Mehrkämpfer Andreas Bechmann
Andreas Bechmann muss in Glasgow auf seine bunten Socken verzichten. Bild © Imago Images

Die Hallen-Europameisterschaften in Glasgow sind für den Frankfurter Andreas Bechmann bisher das absolute Karriere-Highlight. Der Mehrkampf-Newcomer wurde überraschend nominiert, muss das Debüt aber ohne Glücksbringer überstehen.

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"Ich ziehe den letzten Schritt immer zu lang und heble mich dadurch raus." Der große junge Mann mit den braunen Haaren macht verärgert einen weiten Schritt nach vorne, um seinem Trainer das Problem zu demonstrieren. Der nickt, schaut aufs Tablet in seiner Hand und sieht sich den Hürdenlauf von Andreas Bechmann noch mal in aller Ruhe an.

So läuft das regelmäßig im Trainingszentrum der beiden in Frankfurt-Kalbach, denn Bechmann ist ein Perfektionist. Im Training wird jede Technik analysiert, immer mit dem Ziel Fehler auszumerzen, sich dem perfekten Lauf, dem perfekten Wurf, oder dem perfekten Sprung zu nähern. "Ich bin ein Athlet, der unheimlich selbstkritisch ist und dazu neigt, zu viel zu denken“, gibt der 19-Jährige zu. Damit ihm das im Wettkampf nicht im Wege steht, hat der Mehrkämpfer einen Trick. Aus seinen Sportschuhen lugen knallbunte Socken hervor. "Ich habe mir die extra gekauft, weil die einfach so schön lächerlich aussehen", lacht er. "Wenn ich im Wettkampf runter auf meine Füße gucke, muss ich grinsen. Das holt mich wieder zurück und hilft mir, nicht zu verkrampft an die Sache ranzugehen."

Deutscher Meister mit 19 Jahren

In solchen bunten Strümpfen ist der gebürtige Frankfurter vor kurzem überraschend Deutscher Hallen-Mehrkampfmeister geworden. In Halle an der Saale schockte er die zum Teil wesentlich ältere Konkurrenz, in dem er sieben persönliche Bestleistungen aufstellte. Im Gegensatz zum Freien, wo es den Zehnkampf gibt, hat der Mehrkampf in der Halle nur sieben Disziplinen – mehr ging also nicht! "Der Wettkampf war echt der Wahnsinn", reflektiert der Newcomer. "Ich wusste im Vorfeld, dass es schwer werden würde, aber ich bin ganz entspannt an die Sache ran gegangen. Und so hat’s funktioniert! Ich konnte ganz frei das umsetzen, was ich trainiert habe."

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Bechmann in Glasgow

Andreas Bechmann startet am Samstag und Sonntag im Siebenkampf (02.03./03.03.). Tag eins besteht aus den Disziplinen 60 Meter, Weitsprung, Kugelstoßen und Hochsprung. An Tag zwei stehen 60 Meter Hürden, Stabhochsprung und der abschließende 1.000 Meter-Lauf an.

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Dass er jetzt aber nach Glasgow zu den Europameisterschaften fährt, damit hätte wohl niemand gerechnet. Grund für die Nominierung ist der verletzungsbedingte Ausfall von Zehnkampf-Europameister Arthur Abele. "Als der Anruf vom Bundestrainer kam, war ich echt überrascht. Ich hatte die EM gar nicht auf dem Schirm und war gedanklich schon in der Pause", erzählt der Management-Student, den sein Wettkampf in Halle in die vorderen Ränge der europäischen Bestenlisten gespült hat.

Plötzlich nominiert: "Ich war gedanklich schon in der Pause"

"Er ist 19 Jahre alt und mit 19 Jahren bei einer Europameisterschaft im Mehrkampf teilzunehmen, das ist schon ungewöhnlich", sagt auch sein Trainer Jürgen Sammert. Seit anderthalb Jahren ist das Talent nun bei ihm in der Trainingsgruppe und reift dort merklich zum Profi. Kein Wunder, er hat gute Gesellschaft: Auch Vize-Weltmeisterin Carolin Schäfer trainiert bei Sammert.

"Mich erinnert Andreas an mich selbst, ganz zu Anfang meiner Karriere", sagt die Siebenkämpferin schmunzelnd über den acht Jahre jüngeren Trainingskollegen. "Noch ist er etwas ungestüm, deshalb sehe ich mich da in der Rolle, ihm mit Tipps zur Seite zu stehen und Orientierung zu geben." Ihr Tipp für die EM dürfte einfach ausfallen: das Highlight genießen und die Etablierten ärgern.

Strenge Kleidervorschriften bei der Nationalmannschaft

"Auf einmal steht man mit seinen Idolen aus dem Fernsehen auf der Bahn, das ist schon verrückt. Ich will aber ganz entspannt bleiben", nimmt sich Bechmann für Glasgow vor. "Es sind die besten zwölf Mehrkämpfer Europas am Start und ich darf mich jetzt schon als einer von ihnen sehen."

Ausgerechnet bei seinem bisherigen Karriere-Highlight muss der Youngster aber auf seine bunten Glückssocken verzichten. Die Kleidervorschriften der Nationalmannschaft erlauben keine privaten Socken. Doch daran soll das EM-Debüt von Andreas Bechmann nicht scheitern: "Dann ist es eben an meinem Trainer mich runterzuholen. Der ist die Ruhe in Person."

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Weitere Hessische Starter bei der EM

Rebekka Haase (Sprintteam Wetzlar), Kevin Kranz (Sprintteam Wetzlar, beide 60 Meter), Amos Bartelsmeyer (LG Eintracht Frankfurt), Florian Orth (gebürtig aus Treysa), Sam Parsons (LG Eintracht Frankfurt, alle 3.000 Meter), Katharina Bauer (gebürtig aus Wiesbaden, Stabhochsprung), Sara Gambetta (gebürtig aus Lauterbach, Kugelstoßen)

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