Steven Müller

Steven Müller war Footballspieler und kam nur zufällig zur Leichtathletik. Nun startet der Friedberger über 200 Meter bei Olympia. Eine kuriose Geschichte über abgerissene Hemden und die Uni-Cafeteria.

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Zwei Dinge packte Steven Müller am Sonntag zuerst in seinen Koffer für Tokio: seine Spikes und seine geliebte Halskette als Talisman. Am Montagabend fliegt er nach Japan zu seinen ersten Olympischen Spielen. In einem Vorbereitungscamp in Myasaki wird er sich an die Gegebenheiten in Japan akklimatisieren, bevor es am 3. August ernst wird: Um 11:00 Uhr Ortszeit startet Müller von der LG OVAG Friedberg-Fauerbach in den 200-Meter-Lauf-Wettbewerb. Er hat unter den Olympia-Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen der kuriosesten Wege eingeschlagen, denn Müller war eigentlich Football-Spieler.

Er spielte als Wide Receiver oder Kick-off-Returner bei den Paderborn Dolphins in der Dritten Liga. Und zwar so gut, dass sich Erstliga-Klubs aus Marburg, Bielefeld und Remscheid um ihn bemühten. Müller wollte im Jahr 2013 den nächsten Schritt gehen, dafür aber seine Schnelligkeit verbessern - für den Football wohlgemerkt. Ein Freund aus dem Team empfahl ihm, sich an den Leichtathletik-Trainer Otmar Velte zu wenden.

Sein Trainer erinnert sich: "Oh Gott, was ist das für einer?"

Der erinnert sich an das erste Treffen mit einem Lächeln: "Da kommt so ein junger Mann, abgerissenes T-Shirt, so eine weite Hose ... da hab ich gedacht: Um Gottes willen, was ist das denn für einer?" Müller weiß noch, dass er den Trainer ohne großes Aufwärmprogramm mit seinen Zeiten über 100 Meter überzeugen konnte. "Der Trainer dachte: Wenn einer das aus der kalten Hose und mit so einer schlechten Technik schafft, dann kann man noch mehr rausholen", erzählt er im Gespräch mit dem hr-Sport. Dabei war er sich selbst noch nicht ganz sicher, ob er wirklich zur Leichtathletik wechseln sollte.

"Die Entscheidung fiel so um das Jahr 2014. In meinem Football-Team gab es einen Umbruch, viele Freunde sind weggegangen. In der Leichtathletik hatte ich die Möglichkeit, international zu starten." In seinen frühen Läufen verpasste er Finalteilnahmen nur knapp und war angestachelt: "Das hat mein Ego angkratzt." Er wollte weiter machen - und musste dafür allerdings einiges umstellen: die Ernährung, das Training und auch seine Arbeit.

Kein Fast Food und keinen Nebenjob mehr

"Am Anfang war ich durch den Football obenrum gut bepackt, ich musste weniger Masse mit mir rumtragen", erzählt er. Beim Football gönnten sich die Spieler schon mal Fast Food und zu viel Kohlenhydrate. In der Leichtathletik musste Müller fortan darauf verzichten, auch um Verletzungen vorzubeugen. Außerdem nahm Müller Abschied von seinem Job an der Kasse.

Steven Müller

Er studiert noch immer in Kassel Berufspädogik in den Fächern Sport und Metall, will also Schüler an der Berufsschule bald auf Jobs wie beispielsweise als Mechatroniker vorbereiten. Lange Zeit arbeitete er in der Uni-Cafeteria, bis sein Trainer Velte ihm nahelegte, den Nebenjob aufzugeben. Müller sagt über seinen Coach: "Er hat bei mir aus einem Hobbysportler einen professionellen Athleten gemacht." Mit Erfolg: Müller wurde mehrfach Deutscher Meister und ist nun Olympia-Teilnehmer.

Von Olympia erfährt er auf dem Weg zum Training

Dabei stand auch in diesem Jahr die Teilnahme auf der Kippe. "Die Saison lief nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben", sagt Müller. Die Olympischen Spiele hatte er eigentlich schon abgehakt, bis ihn am 3. Juli sein Kollege Aleixo-Platini Menga anrief und von Müllers Nominierung berichtete. Da war er gerade im Auto auf dem Weg zum Training.

"Das war schon so überraschend, dass wir erst einmal rechts angefahren sind und ich mir den Link im Netz angeschaut habe." Dort konnte der 30-Jährige schwarz auf weiß lesen, dass er es aufgrund der Weltrangliste noch auf die Liste für Tokio geschafft hatte: "200 m - Steven Müller - LG OVAG Friedberg-Fauerbach". Vor dem großen Tag macht Steven Müller sich aber keinen Druck. "Für mich geht ein großer Traum in Erfüllung. Warum sollte ich mir das kaputt machen, indem ich zu viel nachdenke? Ich will in Japan einfach nur jeden einzelnen Moment genießen." Momente, die er sich selbst wohl vor zehn Jahren nicht erträumt hätte.