Tobias Reichmann (l.) und Timo Kastening.

Die Außenspieler Tobias Reichmann und Timo Kastening kämpfen gegeneinander um ihren Platz - bei der MT Melsungen und bei Olympia. Beide träumen von Tokio, erklären die Schwächen im Klub und wehren sich gegen die Kritik vom Verband.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Reichmann: "Olympia hat ein ganz besonderes Flair"

Timo Kastening und Tobias Reichmann
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Die Stadtsporthalle in Melsungen verströmt das Flair vom erdigen Sport. Siebte Stunde, Matten raus, Völkerball. Die Umkleidekabinen sind nicht gerade groß, ein abgetrenntes einzelnes Klo, ein paar Duschen, ab und an stehen geleerte Bierkästen in der Kabine. Als sich die deutschen Handball-Nationalspieler Timo Kastening und Tobias Reichmann nach dem Training im Materialraum am "Lehrertisch" hinsetzen, kreisen ihre Gedanken aber weit weg von Melsungen, hin zu Tokio, zum olympischen Dorf und Weltklassesportlern.

"Im olympischen Dorf kommen alle aufeinander, da triffst du Weltstars aus anderen Sportarten und siehst: Das sind auch nur Menschen, du kannst dich zu denen an den Tisch setzen und ganz normal miteinander sprechen", erzählt Reichmann von seinen Erfahrungen aus Rio. Und Kastening ergänzt: "Diesen olympischen Geist selbst wahrzunehmen, das würde mich freuen. Es ist für jeden Sportler wohl das größte Event in der Karriere."

Olympia-Kader am Dienstag: Es könnte nur einen geben

Beide werden diesen Geist spüren dürfen, denn beide sind - gemeinsam mit vier Mannschaftskollegen von der MT Melsungen - von Bundestrainer Alfred Gislason für den Olympiakader nominiert worden. Kastening, 26, ist "Handballer des Jahres 2019", Reichmann, 33, dreimaliger Champions- League-Sieger, Europameister und Bronzemedaillengewinner. Sie haben die Klasse für Olympia, doch auch ein Problem: Mit der MT haben sie eine insgesamt enttäuschende Saison hinter sich - das ging so weit, dass sie von der DHB-Verbandsspitze öffentlich angezählt wurden. Es gibt einige Fragen, die die beiden in der Stadtsporthalle beantworten (müssen).

Probleme haben sie nur beim Schlager

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Die erste Antwort aber liegt zwischen den Zeilen: Kastening und Reichmann, zwei grundverschiedene Typen und Konkurrenten um den Platz auf der Platte, kommen tatsächlich hervorragend miteinander aus. "Bei uns gab es nie Neid oder Missgunst. Ich habe seinen Wechsel zur MT am Anfang nicht verstanden, aber jetzt pushen wir uns und schaukeln uns hoch, weil wir auf einem gleichen Level sind", sagt Reichmann.

Die beiden teilen sich auf Auswärtsfahrten ein Zimmer, Reichmann versucht dem Mannschafts-DJ Kastening seine geliebten Schlager-Songs in die Playlist zu singen. Er nennt ihn "einen abgewichsten Bullterrier" im Spiel und sagt, dass man außerhalb des Spielfeldes viel Spaß mit ihm haben könne. Und Kastening gibt das Lob genauso zurück. Reichmann, ein Stadkind aus Berlin, der im Netz aufgrund seiner überragenden Sprungkraft "The Airplane" getauft wurde, und Kastening, der liebevoll genannte "Bullterrier", aufgewachsen auf einem Bauernhof - wenn sich solche zwei Typen so gut verstehen, kann das nur ein gutes Zeichen sein. Oder doch nicht?

"Hanning ist nicht Uli Hoeneß"

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Melsungen-Spieler über Hanning: "Erst einmal vor der eigenen Tür kehren"

Tobias Reichmann mit Bob Hanning.
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DHB-Vizepräsident und Füchse Berlin-Funktionär Bob Hanning hat in der vergangenen Woche die Nationalspieler der MT Melsungen scharf angegriffen. Der Tenor: Durch die hohen Gehälter und die Komfortzone in Melsungen mangele es ihnen an Wettkampfgeist und Mentalität - und das sei schädlich für die Nationalmannschaft. Noch einige Tage später wirken Kastening und Reichmann angefasst über die Art und Weise von Hannings Verbalangriff: "Ich kenne Bob schon sehr viele Jahre und war erschrocken über diese Aussage", so Kastening. Er hätte sich gewünscht, dass ihn Hanning direkt angerufen hätte.

"Trotzdem mag ich das, wenn jemand im Handball mal ein bisschen auf die Kacke haut. Ich bin großer Fan von Bayern München und den Ansagen von Uli Hoeneß", sagt Kastening weiter. "Allerdings haben da die anderen Vereine die Bayern mit dem Fernglas in der Tabelle gesucht – ich weiß nicht, ob das bei den Füchsen ähnlich ist. Dementsprechend sollte er besser vor seiner eigenen Haustür kehren." Auch Reichmann fand die Wortmeldung "unangebracht", sprach sich aber am folgenden Tag mit Hanning am Telefon aus.

Reichmann: "Alles auf die Spieler zu schieben, ist einfach"

In der deutschen Handballwelt haben der Zeitpunkt und die öffentliche Schelte von Hanning für Verwunderung gesorgt, aber nicht wenige sagen: Inhaltlich hat er in vielen Punkten nicht unrecht. Die MT blieb mit Platz acht unter ihren Erwartungen, verpasste den Europapokal und zeigte sich im Pokalendspiel gegen den TBV Lemgo-Lippe espritlos. "Uns fehlt die Konstanz", gibt Reichmann zu. "Es ist nicht nur die Mannschaft allein, auch das Drumherum muss mitwachsen - Trainer, Geschäftsstelle, Management. Alles auf die Spieler zu schieben, ist einfach."

Kastening hatte schon zuvor bemängelt, dass in der Mannschaft zu wenige Spieler in der entscheidenden Phase nach vorne gingen - und sich dabei eingeschlossen. Die Kritik am finanzstarken Projekt in Melsungen kann er aber nicht nachvollziehen: "Du musst einem guten Spieler nunmal eine Mark mehr zahlen, damit er sich für ein Projekt entscheidet und es mitträgt. Jeder, der was anderes behauptet, lügt."

"Wir wollen Gold holen"

Immerhin: Der Bundestrainer Gislason zeigte mehr Wertschätzung für die beiden als die Verbandsspitze. Er nominierte sie zuletzt zusammen, am vergangen Mittwoch war er in Melsungen vor Ort, um das Spiel gegen die Füchse anzuschauen (Hanning derweil nicht).

Ein Ziel haben beide so oder so: Bei Olympia wollen sie das Maximum erreichen - trotz einer Hammergruppe für Deutschland. "Wir wollen Gold holen. Wir fahren nicht dahin, um uns Tokio anzuschauen", sagt Reichmann. Und Kastening hat sich schon ausgemalt, was er nach einem erfolgreichen Ende machen würde. Er will Hanning die Hand schütteln und sagen: "So mein Junge, überleg es dir beim nächsten Mal, ob wir Melsunger die Mannschaft runterziehen oder ob wir nicht einen positiven Effekt auf die Mannschaft haben."

Wenn Hanning also für eine besondere Motivation für das Olympia-Turnier sorgen wollte, dann hat er das zumindest vollumfänglich geschafft.