Michael Allendorf

Vom Spieler zum Sportdirektor: Michael Allendorf hat bei der MT Melsungen die Rollen getauscht. Im Interview spricht er über den neuen Job, Sprüche von den alten Kollegen und die hohen Ziele der MT.

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Michael Allendorf über die Ziele der MT Melsungen

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hessenschau.de: Michael Allendorf, Sie kommen gerade von der Versammlung der HBL in Köln. Mussten Sie als neuer Funktionär in der Runde einen Einstand geben?

Michael Allendorf (lacht): Nein, es gab viele andere neue Geschäftsführer und Vorstände, von daher bin ich diesmal drum herumgekommen. Für mich war es spannend, viele Leute kennenzulernen und Themen wie den neuen TV-Vertrag oder das Ticketing zu besprechen. Schon in der Woche nach Saisonende bin ich mit Axel Geerken zum "Final Four" gefahren – es sind schon andere Reisen als die Auswärtsspiele als Aktiver.

hessenschau.de: Sie waren zwölf Jahre lang Spieler der MT Melsungen, nun sind Sie neuer Sportdirektor und sollen "das Gesicht" der Mannschaft bestimmen. Wie sieht Ihre Rolle genau aus?

Allendorf: Das Gesicht der Mannschaft ist schwierig an einer Person festzumachen. Wichtig ist, dass ich eng mit unserem Trainer Roberto Garcia Parrondo zusammenarbeite. Ich mag nicht den größten Namen in der Branche haben, aber durch meine zwölf Jahre hier habe ich ein Gespür dafür, wie eine erfolgreiche MT-Mannschaft aussehen kann. Wir wollen alles zusammen daran setzen, erfolgreicher zu sein.

hessenschau.de: Die vergangene Saison verlief enttäuschend, beim letzten Heimspiel gab es Pfiffe gegen Vorstand Axel Geerken. Nun übernehmen Sie einen Teil seiner Aufgaben. Da liegt es nahe, einen Zusammenhang herzustellen.

Allendorf: Dem ist aber nicht so; das eine hängt überhaupt nicht mit dem anderen zusammen. Wir haben uns schon vor der letzten Saison zusammengesetzt und überlegt, wie es für mich im Verein weitergehen kann. Ich habe in der gesamten Saison in unterschiedliche Bereiche reingeschnuppert, sei es beim Marketing, im Online-Shop oder woanders. Natürlich war mein Wunsch, im sportlichen Bereich zu bleiben – aber das hat sich erst entwickelt.

hessenschau.de: Warum wurde Ihr neuer Posten nicht schon bei Ihrer Verabschiedung als Spieler verkündet?

Allendorf: Das war eine bewusste Entscheidung von mir: Ich wollte 100 Prozent Abschied nehmen als Spieler, darauf sollte an diesem Tag der Fokus liegen. Der Verein hat das auch so gesehen.

hessenschau.de: Wie sehen die Spieler nun Ihren Ex-Kollegen Michael Allendorf in der Rolle als Vorgesetzten?

Allendorf: Da gab es natürlich schon Sprüche während der Runde. Natürlich hat sich meine Rolle verändert, aber ich will die Spielerrolle auch nicht vergessen. Die Jungs sollen ja weiterhin Vertrauen zu mir spüren und mir Dinge sagen, die sie nicht unbedingt mit dem Vorstand besprechen würden.

hessenschau.de: Sie sollen schon in aktuelle Personalentscheidungen involviert gewesen sein. Welche waren das?

Allendorf: Bei den Abgängen habe ich mich rausgehalten. Die Jungs waren schließlich noch meine Kollegen, da hätte ich nicht über ihre Vertragssituation mitentscheiden können. Aber beispielsweise bei unserem Neuzugang Rogerio Moraes habe ich schon Gespräche mit den Beratern geführt und war an der Anbahnung des Transfers beteiligt. Ich setze mich auch mit den Spielern zusammen, erkläre ihnen, was wir hier vorhaben und was die MT zu bieten hat.

hessenschau.de: In Handball-Deutschland ist die landläufige Meinung klar, was die MT zu bieten hat.

Allendorf: Ich weiß, was Handball-Deutschland über uns denkt. Aber wir haben auch andere Vorteile, für die wir stehen: Viele Spieler haben sich auch bewusst für uns entschieden, weil sie so von unserem Trainer überzeugt sind. Natürlich mag es hier finanzielle Anreize geben, aber wir verfügen auch über unglaubliches Potenzial. Die Spieler wissen, was sie in Melsungen sportlich bewegen können.

hessenschau.de: Wird es noch weitere Zu- oder Abgänge geben?

Allendorf: Bei den Abgängen ist alles bereits offiziell, da wird nichts mehr passieren. Wir haben noch den einen oder anderen Zugang eingetütet, den wir in den kommenden Wochen verkünden werden.

hessenschau.de: Welche Ziele verfolgen Sie in der kommenden Saison?

Allendorf: Zwei Ziele liegen mir am Herzen: Zum einen wollen wir kontinuierlich international spielen. Das hätte in der abgelaufenen Saison schon mit einer durchschnittlichen Leistung machbar sein können, aber das haben wir nicht hinbekommen. In der kommenden Saison wird es nicht leichter werden, wenn Teams wie die Rhein-Neckar Löwen zu alter Stärke finden. Doch die europäischen Ränge müssen einfach unser Anspruch sein. Zweitens wollen wir mehr von unserer guten Jugendarbeit profitieren und Talenten Spielzeit verschaffen.

hessenschau.de: Wie wollen Sie die Atmosphäre in Melsungen drehen? Der Saisonabschied wurde mit reichlich Misstönen gegenüber dem Vorstand begleitet.

Allendorf: Klar, das letzte Heimspiel verlief durch die Pfiffe nicht schön. Aber man darf es auch nicht überbewerten, viele Fans waren auch anderer Meinung. Dass abgehende Spieler nicht immer glücklich sind, ist auch normal. Der Schlüssel bei uns liegt beim Trainer. Roberto Garcia Parrondo ist ein hervorragender Coach – wir müssen ihm Zeit geben. Nur durch die Kontinuität auf der Trainerposition können wir zu Stärke finden und der Mannschalt Halt geben, das kann ich aus meiner Erfahrung als Spieler sagen. Und auch wenn es sich aus meinem Mund als Ex-Spieler komisch anhört: Die Mannschaft ist gefordert.

hessenschau.de: Was muss sich ändern? Der Vorwurf an die MT lautet: Große individuelle Klasse, aber keine Ausgewogenheit im Team, zu wenig "go-to guys", die Verantwortung übernehmen.

Allendorf: Das sehe ich genauso. Wir brauchen mehr Spieler der genannten Kategorie. Nur: Die können wir nicht auf Teufel komm raus kaufen. Es gibt genügend Spieler, die sich bei uns dazu entwickeln können. Potenzial haben wir genug im Kader. Mit unserem Trainer wollen wir es entfalten.

Das Gespräch führte Ron Ulrich.