Melsungen Finale

Die MT Melsungen verliert das Handball-Pokalendspiel absolut verdient gegen Lemgo und vergibt eine große Titelchance. Vier Knackpunkte waren entscheidend - und ausgerechnet ein Hesse auf der Gegenseite.

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Timo Kastening nach dem Finale
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Handballspiele werden nicht selten in letzter Sekunde entschieden, manchmal aber schon in der 17. Minute. Im Endspiel des DHB-Pokals zwischen Melsungen und Lemgo brachte in diesem Moment ein Personalwechsel die Wende zugunsten der Lemgoer.

Da kam Torwart Finn Zecher, ein 20-Jähriger aus Hessen, für Lemgo ins Spiel, um die Hessen aus Melsungen in die Verzweiflung zu treiben. Der Rookie zeigte in der Folge elf Paraden und schaffte eine starke Quote von 41 Prozent gehaltener Bälle. Nicht nur an ihm, sondern auch an der fantastischen Defensive von Lemgo scheiterten die Melsunger immer und immer wieder. Am Ende stand bei der ersten Finalteilnahme der Nordhessen eine absolut verdiente 24:28 (12:15)-Niederlage zu Buche.

Knackpunkt 1: Torwartleistung

Melsungens Vorstand Axel Geerken sagte hinterher: "Wir sind leer, das war eine große Chance, aber Lemgo hat besser gespielt als wir." Und fügte als Erklärung an: "Insgesamt haben wir nicht genügend Torwartleistung gehabt, die Deckung fand ich phasenweise ganz gut, im Angriff haben wir uns schwer getan. Die Lemgoer hatten eben die Torwartleistung."

Damit traf er einen Kern: Silvio Heinevetter und Nebojsa Simic hatten die Melsunger mit ihren Paraden noch am Donnerstag gegen Hannover ins Endspiel gehievt. Im Finale aber stahl ihnen der 20-Jährige Zecher eindeutig die Show.

Knackpunkt 2: Emotionalität

Doch das Torwartspiel war nur einer von vielen Punkten, in denen sich die Lemgoer viel besser präsentierten. Ein weiterer: die Emotionalität. Der von der Geschäftsstelle reaktivierte Lemgoer Christoph Theuerkauf pushte sein Team immer wieder nach vorne und schwang sich zum emotionalen Leader auf. Schon Monate zuvor hatte er seine Mitspieler in einer WhatsApp-Gruppe eingeschworen: "Wir werden Pokalsieger!"

Bei Melsungen hingegen bemerkte ARD-Experte Dominik Klein in der Mitte des zweiten Durchgangs: "Ihre Bank wirkt wie gelähmt." Kai Häfner von der MT wollte den Vorwurf der fehlenden Motivation allerdings nicht gelten lassen: "Wir waren alle heiß, aber du kommst in einen Strudel rein, in dem keine Angriffe mehr funktionieren. Wir hätten noch fünf Stunden spielen können", so Häfner bei Sky.

Knackpunkt 3: keine Kraft, kein Tempo

Der Rückraum mit Häfners Ideen und der Wucht von Julius Kühn war im Halbfinale noch das große Plus gewesen, doch Lemgo engte mit seiner flinken Defensive die Kreise der beiden Nationalspieler ein. Außerdem mussten diese der kraftraubenden Saison Tribut zollen - Häfner bat mehrmals um eine Pause im Finale. Die MT bestreitet gerade elf Spiele in 31 Tagen.

Richtig Tempo nahmen die Melsunger nie auf, sie kamen selbst im 7 gegen 6 nicht durch. Rechtsaußen Timo Kastening blieb für seinen Nationalmannschaftskollegen Tobias Reichmann draußen und verdrückte nach der Pleite bittere Tränen. Genau in dieser Situation zeigte sich der besondere Geist des Gegners: Lemgos Trainer Florian Kehrmann hockte sich zu Kastening und baute ihn auf. "Er ist so ein guter Junge. Handball-Deutschland wird an ihm noch viel Freude haben und er wird Titel gewinnen, da bin ich mir ganz sicher."

El balonmano nos ofrece estas imágenes. Timo Kastening llora desconsolado tras la derrota del Melsungen. Se acerca el entrenador rival, Florian Kehrman. Abrazo, palabras de consuelo y de ánimo. Espectacular.

[zum Tweet mit Bild]

Das Bild ging durch die Handball-Welt: Tweet eines spanischen Journalisten - "Der Handball bietet uns diese Bilder. Timo Kastening weint untröstlich nach der Niederlage mit Melsungen. Der Trainer des Gegners, Florian Kehrmann, umarmt ihn, tröstet ihn und spricht ihm Mut zu. Spektakulär."

Knackpunkt 4: Zusammenhalt bei Lemgo

Zum Sieg seiner Mannschaft sagte der Trainer: "Wir haben so einen guten Zusammenhalt, waren mit den Leuten von der Geschäftsstelle noch zusammen unterwegs, das ist so toll. Das kann man mit Geld nicht kaufen." Damit wollte der siegreiche Trainer beileibe nicht sticheln gegen die Melsunger und ihre kostspieligen Transfers.

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hessenschau vom 04.06.2021
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Doch augenscheinlich wurde in diesem Finale schon, dass die Melsunger trotz ihrer individuellen Klasse gerade im zweiten Durchgang gegen den "Underdog" klar unterlegen waren. Torwart Silvio Heinevetter, der sich noch ein Wortgefecht mit Mitspieler Domagoj Pavlovic lieferte, drückte die Resignation so aus: "15 Minuten vor Schluss war der Sieg für Lemgo schon klar. Sie haben alles besser gemacht als wir."

Nun steht das Hessenderby an

Am Sonntag spielen die Melsunger in der Liga nun im Hessenderby gegen Wetzlar - einen sowohl geografischen als auch tabellarischen Nachbarn (Sonntag, 16 Uhr). "Die Enttäuschung ist natürlich auch am Tag nach dem verlorenen Finale noch nicht verflogen. Aber natürlich werden wir das schnell abschütteln und den Fokus auf das Wetzlar-Spiel legen müssen", sagt Vorstand Geerken.

Doch egal wie die Saison ausgeht - dieser verpatzten Titelchance werden die Melsunger wohl noch lange nachtrauern. Auf die Frage, wie es mit der MT nun weitergehe, sagte Kai Häfner nach dem Finale: "Keine Ahnung."