Nico Robinson

Nico Robinson steht bei der TuS Dotzheim in der Oberliga im Handball-Tor. Noch. Denn nach der Corona-Pause geht es für ihn zum norwegischen Spitzenklub Elverum Handball.

Es gibt wenige Dinge, die so zutiefst amerikanisch sind wie die "Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär"-Legende. Mit viel Arbeit, Fleiß und einer kleinen Portion Glück, heißt es, kann man sich hoch und noch höher arbeiten, bis sie dann kommt, die eine Chance des Lebens, und dann wird er wahr, der amerikanische Traum.

In den USA des Jahres 2020 ist von diesem Traum nicht mehr allzu viel übrig, im Sport jedoch gibt es diese Once-in-a-Lifetime-Geschichten immer noch. Bester Beweis: Nico Robinson, seines Zeichens Handball-Torwart bei der TuS Dotzheim. Dort, im beschaulichen Wiesbadener Ortsteil, steht Robinson an den Wochenenden zwischen den Pfosten, spielt auf solidem Oberliga-Niveau und macht nebenher eine Ausbildung zum Versicherungs- und Finanzkaufmann. Die Gegner heißen ESG Gensungen/Felsberg oder HSG Kleenheim/Langgöns, gespielt wird in unglamourösen Mehrzweckhallen. Nach ganz großer Karriere sieht das eigentlich nicht aus. Eigentlich.

"Das ist eine riesengroße Chance"

Denn Robinson legt gerade einen Karrieresprung hin, der spektakulärer kaum sein könnte. Champions League statt Oberliga, Barcelona und Paris statt Gensungen oder Langgöns, Profikarriere statt Bürojob: Sobald die Corona-Krise überstanden ist, wechselt Robinson aus Dotzheim zum Spitzenklub Elverum Handball in die erste norwegische Liga. "Das ist eine riesengroße Chance", so Robinson.

Eine Chance, bei der der US-amerikanische Handballverband seine Finger im Spiel hatte. In den USA ist Handball nämlich allerhöchstens eine Randsportart. Die Nationalelf spielt international nicht einmal eine Nebenrolle, als größter Erfolg gilt ein 16. Platz bei der Handball-WM 1974. Für ein Land wie die USA, in dem Sport oft mehr ist als Sport, natürlich ein unhaltbarer Zustand.

"Der Verband hat das organisiert"

Weswegen der US-Verband seit einigen Jahren größere Anstrengungen unternimmt, den Anschluss an das internationale Leistungsniveau herzustellen, mit dem Fernziel der Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles. Mit Robert Hedin wurde ein anerkannter Fachmann als Trainer der Nationalmannschaft installiert, der im Ausland explizit nach Talenten sucht, die auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft haben. So wie Robinson, dessen Vater Amerikaner ist.

Entsprechend wurde Robinson vom US-Verband gescoutet und schließlich eingeladen, "eine große Ehre", so Robinson. Die U21-WM 2019 hat er seither ebenso gespielt wie die Panamerikanischen Meisterschaften. Und sich damit offenbar für höhere Aufgaben empfohlen. Nicht nur hütet der 21-Jährige mittlerweile das Tor der A-Nationalmannschaft, er ist auch für ein Programm des Verbandes ausgewählt worden, über das talentierte amerikanische Handballer an internationale Spitzenklubs vermittelt werden, um dort bestmöglich gefördert zu werden. "Der Verband hat das organisiert, es ist für alles gesorgt, Unterkunft, Bezahlung, Verpflegung."

"Das Niveau ist sehr hoch, es geht richtig zur Sache"

In Robinsons Fall ist der entsprechende Klub Elverum Handball, ein norwegischer Spitzenverein und Champions-League-Dauergast, dessen Briefkopf sich mit zehn Meisterschaften nicht weniger stolz liest als jener der THW Kiel oder der HSG Flensburg. Ein riesiger Sprung, weswegen das Programm auch längerfristig angelegt ist. "Ich unterschreibe für zwei Jahre. Im ersten Jahr soll ich mich an alles gewöhnen, die Sprache lernen und mich in der Reserve an das Niveau gewöhnen. Im zweiten Jahr soll ich dann im Idealfall bei der ersten Mannschaft sein."

Ein Jahr akklimatisieren, dann durchstarten. So zumindest der Plan. Robinson ist selbst gespannt, wie weit es für ihn geht, wo seine Leistungsgrenze ist. "Im März war ich für zwei Tage in Elverum. Abends habe ich mir ein Spiel der ersten Mannschaft angesehen. Das Niveau ist sehr hoch, es geht richtig zur Sache. Am zweiten Tag habe ich mit der Reserve trainiert. Das war eine gute Einheit für mich, ich habe mich ordentlich präsentiert."

"Vielleicht stehe ich dann ja wirklich mal in der Champions League auf der Platte"

Das Spiel, das er in Elverum verfolgte, war ein Corona-bedingtes Geisterspiel, wenig später wurde die Liga ausgesetzt. Seither wartet Robinson sehnsüchtig darauf, dass wieder Normalität eintritt, die Grenzen wieder öffnen und er nach Norwegen fliegen und den Vertrag unterschreiben kann. Und dann? Wird er vielleicht wahr, der amerikanische Traum, mit viel Arbeit, Fleiß und einer kleinen Portion Glück. "Vielleicht stehe ich dann ja wirklich mal in der Champions League auf der Platte. Oder bei Olympia. Das wäre ein absoluter Traum."