mussten die Wetzlarer nicht entrichten, weil die ukrainischen Spieler von den Verbänden ein Sonderspielrecht bekommen haben. Der Großteil der ukrainischen Auswahlspieler ist nun bei Vereinen in Europa untergekommen, die meisten von ihnen spielen in Polen. Der Rest der Mannschaft ist nun nach Rostock weitergereist, um dort ein weiteres Trainingslager abzuhalten. Erst nach dem Benefizspiel gegen Wetzlar vor neun Tagen, bei dem Komok überzeugend spielte, entstand bei den Wetzlarern die Idee zur Verpflichtung bis zum Saisonende.

HSG-Trainer Ben Matschke erklärte dazu am Sonntag: "Wir wollten Till (Klimpke) einen Back-up geben, der Erfahrung ausstrahlt, diese Atmosphäre liebt und auf höchstem Niveau in der Champions League gespielt hat." Man könne nur erahnen, was Komok und die vom Krieg betroffenen Menschen jeden Tagen beschäftige. "Aber in diesen drei Tagen habe ich bei ihm eine unfassbare Dankbarkeit gespürt. Wir wollen ihm nun die Möglichkeit geben, zumindest für eine gewisse Zeit auf andere Gedanken zu kommen. Ich wünsche ihm einfach schöne Momente in dieser Saison."

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Klimpke über Komok: Kann viel von ihm lernen

Till Klimpke herzt seinen neuen Mitspieler Gennadiy Komok.
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Nationaltorhüter Klimpke schwärmt von Komok

Der deutsche Nationaltorhüter Till Klimpke tauschte sich immer wieder während der Partie mit Komok aus. "Wir probieren es mit Zeichensprache und Händen und Füßen", sagte der HSG-Torhüter hinterher. Außerdem helfe Torwarttrainer Jasmin Camdzic, gebürtiger Bosnier, bei der Übersetzung. Klimpke schwärmt in höchsten Tönen von seinem neuen Mitspieler: "Wir haben eine ähnliche Technik, sind beide 'Steher'. Er hat viel Erfahrung und in der Champions League gespielt. Ich kann noch mehr von ihm abgucken als er von mir." Auch Kreisläufer Felix Danner schwärmte: "Er hat heute gleich mal gezeigt, dass er ein sehr guter Torhüter ist."

Nach dem emotionalen Debüt in der Handball-Bundesliga am Sonntag wartet am Montag nun der nächste Schritt auf Komok und seine Familie. Sie ziehen vom Hotel in eine möblierte Wohnung in Wetzlar. Das war auch nötig, denn die Vier haben nicht viel mehr bei sich als eine Sporttasche.

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