Noemi Ristau

Mit knapp 100 Kilometern pro Stunde schießt Noemi Ristau die Skipisten runter, aktuell fährt die Marburgerin um Gold beim Weltcup. Das Besondere dabei: Sie ist blind.

Es passiert nicht mehr oft, aber manchmal gibt es sie noch, diese Momente. Dann steht Noemi Ristau oben auf dem Berg, den Wind um die Nase und zu ihren Füßen eine Skipiste, die sie nicht sieht, ein nervöses Kribbeln im Magen und leicht zitternde Knie, und dann denkt sie: "Bist du eigentlich bekloppt?"

Zugegeben, bei den Pisten, die Ristau runterjagt, würden die allermeisten Skifahrer Bammel bekommen. Das Besondere aber: Ristau ist fast blind. Diagnose Morbus Stargardt, eine seltene Erbkrankheit, die 29-Jährige verfügt über gerade zwei Prozent Sehkraft. "Ich merkte in der Schule, dass ich nicht mehr flüssig lesen konnte. Ein Jahr lang wusste niemand, was das ist. Dann kam die Diagnose."

Morbus Stargardt betrifft vor allem das zentrale Sehfeld, ist nicht heilbar. "In der Mitte sehe ich nichts mehr, außen sind schwarze Flecken, Löcher in der Netzhaut." Nur wenn das Licht ideal fällt und sie einen guten Tag hat, kann sie noch Schemen erkennen. Und damit die Piste runter? Selbstverständlich. "Und wenn ich unten bin, weiß ich auch wieder, wofür ich es gemacht habe", lacht sie.

Kommandos über Headset

Und die Marburgerin hat gut lachen. Ristau ist aktuell Deutschlands erfolgreichste Para-Skifahrerin, ein Profi, die Pisten mittlerweile ihr Alltag. Gemeinsam mit Guide Paula Brenzel tritt sie in den Disziplinen Slalom, Riesenslalom, Super-G und Abfahrt an, aktuell fahren sie beim Euro- und Weltcup im Slalom und Riesenslalom. Gut möglich, dass der ohnehin schon prall gefüllte Trophäenschrank – diverse Deutsche Meisterschaften und Weltcupsiege, WM-Bronze im Slalom 2017, Weltcup-Gesamtsieg 2020 – demnächst noch ein paar Medaillen mehr beherbergt. Denn Ristau und Brenzel überragen.

Die Sportart, in der sie das tun, geht so: Gemeinsam bereiten sich die beiden Frauen auf die Strecke vor, gehen den Verlauf, Besonderheiten und mögliche Problemstellen durch. Wenn es losgeht, startet Brenzel kurz vor Ristau und gibt auf der Piste über ein Headset Kommandos, die den Verlauf der Strecke anzeigen. Ristau rast hinter Brenzel her und setzt die Kommandos um.

Viel Zeit ist bei 100 Km/h nicht, entsprechend knackig sind die Kommandos: Hoch! Drauf! Zack! Zieh! – Brenzel sagt an, Ristau reagiert, geht in die Hocke, legt sich quer, nimmt die Kurven. Einzig der etwas gemächlichere Riesenslalom lässt Zeit für detailliertere Ansagen, "da kann Paula auch Wellen oder Kuppen ansagen", so Ristau. Bei 60 Km/h, wohlgemerkt. Für Ristau "nur" 60 Km/h.

Eine Schicksalsgemeinschaft

Bei derlei Geschwindigkeit und Gefälle ist das nicht weniger als eine Schicksalsgemeinschaft, für die es Vertrauen und eine gemeinsame Wellenlänge braucht. Nachdem ihr früherer Guide die Karriere beendete, begab sich Ristau über den Hessischen Ski-Verband 2019 auf die Suche nach einer Nachfolgerin, mit Brenzel "hat es sofort gepasst, das ist nicht bei jedem Guide so."

Die Sportmanagement-Studentin Brenzel war früher selbst Abfahrtsläuferin, menschlich verstehen sie sich auch gut – und auf der Piste geht das Verständnis mittlerweile so weit, dass Ristau an der Stimmlage von Brenzel hört, wie sich die Strecke verändert. "Je nachdem, ob sie in der Stimme mehr Gas gibt oder sich entspannt, höre ich heraus, ob es steiler oder flacher wird." Ein in der Tat blindes Verständnis.

"Skifahren ist Freiheit für mich"

Und für Ristau mehr als das. Denn damit einher geht ein Gefühl, dass ihr als blinder Frau nicht viele Sportarten bieten können. "Skifahren ist Freiheit für mich", so Ristau. "Das habe ich in keiner anderen Sportart erlebt. Ich kann steuern." Adrenalin, Konzentration, vor allem die Deutungshoheit über die eigenen Bewegungen und Aktionen – Freiheit meint für Ristau auf der Piste auch die Kontrolle über etwas, das ihr die Beeinträchtigung andernorts vielleicht nimmt. "Es ist anders, als wenn ich hinten auf einem Tandemfahrrad sitze. Ich fühle mich glücklich, ich bin froh, wenn ich Ski fahre. Es geht mir gut. Und ich mag die Herausforderung."

Zumal diese Herausforderung auch aus dem Sport heraus auf Ristaus Alltag zurückstrahlt. "Durch das Skifahren habe ich mein Körpergefühl zurückbekommen. Wenn du weniger siehst, verlierst du auch das Gefühl für deinen Körper", so Ristau. Bemerkbar machte sich das in ganz alltäglichen Situationen. "Ich wusste weniger, wie ich gerade stehe, wie meine Position ist, wie ich mich bewege, wie stabil ich bin", so Ristau.

Durch das Skifahren sei das Gefühl dafür wiedergekommen. "Beim Skifahren geht es viel um Körperkoordination, Ganzkörperspannung und Balance, das kommt mir im Alltag sehr zugute. Ganz oft merken andere Menschen erst einmal nicht, dass ich fast blind bin, weil ich mich so sicher bewege. Das ist ein schönes Gefühl."

"Jetzt hau ich richtig einen raus!"

Sieht man ihre rasanten Abfahrten, würde man ihre Beeinträchtigung ohne Vorwissen auch dort nicht unbedingt bemerken. Zu schnell, zu sicher, zu rasant fegt Ristau durch diesen ganz und gar bemerkenswerten Sport, sammelt Medaillen und Rekorde und hat dabei stets das eine große Fernziel vor sich: Gold bei den Paralympics 2022. "Eine Goldmedaille wäre ein Traum", so Ristau.

Bis dahin ist es noch ein Stück, erst einmal gilt die Konzentration den Weltcups. Die Aufregung vor dem Start, die zitternden Beine, das Kribbeln im Magen, ist übrigens meist eine gute, positive Aufregung, der Gedanke "Bist du eigentlich bekloppt?" selten, so Ristau. Dafür gibt es einen anderen Gedanken, kurz bevor es losgeht, den sie sehr viel häufiger denkt, oben am Berg, mit dem Wind um die Nase und der Skipiste vor sich, die sie nicht sieht: "Jetzt hau ich richtig einen raus!"