Jana Gallus aus Bruchköbel lebt in den USA und ist begeisterte Läuferin. Doch wegen der Corona-Pandemie ist an Marathon nicht zu denken – eigentlich. Die Hessin, die eine bewegende Lebensgeschichte zu erzählen hat, stellt nun einen digitalen Marathon auf die Beine.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Jana Gallus und der Online-Marathon: Es geht auch um einen Rekord

Jana Gallus
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Mehr als 6.000 Läuferinnen und Läufer aus aller Welt versammeln sich am 31. Juli 2011 in den Straßen San Franciscos, um für 42,195 Kilometer Schmerzen und Leid durchzustehen, aber auch Freude und Gemeinschaft zu erleben. Bei guten äußeren Bedingungen von ca. 20 Grad Celsius und leicht bewölktem Himmel sind die Teilnehmer unterwegs. Mitten unter ihnen ist Jana Gallus aus Bruchköbel (Main-Kinzig). Für sie ist es der erste Marathon in ihrem Leben. Sie hatte sich spontan dafür angemeldet, doch bereits dieser erste Marathon löst in ihr das sogenannte "Runners High" aus. Von nun an versucht sie jedes Jahr, einen Marathon zu laufen.

Ihren nächsten peilt sie an diesem Samstag (20. März 2021) an. Doch dieser wird kein gewöhnlicher Marathon sein, denn aufgrund der Corona-Pandemie organisiert sie einen globalen Marathonlauf, bei welchem die Teilnehmenden zwar individuell laufen, allerdings über eine digitale Community trotz Isolation ein Gemeinschaftsgefühl entwicklen können.

Noch vor gut einem Jahr hatte Gallus in ihrer Wahlheimat Los Angeles an einem Marathon teilgenommen. Zu diesem Zeitpunkt beherrschten bereits die Meldungen zum damals neuartigen Coronavirus die Schlagzeilen. Die Rennleitung sagte das Rennen allerdings nicht ab, denn es war die 35. und damit Jubiläumsausgabe des prestigeträchtigen Rennes. Nur wer damals aus eine Risikogebiet kam, durfte nicht starten.

"Wir konnten uns nicht erlauben, fahrlässig zu sein"

Und Gallus? Sie überlegte gemeinsam mit ihrem Ehemann, ob sie überhaupt teilnehmen soll, denn die beiden sind Eltern von Drillingen, welche als Frühchen geboren wurden und deren Lungenfunktionen geschwächt sind. Sie gehören zur Corona-Hochrisikogruppe. Schließlich entschied sie sich, teilzunehmen, nahm allerdings als Vorsichtsmaßnahme keine Verpflegung vom Seitenrand an. "Keine Bananen, keine Riegel, kein Wasser – damit ich kein Corona bekomme", erzählt sie im Gespräch mit dem hr-sport. Sie vermied Kontakte und machte sich nach dem Rennen sofort auf den Heimweg.

In den Tagen nach dem Rennen ging schließlich alles sehr schnell. Das Virus verbreitete sich rasant quer durch die USA. Nach Rücksprache mit dem Kinderarzt entschied sich die Familie, drastische Maßnahmen einzuschlagen und die Stadt zu verlassen. Sie zogen aufs Land, um vor dem Virus zu fliehen. "Wir konnten uns nicht erlauben, fahrlässig zu sein", beschreibt Gallus die Situation. Seitdem lebt die Familie komplett isoliert: keine Treffen mit Freunden, die Kinder spielen lediglich untereinander und selbst die Einkäufe lässt sich die Familie nach Hause liefern. "Zu Beginn haben wir sogar die Einkaufstüten desinfiziert", erinnert sich die Bruchköbelerin.

Gemeinschaftlich der Isolation entkommen

An einen gewöhnlichen Marathonlauf ist in einer solchen Lebenssituation nicht zu denken. Doch bei einer individuellen Laufrunde kam der Wissenschaftlerin aus Hessen die Idee, alleine einen Marathon zu laufen und dabei trotzdem ein Gefühl von Gemeinschaft zu entwickeln.

Passend zu ihrem Forschungsgebiet von nicht-monetären Anreizen und sozialen Beziehungen an der renommierten University of California (UCLA), wo sie als Assistenz-Professorin tätig ist, versucht sie, die aufzubringende Motivation für einen Marathonlauf durch ein globales Gemeinschaftsgefühl zu stärken und dadurch ein gemeinsames Entrinnen von der Isolation für einen Tag zu ermöglichen.

Nur die Antarktis fehlt noch

Im Fokus des Laufes sollen dabei nicht Zeiten oder Leistungen stehen, prägend sollen viel mehr der Spaß am Laufen und das Miteinander sein. "Auch der Langsamste wird angefeuert", verspricht die Hessin. Sogar einen Ehrenpreis soll die Person erhalten, die am längsten für den Lauf benötigt: eine "laterne rouge" als besondere Auszeichnung. Weltweit haben sich bereits mehr als 200 Menschen angemeldet, nur aus der Antarktis fehlt noch jemand.

Und jeder kann mitmachen, wer sich vorab anmeldet, erhält eine der kreativ gestalteten Startnummern. Doch auch ohne vorherige Anmeldung ist eine Teilnahme möglich. Der eigene Lauf muss lediglich aufgezeichnet und anschließend ein Foto der Aufzeichnung zugeschickt werden. Auch die Absolvierung eines Halbmarathons oder Gruppenläufe sind möglich.

Gemeinsame Playlist, Hörbücher sowie ein virtuelles Treffen

Und das Gemeinschaftsgefühl entwickelt sich bereits. Sowohl auf der Internetseite als auch in sozialen Medien unter #RunTheWorld tauschen sich die Teilnehmer bereits rege aus: Eine gemeinsame Playlist wurde erstellt, Podcast- und Hörbuch- Empfehlungen werden ausgetauscht und selbst virtuelle Treffen sind bereits geplant, um anschließend den Lauf besprechen zu können.

Jana Gallus selbst wird den Marathon direkt vor der Haustür ihres neuen Wohnortes absolvieren. Mehrere Runden an ihrem Haus vorbei hat sie eingeplant. "Dann können die Kinder mich anfeuern."