Imago Degenkolb

Bei der 106. Tour de France ist John Degenkolb nicht dabei. ARD-Kommentator Florian Naß erklärt im Gespräch, warum das für das Team riskant sein könnte, welche Chancen Tony Martin auf einen Etappensieg hat und was sein persönliches Highlight ist.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Radsportexperte Naß über Martin: "Er ist ein Goldstück in jeder Mannschaft"

Florian Naß und Tony Martin in der Kommentatorenkabine.
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Vor dem Start der Tour der France wirft ARD-Radsportexperte und Tour-Kommentator Florian Naß einen Blick auf die Chancen eines hessischen Etappensieges, verrät, warum Tony Martin so wertvoll für jedes Team ist und was hinter der Nichtberücksichtigung von John Degenkolb steckt.

hessenschau.de: Florian, nach dem Aus von John Degenkolb ist Tony Martin die letzte hessische Hoffnung. Wie wird seine Rolle bei der Tour sein?

Florian Naß: Er hat Arbeit ohne Ende. Das große Ziel seiner Mannschaft Jumbo-Visma ist, bei der ersten Etappe am Samstag das Gelbe Trikot zu holen. Wer Tony Martin abseits des Zeitfahrens vor Augen hat, der weiß, dass er wie ein Tier für sein Team arbeitet. Seine vornehmliche Aufgabe wird sein, den Zug zusammenzuhalten, damit keine Konkurrenten wegfahren können. Sollten sie das Gelbe Trikot holen, ist er am Sonntag beim Mannschaftszeitfahren die Zugmaschine. Dann wird es darum gehen, das Gelbe Trikot zu verteidigen. Tony ist eine Art Kapitän und leitet seine Mannschaft an. Er ist ein Goldstück in jeder Mannschaft und total begehrt aufgrund seiner Erfahrung, seiner Übersicht im Rennen und der Stärke im Zeitfahren. Aber: Er wird sich ärgern, weil es bei der diesjährigen Tour so wenig Zeitfahrkilometer gibt …

hessenschau.de: … und deshalb beim einzigen Einzelzeitfahren auf der 13. Etappe am 19. Juli  alles in die Waagschale werfen und auf Sieg fahren?

Florian Naß

Naß: Ja, er fährt immer volle Pulle. Aber in den letzten Jahren waren die Zeitfahren immer mit Steigungen gespickt. Das ist genau das, was Tony als großgewachsener und damit schwerer Fahrer nicht mag. Er mag es flach und lang. Wie auch andere Zeitfahrspezialisten hätte er es verdient, dass es bei der Tour mal wieder einen Zeitfahrkurs gibt, der ihren Fähigkeiten entgegenkommt.

hessenschau.de: Auf welcher Etappe hätte Martin eine Chance, in eine Ausreißergruppe zu kommen?

Naß: Das ist die fünfte Etappe, nach Colmar. Das wäre auch deshalb gut, weil da viele deutsche Fans an der Strecke stehen. Es ist eine Frage der Mannschaftstaktik. Wenn sein Team am Samstag das Gelbe Trikot holt, hat er keine Chance, auf eigene Kappe zu fahren. Dann muss er seinen Mann im Gelben Trikot verteidigen. Sein Job ist sehr von Taktik geprägt. Aber er ist so erfahren, er kennt den Moment und weiß, wann es sich lohnt. Und eine Fluchtgruppe wird Tony Martin als Motor immer gern mitnehmen. Ich glaube schon, dass er da sein Glück suchen wird.

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hessenschau.de: Der Oberurseler John Degenkolb ist in diesem Jahr von seinem Team Trek-Segafredo nicht berücksichtigt worden. Was steckt dahinter?

Naß: Mich hat es überrascht, weil sie mit Degenkolb den Fahrer zu Hause lassen, der im vergangenen Jahr die spannendste Etappe – die nach Roubaix – gewonnen hat. Er hat eine enorme Reputation und ist ein Star der Radsport-Szene. Einen solchen Mann zu Hause zu lassen, halte ich für gewagt. Das Team Trek-Segafredo argumentiert , dass sie auf Richie Port setzen. Das ist ein Gesamtklassementfahrer, stand aber noch nie auf dem Podium und hat noch nicht gezeigt, dass er ein Siegkandidat ist.

Sie haben außerdem einen Fahrer dabei, der eine ähnliche Charakteristik hat wie John – den nimmt man mit, John lässt man zu Hause. Es muss etwas anderes dahinterstecken. Sein Vertrag läuft nach zwei Jahren aus, er wird das Team aller Voraussicht nach verlassen. Neue Verträge werden laut Reglement erst nach der Tour veröffentlicht. John wird mutmaßlich nach Belgien wechseln zu Lotto-Soudal. Eine Art Verärgerung darüber könnte der Grund sein, ihn nicht mit zur Tour zu nehmen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Radsportexperte Naß über Degenkolb: "Fehler, ihn nicht mitzunehmen"

Florian Naß
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hessenschau.de: Du kennst John Degenkolb seit vielen Jahren. Wie geht er damit um?

Naß: Er ist ein Profi, deshalb geht er loyal damit um. Er muss es akzeptieren, aber es ärgert ihn. John Degenkolb weiß, dass die Tour de France die große Bühne ist. Da will man dazugehören. Ich bin mir sicher, dass ihn das sehr schmerzt. Aber dass er das nicht äußert, zeigt seine Professionalität.

hessenschau.de: Degenkolb ist nicht der einzige Star, der nicht dabei sein wird. Chris Froome vom Team Ineos ist verletzt, Mark Cavendish von Dimension Data ebenfalls nicht berücksichtigt. Was wird das aus Deiner Sicht für eine Tour in diesem Jahr?

Naß: Es wird eine sehr spannende Tour. Ineos, ehemals Sky, muss auf Froome verzichten, ist aber mit Vorjahres-Gesamtsieger Geraint Thomas und Edelhelfer Egan Bernal aus Kolumbien trotzdem doppelt gut besetzt. Aus deutscher Sicht setze ich darauf, dass Emanuel Buchmann von Bora-hansgrohe es schafft, in die Top Ten zu fahren. Das hat es sehr lange nicht gegeben und wäre ein toller Erfolg. Bei den deutschen Fahrern gibt es einen Generationswechsel, es kommen Fahrer wie Maximilian Schachmann und Lennart Kämna, zudem ist Nils Pollit DIE Entdeckung der letzten beiden Jahre. Wir werden viel Spaß an den Fluchtgruppen haben. Da ist aus deutscher Sicht viel Qualität unterwegs.

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hessenschau.de: Worauf freust du Dich in den nächsten Wochen bei der Tour am meisten?

Naß: Die Arbeit am Mikrofon ist meine Leidenschaft. Die Zuschauer über ein faszinierendes Sportereignis zu informieren, zu unterhalten. Aber die Tour de France ist mehr als Sport. Sie ist Kultur, Historie und ein Stück deutsch-französischer und auch europäischer Geschichte. Es ist ein großes Stück Europa. Und dazu passt, dass die Tour de France in Brüssel startet.

Das hat den Grund, dass Eddy Merckx vor 50 Jahren das erste Mal die Tour gewonnen hat. Was für mich die Faszination ausmacht, ist, jeden Kilometer der Strecke morgens ab acht Uhr abzufahren und die Menschen am Straßenrand zu sehen, wie sie auf die Tour warten. Da regt sich kein Mensch auf, dass die Straßen gesperrt sind. Für alle ist es eine Ehre, dass die Tour vorbeikommt. Wer das gesehen hat, der wird verstehen, dass die Tour de France und der Radsport weiter eine große Faszination ausmachen. Das reißt einen mit.

Das Gespräch führte Ann-Kathrin Rose