Anuradha Doddaballapur

Die Frankfurterin Anuradha Doddaballapur ist Team-Kapitänin der deutschen Cricket-Nationalmannschaft. Nun ist ihr etwas gelungen, was zuvor noch keine Frau in ihrem Sport geschafft hat.

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zum Video Der Cricket-Weltrekord von Anuradha Doddaballapur aus Frankfurt

Anuradha Doddaballapur
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Der Boden, auf dem die Frankfurter Cricket-Frauen spielen, ist hart, und der Rasen am Ende des Sommers ausgedörrt und braun. Einzig die Pitch, ein schmaler, etwa 20 Meter langer Streifen Kunstrasen, leuchtet in hellem Grün. Auf diesem stehen sich zwei Spielerinnen gegenüber, die eine mit Ball in der Hand, die andere mit Schläger. "Ready?", fragt Anuradha Doddaballapur und nimmt Anlauf. Der Ball titscht einmal auf das Grün des Kunstrasens und wird dann von ihrer Gegnerin in den blauen Spätsommerhimmel gefeuert, woraufhin plötzlich alles in Bewegung gerät.

Cricket – eine Art kompliziertes Brennball. Kaum zu glauben, dass dieser Sport nach Fußball zu der beliebtesten Sportart weltweit gehört, wirkt er hierzulande doch recht exotisch. Anuradha, kurz Anu genannt, gehört in Deutschland zu den besten dieser Sportart. Seit kurzem ist sie auch über die Landesgrenzen hinweg bekannt, denn sie hat bei einem Spiel der Nationalmannschaft gegen Österreich Historisches geschafft.

Doddaballapur auf einer Stufe mit den Cricket-Superstars

Als erste Frau im internationalen Cricket ist es ihr gelungen, vier Schlagfrauen hintereinander rauszunehmen. Das ist bislang überhaupt erst zwei Menschen gelungen: Lasith Malinga aus Sri Lanka und Rashid Khan aus Afghanistan. Die beiden Männer sind Superstars der Szene.

"Ich habe gar nicht sofort realisiert, dass ich einen Weltrekord aufgestellt habe", sagt Anuradha in Englisch und muss lachen. "Man ist in solchen Momenten total auf das Spiel fokussiert und hat keine Statistiken im Kopf." Erst später, als ihr Handy vor Glückwunschnachrichten explodierte, wurde ihr klar, was sie erreicht hatte. Seitdem häufen sich auch die Medienanfragen für die 34-Jährige, besonders aus ihrer Heimat in Indien, wo sie damals im Garten mit ihrem Bruder und den Nachbarskindern mit dem Cricket begonnen hatte.

Einziges hessisches Frauen-Team 2015 gegründet

Dem Sport blieb Anuradha auch treu, als sie zum Studieren nach England ging. Allein die Entscheidung, in Frankfurt an der Goethe-Universität zu promovieren, stellte sie vor eine Herausforderung. "Meine Teamkollegen in England sagten mir: Bist du verrückt? Was willst du in Deutschland, da spielt niemand Cricket", erzählt Anu lächelnd. Und tatsächlich fand sich in Frankfurt nur ein Männer-Cricket-Club, dem die Inderin aber beitrat und mittrainierte.

"Das war schon sehr ungewöhnlich", erinnert sie sich. 2015 gründete sie deshalb kurzum ein Frauen-Team. "Wir haben an den Unis und in Supermärkten Zettel aufgehängt und gefragt, wer Lust hat mitzumachen. Selbst wer noch nie etwas von Cricket gehört hatte, sollte einfach kommen, wir erklären dann die Basics."

Fulltime-Job am Max-Planck-Institut

Heute sind sie mit etwa 15 Mitgliedern das einzige Frauen-Cricket-Team in Hessen, spielen in der Bundesliga und wurden in der vergangenen Saison Liga-Zweite. Trainiert werden sie von Anuradha persönlich – neben ihrem Fulltime-Job am Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung. Hinzu kommen das Training und die Turniere mit der Nationalmannschaft, in der Anu mittlerweile Kapitänin ist. Möglich ist das im Cricket durch eine Regelung, bei der alle Spielerinnen und Spieler bereits nach drei Jahren in Deutschland für die Nationalmannschaft starten dürfen.

Weil sie selbst aus einem Land kommt, in dem Cricket zum Volkssport gehört, möchte Anuradha Cricket in Deutschland populärer machen. "Ich fände es schön, wenn Cricket durch meinen Weltrekord in Deutschland bekannter werden würde und die Leute merken, dass es ein richtig gutes Frauen-Team hier gibt. Es ist wirklich ein toller, familiärer Sport." Dann dreht sie sich um und feuert die Fängerin auf dem Feld an, die den Ball wieder zurück zur Pitch wirft.

Anuradha Doddaballapur: "Cricket lernt man ganz schnell"

In der Zwischenzeit ist Anuradhas Gegnerin mit dem Schläger auf die gegenüberliegende Seite gesprintet und hat damit für ihr Team einen "Run" gemacht. Es wirkt wie eine komplizierte Choreografie, doch Anuradha beruhigt: "Wenn man einfach mal mitmacht, lernt man es ganz schnell. Versprochen!"

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 20.09.20, 19.30 Uhr