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Sabine Heusdens hat monatelang auf ihr Karriereende hingefiebert - dann war plötzlich Schluss. Im Interview erzählt die Handballerin der Bad Wildungen Vipers, warum ihre Laufbahn auf einem Parkplatz zu Ende ging.

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Handball, Harz und Heusdens - das gehörte bei den Bad Wildungen Vipers bisher untrennbar zusammen. Jetzt hat die 32-Jährige ihre Karriere beendet. Im Interview spricht Sabine Heusdens über emotionale Momente, ihre Liebe zu Nordhessen und den Abschied auf dem Parkplatz.

hessenschau.de: Sie haben insgesamt acht Jahre in Bad Wildungen Handball gespielt, haben eine Ära mitgeprägt - und jetzt beenden Sie Ihre Karriere inmitten der Corona-Krise. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Sabine Heusdens: Die Entscheidung stand schon länger fest. Ich habe bei meiner Vertragsverlängerung 2017 schon gesagt, dass das meine letzte Saison sein wird. Mir geht es körperlich noch gut, aber ich habe seit fast drei Jahren eine Freundin, sie hat einen Sohn, und ich habe gemerkt, dass bei mir die Luft raus ist. Ich möchte mehr Zeit mit meiner Familie verbringen und Platz für die jüngeren Spielerinnen machen. Ich habe in den letzten Jahren versucht, mein Wissen und meine Erfahrung weiterzugeben.

hessenschau.de: Bei den Vipers hoffen viele, dass Sie es sich anders überlegen - gibt es da eine Chance?

Heusdens: Das Angebot des Vereins ist da - aber ich habe mich entschieden. Ich bin nach dem Saisonabbruch schon durch ein Tal gegangen. Plötzlich war kein Handball mehr da, keine Arbeit mehr. Wenn man von 200 Prozent auf Null runterfährt, dann ist das schwierig. Ich hatte ein Tief. Aber inzwischen habe ich mich damit abgefunden, und es ist richtig so.

hessenschau.de: Was hat das mental mit Ihnen gemacht, dass so plötzlich Schluss war?

Heusdens: Das Spiel gegen Bensheim Anfang März war mein letztes - ohne, dass ich es wusste. Das war hart. Denn eigentlich genießt man das letzte Spiel. Ich hatte das nicht, und es war schwer, das zu akzeptieren. Ich habe tolle Freunde und eine Familie, die mich aufgefangen haben.

hessenschau.de: Wie war der Moment, als Sie erfahren haben - die Saison wird tatsächlich abgebrochen?

Heusdens: Ich hatte noch eine Zeit lang die Hoffnung, dass die Saison noch irgendwann fortgesetzt werden kann. Dann hat uns aber der Vorstand zusammengerufen - es war ein Mittwoch - natürlich mit dem nötigen Abstand. Ich habe dann auf einem Parkplatz vor der Ense-Halle erfahren, dass die Saison abgebrochen wird. Dann bin ich nach Hause gefahren und habe erst einmal bitterlich geweint. Ich dachte: "Scheiße, das war es jetzt." Aber - ich kann es nicht ändern und es war die richtige Entscheidung, die Saison abzubrechen. Die Gesundheit der Menschen geht vor. Natürlich hätten wir noch Geisterspiele machen können, aber was bringt das?

hessenschau.de: Es war also ein Karriere-Ende auf dem Parkplatz. Wie hatten Sie sich Ihren Abschied eigentlich vorgestellt? Sie können ja nicht einfach eine Kiste Bier in die Kabine stellen oder eine Riesenparty feiern.

Heusdens: Mein Plan war, die letzten Spiele zu genießen - vor allem vor dem Heimpublikum und dort verabschiedet zu werden, von den Fans, der Mannschaft und meinen Freunden. Das ist einfach eine Megakulisse. Und ich wollte in der Kabine feiern und dann noch eine Party dranhängen. Jetzt überlegen wir, ein Spiel mit einem Auswahlteam zu machen, damit ich noch einmal mit den Menschen auf dem Feld stehe, die meine Karriere und mich geprägt haben - natürlich gegen die Vipers. Aber im Moment können wir das noch nicht wirklich planen.

hessenschau.de: Ihr letztes Spiel war das "Derby" gegen Bensheim-Auerbach Anfang März. Was werden Sie davon in Erinnerung behalten?

Heusdens: Ich habe mit Tessa Bremmer (Trainerin der Vipers; Anm. der Red.) meine ganze Jugend zusammengespielt, seit ich fünf war. Dass ich mit ihr und Miranda Robben im letzten Spiel auf dem Feld stand, war etwas Besonderes. Es hat so aufgehört, wie es angefangen hat. Wir haben den späten Ausgleich gegen Bensheim, das letzte Tor, mit einem Trick gemacht. Das haben Tessa und ich gefühlte 100 Jahre einstudiert. Auf dem Feld findet sie mich blind und ich sie. Und in diesem Moment war klar, wir machen diesen Bauerntrick, den wir so oft gemacht haben. Das war ein versöhnlicher Moment, der es mir einfacher gemacht hat, das Ende zu akzeptieren.

hessenschau.de: Sie haben angekündigt, auch nach Ihrem Karriereende in Bad Wildungen bleiben zu wollen - was schätzen Sie an Ihrer neuen Heimat? Die Menschen, die sie dort getroffen haben?

Heusdens: Ich war von 2009 bis 2013 das erste Mal in Bad Wildungen und war dann nochmal vier Jahre weg, aber der Kontakt ist nie abgerissen. Das war für mich ein wichtiger Grund, wieder in meine zweite Heimat zurückzukehren. Ich bin hier angekommen.

hessenschau.de: Sie waren über viele Jahre Bundesligaspielerin und auch im Ausland erfolgreich, haben aber auch noch einen "anderen" Job - wie schwer war es, das unter einen Hut zu bekommen?

Heusdens: Ich bin da reingewachsen. Ich habe als kleines Mädchen ein Spiel in Oldenburg gesehen - die Halle war voll und ich habe zu meiner Mutter gesagt: "Das will ich auch." Sie hat mich unterstützt, und so habe ich meinen eigenen Weg gemacht und mir das erkämpft. Ich habe auf viel verzichtetet, habe Hochzeiten und Geburtstage verpasst, und auch das muss eine Familie, müssen Partner erst einmal akzeptieren. Aber: So bin ich, und ich habe immer versucht, das auch den jüngeren Spielerinnen mitzugeben. Die Möglichkeit, in der Bundesliga oder der 2. Bundesliga zu spielen und dort auf die Platte zu kommen, das muss man zu schätzen wissen und es genießen. Wenn ich nur daran denke oder darüber spreche, bekomme ich Gänsehaut. Das Einlaufen in die dunkle Halle, aus den Katakomben, durch den Nebel unter dem Applaus der Leute - das ist das geilste Gefühl, was man haben kann.

hessenschau.de: Wünschen Sie sich - auch mit Blick auf die Männer - mehr Anerkennung und vielleicht auch mehr Aufmerksamkeit für das, wofür Sie die letzten Jahre gelebt und gearbeitet haben?

Heusdens: Ja, natürlich - aber leider gibt es da immer noch einen großen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Das beste Beispiel ist, dass es in der Bundesliga der Männer nach dem Saisonabbruch einen Meister gibt, bei den Frauen nicht. Und ich kann verstehen, dass der BVB (Borussia Dortmund war Tabellenführer; Anm. d. Red.) auf die Barrikaden geht. Genauso ist es bei den Gehältern und beim Sponsoring. Die Männer bekommen viel mehr, machen aber das Gleiche. Wir trainieren neun Mal die Woche und gehen zusätzlich noch arbeiten, weil wir nicht davon leben können.

hessenschau: Worauf freuen Sie sich am meisten, jetzt, wo Sie keine Profisportlerin mehr sind?

Heusdens: Das ist schwierig. Ich habe jetzt freie Zeit, ein längeres Wochenende, aber ich kann nicht nach Holland oder zu den Konzerten, für die ich Karten habe, oder in den Urlaub, den ich gebucht habe. Aber ich genieße das schöne Wetter und freue mich auf das, was kommt.

Das Interview führte Ann-Kathrin Rose.