Melsungens Rechtsaußen Timo Kastening trifft im Pokalhalbfinale auf seinen Ex-Verein Hannover-Burgdorf. Seine ehemaligen Kollegen will er in den Heidepark schicken - und den eigenen Fans viel zurückgeben.

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Es ist das Spiel des Jahres für den Klub: Im Halbfinale des DHB-Pokals trifft die MT Melsungen am Donnerstag in Hamburg auf die TSV Hannover-Burgdorf (Anwurf 19.30 Uhr). Nationalspieler Timo Kastening spricht im Interview über das besondere Spiel für ihn persönlich, die Rückkehr der Fans und die Gründe für die durchwachsene Saison der MT.

hessenschau.de: Timo Kastening, haben Sie als Kabinen-DJ schon eine Playlist für das anstehende Final Four zusammengestellt?

Timo Kastening: Nein, das mache ich immer auf dem Weg zu den Spielen und lasse mich von der Stimmung inspirieren. Die Auswahl variiert schon häufiger, aber "Enter sandman" und "Auf gute Freunde" sind als Motivationssongs schon immer in der Auswahl.

hessenschau.de: Ihr Teamkollege Tobias Reichmann ist bekennender Schlager-Fan. Gibt er Musikwünsche bei Ihnen ab?

Kastening: Ich versuche schon, Schlager für ihn einzubauen - aber das passt eher besser nach dem Spiel. Ich bekomme schon einige Wünsche und kann nun den DJ in der Disco verstehen, wenn er die Songwünsche nicht berücksichtigt. Manchmal wird es echt zu viel (lacht.)

hessenschau.de: Ihr Team sorgte auf der Platte in dieser Saison für ungewollte Abwechslung. Die MT fand nie die nötige Konstanz. Woran liegt das?

Kastening: Ich habe keine einfache Erklärung für diese Leistungsschwankungen bei uns - und auch bei mir. Im Endeffekt haben sie mit Mentalität und Charakter zu tun. Aber nicht falsch verstehen: In Bezug auf den Trainingsfleiß und die Spielvorbereitung gibt es keine Zweifel an uns, da sind wir alle sehr gewissenhaft. Es ist nur so, dass wir die Crunch-Time-Spieler vermissen lassen, die sagen: Ich ziehe den Laden, wenn es nicht so läuft.

hessenschau.de: Es fehlen Anführer?

Kastening: Vielleicht eher Chefs in den jeweiligen Momenten. Die kritischen Phasen, die wir hatten, gibt es bei jeder Mannschaft. Aber so Typen wie Jim Gottfridsson oder Domagoj Duvnjak reißen dann das Team mit. Bei uns hat sich da noch keiner herauskristallisiert, und da schließe ich mich ein. Wir Spieler müssen bei der MT dahin kommen zu denken: Nicht nur ich bringe mein Spiel gut zu Ende, sondern wir alle als Team. Letztendlich müssen wir auch wachsen und uns einspielen.

hessenschau.de: War das auch der Grund für die klare Niederlage gegen Flensburg?

Kastening: Das Spiel würde ich ausklammern, weil uns da komplett der Stecker gezogen wurde und wir gar nicht mehr zurück kamen.

hessenschau.de: Beim Sieg in Coburg am Sonntag leitete nun sogar Ihr Trainer einen Angriff (regelkonform von außen) quasi mit ein. Vielleicht wird er der Crunch-Time-Spieler der MT?

Kastening: Ja, das Temperament dafür bringt er in jedem Fall mit. Lassen wir uns mal überraschen: Vielleicht steht er am Donnerstag auf dem Bogen (lacht.)

hessenschau.de: Sie spielen am Donnerstag gegen Ihren Ex-Klub Hannover, mit dem Sie sich damals für das Turnier qualifiziert hatten. Ist das nicht eine komische Situation für Sie?

Kastening: Ja, definitiv. Normalerweise hätte ich eines meiner letzten Spiele für Hannover im Pokalhalbfinale gegen Melsungen spielen sollen - nun kommt es andersrum. Es gab da im Vorfeld schon den einen oder anderen Spruch, aber mit dem Beginn des Spiels zählt es für mich gar nicht mehr, gegen wen es ich antrete. Ich habe richtig Bock, komme über die Emotionen und hitzige Zweikämpfe ins Spiel. Da werde ich keine Rücksicht darauf nehmen, dass es gegen meinen Ex-Verein geht.

hessenschau.de: Welche Sprüche gab es?

Kastening: Am Montag habe ich mich noch mit meinen Ex-Mitspielern Nejc Cehte und Urban Lesjak getroffen. Ich habe sie gefragt, ob sie den Heide Park kennen. Dann meinte ich: "Ist schön da, in der Nähe von Hamburg. Da könnt ihr am Freitag hin." (Anm. der Red.: Das Final Four findet in Hamburg statt, am Donnerstag spielen Hannover und Melsungen das Halbfinale aus, das Finale steigt am Freitag)

hessenschau.de: Wer ist der Favorit im Spiel?

Kastening: Schwierig zu sagen, die Chancen stehen 50:50. Hannover ist eingespielter als wir. Das soll keine Ausrede sein, aber Spieler brauchen eben Zeit, um ein System zu verinnerlichen. Pep Guardiola benötigte bei Man City auch Zeit, um seine Vorstellungen umzusetzen. Allerdings ist unsere individuelle Klasse höher und von daher können wir auf jeden Fall gewinnen.

hessenschau.de: Erstmals sind wieder Zuschauer dabei. Müssen Sie sich als Spieler darauf neu einstellen?

Kastening: Ich glaube schon, dass wir uns ein bisschen daran gewöhnt haben, in einer leeren Halle zu spielen. Aber wir freuen uns mega drauf. Meine Eltern und meine Freundin werden dabei sein, und es ist das erste Mal, dass sie mich überhaupt im Melsungen-Trikot live spielen sehen.

hessenschau.de: Die Aufsichtsratsvorsitzende Barbara Braun-Lüdicke sagte nach der Pleite gegen Flensburg, dass das Final Four auch eine Wiedergutmachung sein könnte. Ist das für Sie ein besonderer Ballast?

Kastening: Ja und nein. Wenn es am Donnerstag los geht, ist mir alles total egal, was vorher war. Aber wir wissen eben auch als Mannschaft, dass wir bislang keine super Saison gespielt haben. Wir können den Fans, dem Umfeld und den Menschen im Klub ganz viel zurückgeben. Das haben sie alle verdient. Und das sollte unser Ansporn sein.

Das Gespräch führte Ron Ulrich.