Ein Ball fliegt ins Tor (von einer Position hinter dem Tor fotogafiert). Der Tormann liegt nach seinem Abwehrversuch auf dem Boden und schaut ihm nach. Dahinter der Fußballer, der den Bal geschossen hat.

Die Blindenfußballer der Sportfreunde Blau-Gelb Blista Marburg starten als Titelanwärter in die neue Bundesliga-Saison. Einfach wird es gegen die Konkurrenz aber nicht.

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zum Video Marburg jagt Titel Nummer sechs

Stürmer Alican Pektas zieht im Training gegen Henrik Stall ab.
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Stürmer Alican Pektas ist von Geburt an blind. Das hindert ihn nicht daran, am Ball zu zaubern. Der 28-Jährige dribbelt im Training auf zwei Verteidiger zu, tritt kurz auf den Ball, ändert die Richtung, und hat so freie Bahn zum Tor. Schuss, der Torwart hält. Wie geht das? So sensationell Fußball zu spielen, ohne etwas zu sehen? "Das hat weniger mit dem Sehen zu tun, sondern eher mit einem gewissen Ballgefühl", sagt Pektas. "Ich glaube auch, dass sehende Fußballer ab einem fortgeschrittenen Stadium nicht mehr auf den Ball schauen, sondern nur nach dem Ballgefühl handeln."  

Die Spieler in der Blindenfußball-Bundesliga sind blind, wie Alican Pektas, oder sehen nur noch sehr wenig. Damit alle die gleiche Chance haben, müssen diese Spieler Dunkel-Brillen tragen. Beim Blindenfußball kommt es aufs Hören an. Im Ball sind Rasseln, damit die Spieler genau mitbekommen, wo er gerade ist. Und es wird während eines Spiels enorm viel kommuniziert: Wer sich dem ballführenden Spieler nähert, muss immer wieder laut "voy" rufen – das ist spanisch für "ich komme" – damit die Spieler nicht zusammenstoßen. Hinter den Toren stehen Guides, die den Stürmern zurufen, wo das Tor steht. Die Abwehr organisiert lautstark der Torwart, der sehen kann. Das Mittelfeld bekommt Infos vom Trainer an der Seitenlinie. 

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Training bei den Sportfreunden Blau-Gelb Marburg
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Torwart mit blauen Flecken 

Seit ein paar Wochen trainiert der 24-jährige Keeper Henrik Stall bei den Marburger Blindenfußballern mit. Er kann sehen, anders hätte der Neuling aber auch keine Chance, die wuchtigen Schüsse erfahrener National- und Bundesligaspieler zu halten. "Anfangs dachte ich, das kann ja nicht so schlimm sein", sagt Stall mit einem Lächeln. "Aber der Ball ist kleiner und schwerer als ein normaler Fußball und als ich den abbekam, hatte ich ein paar blaue Flecke." 

Einen besonders strammen Schuss hat sein Mitspieler Taime Kuttig. Der 29-Jährige arbeitet hart für den Erfolg. Das Training an diesem verregneten Abend auf einem Kleinfeld-Platz in Marburg-Cappel ist schon seine dritte Einheit des Tages. Das Leben eines Blindenfußballers auf diesem hohen Niveau ist anstrengend, sagt Kuttig: "Man ist arbeiten, kommt dann abends nach Hause, macht sein Training, muss noch was essen, dann geht’s ins Bett und am nächsten Morgen muss man wieder früh aufstehen." Am Wochenende könne man auch nicht ausspannen. "Da hat man dann Ligabetrieb, Nationalmannschaft, Trainingslager und so weiter - das ist schon heavy." 

Drei Favoriten auf den Titel 

Acht Mannschaften kämpfen ab dem 21. August um die Meisterschaft. Die Blindenfußballer des FC St. Pauli, des Rekordmeisters MTV Stuttgart und der Sportfreunde Blau-Gelb Blista Marburg werden den Titel wahrscheinlich unter sich ausmachen. Marburgs Trainer Felix Mania sieht St. Pauli und Stuttgart als Top-Favoriten, da sein Team in der vergangenen Saison gegen beide Mannschaften verloren hat. Marburg wurde nur Dritter. "Wir haben aber Zuwachs bekommen durch Hasan Koparan, er ist ein weiterer Nationalspieler in unseren Reihen", so der 23 Jahre alte Trainer. "Insofern brauchen wir uns vor niemandem zu verstecken und wollen natürlich voll angreifen und um den Meistertitel mitspielen." 

Stürmer Pektas wird angesichts der Niederlagen der vergangenen Saison gegen St. Pauli und Stuttgart noch konkreter: "Wir sind schon in der Pflicht, diese Spiele zu gewinnen, um tatsächlich ganz oben mitzuspielen." Aber Titel hin oder her – Blindenfußball zu spielen allein gibt dem blinden Pektas ein Gefühl von Freiheit. "Weil man eben nicht darauf achten muss, dass irgendwelche Alltagshindernisse umwunden werden müssen." Der Fußballplatz ist für den 28-Jährigen ein Ort, an dem er den Kopf freibekommt. "Hier steht nicht die Behinderung, sondern der Sport im Vordergrund. Und das ist ja eigentlich das, wonach man streben sollte."